Polizistenmord: Geheimdienstprotokoll über Kiesewetter-Mord soll Fälschung sein

Deutschen und amerikanische Geheimagenten waren wohl nicht Zeugen des mutmaßlichen NSU-Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter. Ein Dokument, das als Beleg für die entsprechende Nachricht diente, soll eine Fälschung sein.

Trauerzug für Kiesewetter (April 2007): Wohl kein Mord unter den Augen des Gesetzes Zur Großansicht
dapd

Trauerzug für Kiesewetter (April 2007): Wohl kein Mord unter den Augen des Gesetzes

Die Ermittlungsbehörden halten einen Vorwurf für ausgeräumt, der Ende vergangenen Jahres für bundesweites Aufsehen gesorgt hatte: Im Dezember berichtete das Magazin "Stern", ein Team aus deutschen und amerikanischen Geheimagenten sei womöglich Zeuge des Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter geworden.

Die Beamtin war im April 2007 in Heilbronn mutmaßlich von Terroristen der Neonazi-Zelle "Nationalsozialistischer Untergrund" erschossen worden. "Mord unter den Augen des Gesetzes?", fragte der "Stern" und druckte als Beleg Passagen eines angeblichen Observationsprotokolls der "Defense Intelligence Agency" (DIA) im Faksimile.

Der US-Nachrichtendienst habe dem Papier zufolge gemeinsam mit Kollegen "des bayerischen oder des baden-württembergischen Verfassungsschutzes" in Heilbronn seinerzeit einen Islamisten beschattet; die Agenten seien dabei in eine "Schießerei" zwischen Polizisten und Rechtsextremisten geraten. Aus den Ermittlungsakten, die dem Untersuchungsausschuss im Bundestag vorliegen, wird deutlich, dass die US-Regierung von einer Fälschung ausgeht.

Weder bei der CIA noch beim Militärgeheimdienst DIA habe man einen derartigen Observationsbericht finden können, teilte ein Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft dem Bundesinnenministerium mit. Zudem, so der US-Beamte, legten "mehrere Anomalien" in dem vom "Stern" abgedruckten Bericht den Schluss nahe, dass das vermeintliche Geheimdienstprotokoll "wahrscheinlich eine Fälschung" sei.

Davon geht auch das Bundesinnenministerium aus. Die Ermittler vermuten, dass die Information von einem Mann aus Hessen gestreut wurde, der sich gut zwei Wochen vor dem "Stern"-Bericht auch beim Bundeskriminalamt (BKA) und dem Bundesinnenministerium gemeldet und als Ex-Mitarbeiter eines US-Geheimdiensts vorgestellt hatte.

Im BKA sei der Hinweis des Informanten "als nicht relevant bewertet" worden. Inzwischen wurde der Mann von der Polizei befragt. Nach Überprüfung seiner Angaben und der Vernehmung der von ihm genannten angeblichen US-Observanten halten die Ermittler die Geschichte für unglaubwürdig. Ob der "Stern" den vorgeblichen DIA-Report weiterhin für echt hält, wollte die Redaktion auf Anfrage nicht sagen. Zu "redaktionellen Interna" gebe man "grundsätzlich keine Auskunft".

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Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.