Spendengelder Geschäfte mit dem Tierschutz

Mit dem Elend von Hunden und Katzen lässt sich viel Geld einnehmen, gerade vor Weihnachten. Davon scheinen Geschäftemacher zu profitieren - für sie ist der Tierschutz nur Mittel zum Zweck.


Die Tierheimbetreiber bitten um Hilfe. "Wir benötigen dringend Baumaterial", schreiben sie auf der Website, die Hundebehausungen müssten isoliert werden. "Sollten Sie noch brauchbare Holzreste haben, würden wir uns freuen, wenn Sie sich bei uns melden würden!" Doch ein Mangel an Isoliermaterial dürfte das geringste Problem des Albert-Schweitzer-Tierheims im niederrheinischen Kranenburg sein. Seit fast fünf Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Kleve gegen eine Familie, die dieses Heim betreibt und mehreren Tierschutzvereinen vorsteht.

Der ehemalige Vorstand Sigurd Tenbieg, 70, wurde in diesem Sommer in seinem französischen Feriendomizil festgenommen, er sitzt wegen erhöhter Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Er soll Sozialversicherungsbeiträge in Höhe von mehr als 700.000 Euro hinterzogen und womöglich auch Spendengelder missbraucht haben.

Tenbieg hat ein Geflecht von Tierschutzvereinen aufgebaut, in dem auch seine Frau und seine Kinder Arbeit finden. Das Vereinsmotto "... aus Liebe zu den Geschöpfen", auf der Website umrahmt von einem roten Herz, bekommt so eine neue, andere Bedeutung. Nicht zum ersten Mal stehen die Verantwortlichen eines großen Tierschutzvereins im Verdacht, in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben.

"Der Tierschutz ist eine Gelddruckmaschine", sagt Stefan Loipfinger, Autor des Buchs "Die Spendenmafia". Größere Organisationen trügen häufig das Risiko der Selbstbedienung in sich. Mehr als 200 Millionen Euro spenden die Deutschen jedes Jahr für notleidende Kreaturen - besonders zur Weihnachtszeit sind die Menschen empfänglich für das Schicksal gequälter Hunde, streunender Katzen oder misshandelter Tanzbären.

Vorgänge im Verein Europäischer Tier- und Naturschutz

Die Bonner Staatsanwaltschaft ermittelt seit 2010 gegen Verantwortliche des Vereins Europäischer Tier- und Naturschutz (ETN) wegen Betrugs und Untreue. Er unterhält einen Tierschutzhof im Bergischen Land und ein Tierheim in Bad Karlshafen. Außerdem fördert er europaweit hundert Tierheime und andere Tierschutzprojekte.

Bei einem Vorgängerverein, dem Europäischen Tierhilfswerk, und dem diesem nahestehenden Deutschen Tierhilfswerk wurden in den neunziger Jahren 25 Millionen Euro verjubelt - entgegen dem Vereinszweck. Der damalige Vorsitzende führte ein Luxusleben, schaffte sich von den Spendengeldern mehrere Sportwagen und Oldtimer sowie eine Yacht in Thailand an. Nach langen Ermittlungen wurde er 2003 zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt.

Heute nimmt der Ingenieur Heinz Wiescher, 71, eine wichtige Rolle im Nachfolgeverein ETN ein. Er ließ das Vermögen von 15 Millionen Euro auf den ETN übertragen, ebenso die einst auch mit Drückerkolonnen geworbenen 55.000 Mitglieder. Auch Wiescher fährt gern Oldtimer; er legt Wert darauf, sie aus seinem Privatvermögen bezahlt zu haben. Doch manche Vereinsvorgänge unter seiner Ägide beschäftigen nun die Bonner Staatsanwaltschaft.

Wiescher war lange Zeit Präsident, inzwischen fungiert er als Ehrenpräsident. Er war bis September zudem Vorstandsvorsitzender der Stiftung des ETN und soll dafür ein monatliches Salär von 3000 Euro erhalten haben, was er nicht dementiert. Den ETN führt ein Vertrauter, gegen den ebenfalls ermittelt wird. Wieschers Führungsstil wird von Mitstreitern als "selbstherrlich" beschrieben. "Dem geht es nicht um Tierschutz, sondern nur um Machtausübung", sagt ein ehemaliges Führungsmitglied.

Unterstützt wurde offenbar ein Tierheim, das es gar nicht mehr gab

Aufklärungsbedarf gibt es etwa beim Umbau eines Bauernhofs im österreichischen Kleinwalsertal, der 2004 begonnen wurde und vom ETN mit knapp 100.000 Euro gesponsert wurde. Einige Vorstandsmitglieder sprachen sich damals gegen die Baumaßnahme aus. "Was hat ein deutscher Tierschutzverein davon, in Österreich einen Stall zu bauen?", fragen sie sich noch heute.

Die Anwälte, die Wiescher und der ETN beauftragt haben, nennen als Begründung für die Ausgaben, dass der Hof sich durch eine schreckliche und nicht artgerechte Tierhaltung ausgezeichnet hätte. "Befremdlich", so heißt es in einer neunseitigen Anzeige gegen Wiescher, seien freilich seine persönlichen Beziehungen zur Familie des geförderten Bauern. Dessen Schwester vermietet Ferienwohnungen, Wiescher soll seit 2002 mehrmals ein Appartement gemietet haben. Seine Frau ist Patin eines der Kinder der Bauernfamilie.

Der ETN soll auch ein Tierheim auf Mallorca unterstützt haben, obwohl dieses gar nicht mehr existierte - so steht es in einer Strafanzeige. Und warum zahlt der Verein über Jahre mehrere hunderttausend Euro an Anwälte? ETN und Wiescher weisen alle Vorwürfe zurück, auch die wegen des Betrugs und Untreue. Das mallorquinische Tierheim bekomme keine Gelder mehr, seit bekannt geworden sei, dass "die Einrichtung nicht so arbeitete, wie es zugesichert war". Die hohen Anwaltsausgaben dienten dazu, das unterschlagene Vermögen des Vorgängervereins zurückzuholen.

Offene Fragen

Die Staatsanwälte haben also noch einige Arbeit vor sich, bevor sie über den Fortgang des Verfahrens entscheiden können. Nicht anders ergeht es ihren Kollegen in Kleve: Auch im Fall des Albert-Schweitzer-Tierheims am Niederrhein sind noch viele Fragen offen. Die Ermittler glauben nachweisen zu können, dass Tenbieg und mehrere Familienmitglieder als Selbständige gemeldet wurden, um Sozialabgaben zu sparen; dieses Verfahren könnte schon bald zur Anklage kommen. Der mögliche Missbrauch von Spendengeldern ist noch nicht vollständig ermittelt und soll in einem zweiten Verfahren behandelt werden. Ein Rentner hatte die Staatsanwälte informiert. Er hatte einen Mitgliedsvertrag unterschrieben und sich gewundert, dass die Beiträge von einem anderen Tierschutzverein abgebucht wurden. Inzwischen liegen vier weitere Strafanzeigen vor.

Der engagierte Staatsanwalt Hendrik Timmer nahm gemeinsam mit zwei Wirtschaftsprüfern aus Düsseldorf, der Krefelder Kripo und dem Zoll monatelang die Finanzströme mehrerer Dutzend Konten unter die Lupe. Bei Durchsuchungen stellten sie kürzlich kistenweise Dokumente und eine große Menge Bargeld sicher. Tenbiegs Vereinsnetzwerk hat offenbar viele Einnahmequellen: von Spendenbüchsen, die in Geschäften aufgestellt werden, über gebührenpflichtige Tiervermittlung in den Heimen bis zu Mitgliedsbeiträgen. Dazu kommen noch Zuschüsse, etwa vom Verein Bund deutscher Tierfreunde (BdT). Tenbieg ist dessen Zweiter Vorsitzender.

Das Geld geht an die Vereine aus seinem Reich, etwa an die Südeuropäische Tierhilfe, Tierheim-Tierhilfe und den Tierschutzförderverein. Ein Teil der Gelder scheint, so die Ermittlungen, im Kreis zu fließen, hin und her - ein beliebtes Mittel, um Geldflüsse zu verschleiern. Wie Staatsanwalt Timmer es ausdrückt: "Wir haben teilweise nicht erklärbare Hin- und Rücküberweisungen gefunden." Laut Tenbiegs Anwalt spricht dies für eine ordnungsgemäße Buchführung.

Unklarer Verwendungszweck der Einnahmen

Ein dicker Batzen, fast zwei Millionen Euro, soll in den Jahren 2008 und 2009 bei der Firma Dialog Direkt Marketing gelandet sein. Führende Kräfte und weitere Mitarbeiter sind oder waren Mitglieder im BdT, wie sich bei den Ermittlungen herausstellte. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Rheinland-Pfalz - die zentrale Verwaltungsbehörde des Landes - nimmt die Finanzgebaren von Tierschutzorganisationen seit Jahren unter die Lupe. 2008 verhängten sie ein Sammlungsverbot gegen den BdT in Rheinland-Pfalz, auch weil mehr als ein Drittel der im vorherigen Jahr erhaltenen Spenden an eine Marketingagentur geflossen war. Eine beanstandenswerte Praxis, wie auch das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz im Jahr 2010 feststellte: Wenn Dienstleistungen an ehemalige Mitglieder ausgelagert würden, bestehe erhebliche Manipulationsgefahr.

Die Familie Tenbieg soll in den Jahren 2008 und 2009, die bisher von den Ermittlern untersucht worden sind, fast 300.000 Euro eingestrichen haben. Dieses Geld fehlt den Tieren.

Tenbiegs Rechtsanwalt, Sven-Henning Neuhaus, weist die gegen seinen Mandanten erhobenen Vorwürfe zurück. Der Vorwurf der Hinterziehung von Sozialversicherungsbeiträgen "entbehre jeder tatsächlichen Grundlage". Und vor Gericht werde sich herausstellen, dass es zu "keinem Zeitpunkt zu einem Missbrauch von Spendengeldern in Tierheimen und Vereinen gekommen ist, denen unser Mandant als Vorstand angehörte".

Die Ermittlungen müssten erst noch zeigen, ob Tenbieg und die Familienmitglieder tatsächlich 300.000 Euro kassiert hätten. In jedem Fall "handelt sich es um Zahlungen für geleistete Tätigkeiten".

Auf der Website des Albert-Schweitzer-Tierheims wird beklagt, dass die vielen Hundedecken gesäubert werden müssten, ohne dass eine vernünftige Industriewaschmaschine zur Verfügung stehe. "Wir reizen immer unsere Geldmittel bis zum letzten aus", so ist außerdem zu lesen, "um den Tieren immer ein Zuhause garantieren zu können."

Einfach sei das nicht: "Trotzdem bewegen wir uns ständig auf einem schmalen Grat."

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