Prostitution Das Milliardengeschäft mit dem Leid der Frauen

Mit käuflichem Sex werden in Deutschland Milliarden umgesetzt. Freier schwärmen von Flatrate-Bordellen, Touristen buchen Puff-Touren durch die Republik. Das Geschäft funktioniert nur, weil die Prostituierten oft ausgebeutet werden. SPIEGEL TV hat in "Europas Hurenhaus" recherchiert.


Hamburg - Natalia wurde ein besseres Leben versprochen, aber sie kam in die Hölle. Eine Freundin hatte der jungen Frau aus Moldawien den Kontakt zu einem Mann vermittelt, der einen Job im Ausland besorgen könne. Wenig später tauchte er auf, versprach 500 Dollar im Monat.

"Dann bin ich ins Auto eingestiegen", erzählt Natalia. "Als wir außerhalb des Dorfs waren, ist er in einen Wald gefahren. Er sagte: Für deine Arbeit muss ich dir noch was beibringen. Dann hat er mich vergewaltigt." Der Mann brachte sie nach Deutschland, wo Natalia jeden Tag anschaffen musste. "Jeden Abend hatte ich vier, fünf, sechs Kunden. Ständig wurde ich verprügelt. Geld habe ich nie bekommen."

Mit Prostitution werden in Deutschland jedes Jahr nach einer Schätzung der Gewerkschaft Ver.di 14,5 Milliarden Euro umgesetzt - auch wegen Schicksalen wie dem von Natalia. Wie sie bekommen die Prostituierten von dem Geld oft wenig, manchmal gar nichts.

Das sollte ein Gesetz ändern, das die rot-grüne Koalition 2001 verabschiedete. Es ermöglichte den Prostituierten, Lohn einzuklagen, in Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenkasse einzuzahlen. Damit wollte die Koalition der Prostitution gesellschaftliche Anerkennung verschaffen - Hure sollte ein Beruf wie jeder andere sein.

Hat das Gesetz die Situation von Prostituierten verbessert, sie zu selbstbestimmten Unternehmerinnen gemacht? Oder macht es nur das Leben von Menschenhändlern und Zuhältern leichter? Reporter von SPIEGEL TV sind dieser Frage in ihrer Reportage "Europas Hurenhaus" nachgegangen.

"Frauen aus Osteuropa sind ehrgeiziger, unkomplizierter"

Das Gesetz helfe Tausenden Frauen, ihren Beruf ohne kriminelles Umfeld auszuüben, sagt Felicitas Schirow, Aktivistin und früher selbst Prostituierte. Allerdings nutzen nur wenige Huren die Möglichkeiten, die das Gesetz bietet. Viele sind offiziell als Masseuse oder Hostess gemeldet. Doch, sie habe auch Sex mit Freiern, sagt eine Frau. "Aber das weiß keiner."

Deutschland ist inzwischen zu einem beliebten Ziel für Sextouristen geworden. Reiseveranstalter bieten geführte Touren von Puff zu Puff an. "Wir haben keine Clubs wie diese", sagt etwa ein Bordellbesucher aus den USA. "Das macht den Aufenthalt hier sehr angenehm."

Die Mehrzahl der Frauen kommt inzwischen aus dem Ausland, Schätzungen gehen von 60 bis 80 Prozent aus. Wie viele Prostituierte es insgesamt in Deutschland gibt, weiß niemand genau. Nach Angaben von Hilfsorganisationen und Gewerkschaften sind es aber mehrere hunderttausend.

Besonders aus Osteuropa strömen Frauen in die Bundesrepublik. Sie seien "ehrgeiziger, unkomplizierter, haben mehr Disziplin", sagt der Bordellbetreiber Sascha Erben. Oft werden sie mit falschen Versprechungen gelockt: eine Stelle als Verkäuferin, ein Auskommen als Kindermädchen. Andere treibt die Armut in ihren Heimatländern wie in Rumänien oder Moldawien nach Deutschland.

Flatrate-Sex, so oft der Freier kann, so oft er will

"Die Mädchen betreiben Prostitution aus Spaß", behauptet dagegen ein rumänischer Zuhälter. Das scheint wenig glaubhaft, wenn man Geschichten wie die von Siam kennt. Sie muss 1500 Euro monatlich zahlen - für eine Kammer, in der sie lebt und gleichzeitig Freier empfängt. Hilfsorganisationen berichten, den Prostituierten vom Straßenstrich blieben nur 15 Euro am Tag. Und dann stelle sich die Frage: zur Familie nach Hause schicken oder behalten?

Der ständige Zustrom von Frauen aus Osteuropa verschärft den Konkurrenzkampf unter Prostituierten - und drückt die Preise. Das bestätigt selbst der Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland. Auf dem Straßenstrich gibt es Sex für 20 Euro. "Im Durchschnitt stehen diese Frauen 14, 15 Stunden an der Straße", sagt der ehemalige Zuhälter René Fenske.

Bordellbetreiber locken Freier mit Flatrate-Angeboten. 99 Euro pro Abend etwa - und mehrere Frauen zur Auswahl, Sex inklusive, "so oft er kann, so oft er will", wie Bordellbetreiber Erben sagt. "Man muss sich nicht groß anstrengen, Mädchen kennenzulernen", sagt ein Kunde. "Man kann kurz seinen Spaß haben, kann aber auch guten Gewissens nach Hause gehen."

Aus Sicht der Frauen hört sich das anders an. Die Gäste hätten viele Ansprüche, sagen sie. "Wir müssen guten Service bieten, sonst hat man keine Chance, Geld zu verdienen."

In Moldawien versuchen die Behörden jetzt, junge Frauen vor dem vermeintlich besseren Leben in Deutschland zu warnen. Polizisten sind in Dorfschulen unterwegs, um aufzuklären.


SPIEGEL TV Magazin: Europas Hurenhaus - Deutschland fördert Prostitution und Frauenhandel. Sonntag, 22.40 Uhr, RTL

ulz



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insgesamt 297 Beiträge
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Seite 1
dlmb 28.07.2013
1.
Zitat von sysopSPIEGEL TVMit käuflichem Sex werden in Deutschland Milliarden umgesetzt. Freier schwärmen von Flatrate-Bordellen, Touristen buchen Puff-Touren durch die Republik. Das Geschäft funktioniert nur, weil die Prostituierten oft ausgebeutet werden. SPIEGEL TV hat in "Europas Hurenhaus" recherchiert. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/spiegel-tv-magazin-berichtet-ueber-prostitution-in-deutschland-a-913269.html
Die meisten Geschäftsmodelle im Dienstleistungsgeschäft funktionieren nur, weil die Angestellten ausgebeutet werden. Was ist da nun Besonderes an der Prostitution?
boam2001 28.07.2013
2. Wer hat´s erfunden ?
Das aus lediglich 3 Paragraphen bestehende Prostitutionsgesetz wurde 2001 durch die damalige rot-grüne Regierung eingeführt. Gleichzeitig wurde die "Förderung der Prostitution" nach § 180a I Nr. 2 im Strafgesetzbuch gestrichen. Die Folgen: Die Polizei hat kaum noch Handlungsmöglichkeiten, gegen Menschenhändler und Zuhälter vorzugehen. Bundesweit sprießen Bordellbetriebe wie Pilze aus dem Boden, in denen Prostituierte als Selbständige ihrem Gewerbe nachgehen. Die Profiteure: Die Bordellbetreiber, die von den "Selbständigen Prostituierten" in ihren Etablissement Tantiemen erhalten und Menschenhändler, die ebenfalls prozentual bei den Prostituierten "die Hand aufhalten". Die Ersteren handeln dem Gesetz nach ganz legal. Bei der zweiten Personengruppe bestehen große Schwieirigkeiten, deren illegales Treiben nachzuweisen (Angst und Einschüchterung der Prostituierten, duie unter Zwang handeln etc.). Der Gestezgeber: Die derzeitige schwarz-gelbe Regierung ist seltsamerweise ziemlich uninteressiert und handlungsfaul, um diesem immer größer werdenden Problem entgegenzutreten. Fazit: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Die derzeitig herrschende gesetzliche Lage bedarf dringend einer Reform, um den Menschenhandel und Zwangsprostitution einzudämmen. Wenn Deutschland mittlerweile als "größter Puff Europa´s" betrachtet wird, dann ist etwas faul. Das ist ein Etikett, was nun wirklich nicht gerade schmeichelhaft ist
OttoEnn 28.07.2013
3. falsche Formulierung
... das "Geschäft" wird doch nicht "mit dem Leid der Frauen" gemacht ?!
WhereIsMyMoney 28.07.2013
4.
Ausgebeutet? Werden denn nicht mindestens 90% aller Arbeiter ausgebeutet? Man muss wieder mal SPON kritisieren, dass speziell Frauen als Opfer dargestellt werden.
andimey3 28.07.2013
5. Und andere Berufe sind keine Ausbeutung?
Was ist mit Altenpfegerinnen, Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Friserinnen? Die wetzen von morgens abends umher und können kaum davon leben. Ist das keine Billigprostitution? Und wer sind da die Zuhälter? Zwischen einem Drittel und einem Viertel der Deutschen arbeitet für Löhne unterhalb der Armutsgrenze. Frauen trifft es am meisten. Aber das ist politisch so gewollt - und wurde von allen Parteien der bisherigen Regierungen so durchgesetzt.
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