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Neonazi-Aussteigerhelfer: "Die Deutschen sind zu ängstlich"

Arsenal von Neonazis: Bei einer Razzia in NRW beschlagnahmte Waffen Zur Großansicht
DPA

Arsenal von Neonazis: Bei einer Razzia in NRW beschlagnahmte Waffen

Seit zwölf Jahren hilft Michael Ankele Neonazis beim Ausstieg aus der Szene. Im Interview spricht er über die Ignoranz der Deutschen, den NSU und die wichtige Rolle von Dönerverkäufern im Kampf gegen die Rechtsradikalen.

SPIEGEL ONLINE: Die Aufdeckung der NSU-Terrorzelle hat einen Großteil der Deutschen wachgerüttelt. Wie schlimm ist das rechtsextreme Problem in Deutschland?

Ankele: Mittlerweile haben wir es mit einem heftigen Fanatismus zu tun. Ich erlebe ja bereits die zweite Generation von Aussteigern. Die erste Generation, die nach der Wende in den Rechtsextremismus abgerutscht ist, wollte sich austoben und ausprobieren. Da gab es diese neue Freiheit. Aber die Generation, die jetzt zu mir kommt und aussteigen will, die tickt anders. Dabei handelt es sich um Jungs, die ganz bewusst Nazi werden wollten.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie, um diese Jungs aus der Szene rauszuholen?

Ankele: Meine Arbeit ist die Resozialisation. Ich höre mir erst mal an, wo die Probleme sind und gewichte sie. Die Aussteiger müssen zur Ruhe kommen, sich wieder in die Gesellschaft einbringen, Drogen- oder Alkoholprobleme lösen, Schulden abbauen, Ängste loswerden. Es müssen Sicherheitsfragen geklärt, aber eventuell auch strafrechtliche Konsequenzen gezogen werden. Und dann muss ich für neue bürgerliche Kontakte sorgen. Das ist wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja auch ein großer Verfechter davon, Migranten und Aussteiger zusammenzubringen. Warum gerade Migranten?

Ankele: Es geht einfach um neue soziale Kontakte für die Aussteiger. Die Deutschen sind allerdings meistens zu ängstlich. Migranten hingegen sind aufgeschlossen, die haben nicht so oft ein Problem damit. Für einen Aussteiger ist es oft eine wahre Heldentat, in eine Dönerbude zu gehen. Die ausländischen Besitzer machen dann immer einen sehr guten Job und reden mit denen. Leider wird das von der Gesellschaft nicht gewürdigt.

SPIEGEL ONLINE: Helfen derartige Kontakte denn dauerhaft?

Ankele: Ich habe einmal einen jungen Aussteiger im Zusammenhang einer Vortragsreihe mit in nordrhein-westfälische Schulen genommen. Da gab es viele ausländische Schüler, die waren alle locker. Nach kurzer Zeit war das Eis gebrochen. Und auch der Aussteiger hat von Veranstaltung zu Veranstaltung eine lockere Einstellung bekommen. Das ging in einer Affengeschwindigkeit. Jetzt hat er einen syrischen Freund. Der hilft ihm immer bei Mathe.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Arbeit ist gefährlich, aber Sie bekommen kaum finanzielle Unterstützung. Fühlen Sie sich allein gelassen in dem Kampf gegen die Rechtsradikalen?

Ankele: Wir kommen in der Tat mit wenig Geld aus. Leider hat die Aussteigerszene nicht genug Beachtung, um mehr Aussteiger anzuziehen. Wenn die Projekte klar staatlich geregelt und gefördert würden und die Aussteigermethode besser angesehen wäre, könnten wir noch viel mehr machen. Außerdem müsste der Strafverfolgungsdruck endlich mal zunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren für ein härteres Durchgreifen in der Szene?

Ankele: Das ist die Voraussetzung. Der Aussteigerdruck steigt, wenn der Strafverfolgungsdruck steigt, also mehr Hausdurchsuchungen stattfinden oder Richter und Staatsanwälte konsequenter durchgreifen. Aber natürlich darf man nicht alles bei den Ermittlungsbehörden abladen und nur Erwartungen an die Aussteigerprojekte stellen. Der Kampf gegen den Rechtsextremismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Machen es sich die deutschen Normalbürger zu bequem?

Ankele: Wir sind als Bürger alle angewiesen, gegen das Nazi-Tum zu kämpfen. In der Schule muss viel besser vermittelt werden, wie brachial der Rechtsextremismus ist. Dank des NSU werden wir doch schon wieder als Nazi-Land angesehen. Ich sage Ihnen: Wenn wir die Aufklärung der Mordserie nicht richtig hinbekommen und den Nazis nicht zeigen, wo der Hammer hängt, können wir uns warm anziehen.

Das Interview führten Björn Menzel und Jens Kiffmeier

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1. Deutschland ist nicht Rechtsradikal
spon-facebook-10000083291 08.11.2013
Ich habe mit meinen fast 40 Jahren...meine Erfahrungen gemacht. Ob links oder rechts, jeder schlägt bewußt in dem Moment. Austeiger hin oder her ...in anderen Ländern werden sie fallen gelassen. In Deutschland bekommt jeder 20 Chancen sein leben zu regeln. Deutschland will keine Nazis!!!
2. Deutschland ist nicht Rechtsradikal
spon-facebook-10000083291 08.11.2013
Ich habe mit meinen fast 40 Jahren...meine Erfahrungen gemacht. Ob links oder rechts, jeder schlägt bewußt in dem Moment. Austeiger hin oder her ...in anderen Ländern werden sie fallen gelassen. In Deutschland bekommt jeder 20 Chancen sein leben zu regeln. Deutschland will keine Nazis!!!
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Zur Person
  • Michael Ankele ist Sozialarbeiter in Sachsen. Der 55-Jährige hilft seit zwölf Jahren Neonazis beim Ausstieg. Ankele arbeitet ehrenamtlich und leitet das Aussteigerprojekt "ad acta". Bislang hat er fast 100 Neonazis auf ihrem Weg aus der Szene betreut.


Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
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Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL
Kontakte im NSU-Umfeld


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