Proteste nach sexuellem Missbrauch in Spanien "Wir haben genug!"

Fünf Männer haben eine Frau in Pamplona sexuell missbraucht. Nach einem Schuldspruch kommen sie nun gegen Kaution frei. Erneut treibt der Fall des "Wolfsrudels" Tausende in Spanien auf die Straße.

Reuters

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Und plötzlich herrscht statt Vorfreude auf das weltberühmte Stierfest nur noch Wut in Pamplona. Kaum haben die Richter beschlossen, fünf Sexualstraftäter auf freien Fuß zu setzen, gehen am Donnerstagabend spontan zahlreiche Frauen, Männer und Kinder aller Altersgruppen auf die Straßen der nordspanischen Stadt. Sie schreien sich ihren Zorn aus dem Leib, schwenken selbstgemalte Zettel mit Aufschriften wie "Schande der Justiz" oder "Wir haben genug von der patriarchalischen Justiz!"

Am Freitagabend folgten weitere Protestkundgebungen in mehreren Städten, Vertreter aller größeren Parteien sprechen von einem Skandal. Der Fall "La Manada" bringt die Spanier auf gegen ihre Justiz. "La Manada", "das Wolfsrudel" - so nannten sich die fünf Männer, die vorvergangenes Jahr eine junge Frau vergewaltigten. Am Rande der weltberühmten Stierhatz von Pamplona drängten sie im Juli 2016 die damals 18-Jährige in einen Hausflur und vergingen sich an ihr.

Die fünf Männer filmten ihre Taten, teilten sie in ihrer WhatsApp-Gruppe - und brüsteten sich damit. Die Frau ließen sie auf einer Bank nahe des Hauses zurück, nachdem sie ihr zuvor noch das Handy weggenommen hatten.

6000 Euro Kaution

Im April waren sie schuldig gesprochen worden - allerdings nicht wegen Vergewaltigung, sondern nur wegen sexuellen Missbrauchs. Ihr Urteil begründeten die Richter damit, dass keine "Gewalt oder Einschüchterung" vorgelegen habe. Wenn das Opfer wie in Pamplona in einen Schockzustand verfalle und die sexualisierte Gewalt ohne große Gegenwehr über sich ergehen lasse, sei nach spanischer Rechtsprechung der Tatbestand Vergewaltigung nicht erfüllt.

Und so verurteilten die Richter die 27- bis 29-jährigen Männer aus Sevilla zu je neun Jahren Gefängnis. Schon damals hatte es enorme Proteste gegeben. Die Staatsanwaltschaft ging in Revision, sie hatte knapp 23 Jahre Freiheitsentzug gefordert.

Bis ein rechtskräftiges Urteil gefallen ist, kommen die fünf Männer aus der Untersuchungshaft frei - gegen eine Kaution von 6000 Euro pro Kopf. So hat es das Provinzgericht von Navarra nun beschlossen. Die Bekanntheit der Angeklagten verringere das Fluchtrisiko und der soziale Druck mache einen Rückfall "praktisch undenkbar", begründeten die drei Richter ihren Spruch. Zudem lebe das Opfer mehr als 500 Kilometer entfernt von ihnen in Madrid. Diese Region dürfen die fünf Männer nicht betreten. Die Staatsanwaltschaft und das Bürgermeisteramt von Pamplona wollen den Spruch anfechten.

Protest in Pamplona am Freitag
REUTERS

Protest in Pamplona am Freitag

Mit dem Fall "Wolfsrudel" erlebte Spanien seinen MeToo-Moment. Nach dem Schuldspruch gingen unter dem Motto "Yo sí te creo" ("Ich glaube dir") Zehntausende Menschen auf die Straße: für das Opfer, gegen die in ihren Augen patriarchalische Justiz und gegen Gewalt gegen Frauen. Zahllose Betroffene teilten in sozialen Medien ihre Erlebnisse , wie Männer sie belästigt, misshandelt, vergewaltigt hatten.

Die Rede ist von einem Massenphänomen. 2017 gingen bei den spanischen Behörden mehr als 166.000 Anzeigen wegen geschlechtsspezifischer Gewalttaten ein. 46 Frauen wurden von ihren Partnern oder ehemaligen Lebensgefährten ermordet. Die damalige konservative Regierung kündigte nach dem Urteilsspruch an, zu prüfen, wie man das Strafgesetzbuch überarbeiten könne.

"Diese Entscheidung ist merkwürdig"

Rund 1,3 Millionen Menschen unterschrieben damals eine Online-Petition, die fordert, die Richter abzusetzen. Jetzt läuft der Zähler wieder auf Hochtouren. Und auch Experten halten den Freisetzungsbeschluss für falsch.

"Diese Entscheidung verstößt zwar nicht gegen das Gesetz, aber sie ist sehr merkwürdig", sagte Manuel Cancio, Strafrechtsprofessor an der Autonomen Universität von Madrid, dem SPIEGEL. "Dasselbe Gericht, das während des Verfahrens zweimal entschieden hat, dass die Männer in Untersuchungshaft bleiben müssen, entscheidet nach dem Schuldspruch: Sie brauchen keine Untersuchungshaft mehr."

Eine mögliche Erklärung für den Gesinnungswandel der Richter ist laut Cancio, dass sie so ihre Unabhängigkeit demonstrieren wollten: gerade wegen des enormen öffentlichen Drucks.

Protest in Madrid
Getty Images

Protest in Madrid

So uneinig sich die Politiker in Madrid sonst sind: Die Freilassung des "Wolfsrudels" verurteilen sie über die Parteigrenzen hinweg, von Linksaußen bis weit rechts. Die neue Justizministerin Dolores Delgado nennt die im Prozess ans Licht gebrachten Tatsachen "schwerwiegend" und fordert einen "Mentalitätswandel".

Eine Expertenkommission soll prüfen, wie das Strafgesetzbuch reformiert werden kann. Ihre Vorschläge wird sie aber wohl erst im November veröffentlichen. Und auf den Fall "La Manada" hätten Gesetzesänderungen sowieso keinen Einfluss mehr. Die fünf Täter können sich nun auf einen Sommer in Freiheit freuen. Ihr Urteil wird frühestens für Herbst erwartet.

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