Skandal um Berliner Rockermord Mit dem Rücken zur Wand

Obwohl die Berliner Polizei über einen bevorstehenden Mord im Rockermilieu informiert war, warnte niemand das spätere Opfer Tahir Ö. Man habe nicht gewusst, wo der Mann sich aufhält, beteuert LKA-Chef Christian Steiof - doch Recherchen von SPIEGEL TV belegen das Gegenteil.

Von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer

SPIEGEL TV Magazin Rockermord
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Die letzten Wochen seines Lebens zieht Tahir Ö. wie ein Krieger durch seinen Kiez in Berlin-Reinickendorf. Der äußerst kräftige junge Mann - bei der Polizei als sogenannter Intensivstraftäter bekannt - gilt hier als "harter Hund", der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Wenn er sich draußen herumtreibt, trägt er eine Schutzweste, im Hosenbund steckt die jugoslawische Zastava-Pistole, Model 70 Kaliber 7,65 mm. Ö. ahnt wohl, dass er sterben könnte, denn sein Gegner ist die härteste Gang der Hauptstadt: die Hells Angels um ihren Chef Kadir Padir.

Am 10. Januar, kurz vor 23 Uhr, stürmen 13 teils vermummte Männer einem Rollkommando gleich das türkische Cafe Expect in der Residenzstraße. Tahir Ö. sitzt mit dem Rücken zur Wand im Hinterzimmer und spielt Karten mit drei Freunden. Seine Schutzweste trägt er an diesem Tag nicht. Ohne Vorwarnung schießt der mutmaßliche Schütze Recep O. und trifft Ö. viermal. Nach 25 Sekunden ist der tödliche Überfall vorbei. Tahirs Freund Erkan hält seinen Kopf, ein anderer versucht vergeblich, die Blutungen zu stoppen. Als Ö. stirbt, fängt einer an zu beten. Die Zastava-Pistole des Opfers wird nicht am Tatort gefunden.

Wie SPIEGEL TV bereits vergangene Woche berichtete, hätte der Mord womöglich verhindert werden können. So wusste die Berliner Polizei schon Wochen vor Tahirs Tod, dass er gefährdet ist und wo er sich aufhält - das belegen Unterlagen, die SPIEGEL TV exklusiv vorliegen.

V-Mann warnte vor Mordplänen

Dem Anschlag auf Ö. war Mitte Oktober 2013 eine Schlägerei vorausgegangen. Das spätere Opfer und ein paar Freunde, darunter ein Polizeibeamter, hatten sich vor einer Discothek mit Türstehern und Hells Angels geprügelt. Messer und Teleskopschlagstöcke wurden gezogen, ein Mitglied des Hells Angels MC (HAMC) musste verletzt ins Krankenhaus. Der unterlegene Rocker ist einer von Kadir Padirs Leuten.

In einem Vermerk vom 29. Oktober halten Fahnder des LKA Berlin fest, dass "die an der Tat beteiligten 'Tahir Ö.', 'Ekrem' und 'Ferhat' im Auftrag des Kadir Padir ermordet werden sollen. Der Mordauftrag ergeht aufgrund der schwerwiegenden Verletzungen bei den Angreifern, welche dem Umfeld des HAMC zuzurechnen sind." Als Quelle wird eine als zuverlässig eingestufte Vertrauensperson genannt.

Wie schon in anderen Fällen hätte die Polizei jetzt sogenannte Gefährdungsansprachen führen können: Sie sind ein gängiges polizeiliches Instrument, um potentielle Gewalttäter von ihrem Plan abzubringen - in diesem Fall Rockerchef Padir. Doch man entscheidet sich dagegen. LKA-Chef Christian Steiof gegenüber SPIEGEL TV: "Unsere Erfahrung ist auch, dass die Wirkung und Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen gegenüber Rockerangehörigen, zumal solcher Klientel wie Kadir Padir, ausgesprochen gering ist."

Auch Tahir Ö. erfährt nichts von den Erkenntnissen der Polizei. "Er war für uns nicht erreichbar. Er ist im Ausland, so lautete ein Hinweis. Er hat sich ins Ausland abgesetzt nach diesem Vorfall im Traffic", sagt Steiof. "Wir hatten keinen Hinweis, zu welchem Zeitpunkt er sich wieder in der Stadt aufhielt."

"Ist der behindert, das Opfer?"

Aus Unterlagen des LKA Berlin geht jedoch das Gegenteil hervor, denn die Ermittler hatten nach dem Hinweis des V-Mannes begonnen, diverse Telefonanschlüsse der Hells Angels abzuhören. So sind mehrere Gespräche zwischen Padir und seinen Leuten dokumentiert, in denen es auch um den Aufenthaltsort von Ö. geht. So erzählt ein Anrufer, dass Ö. immer in einem Imbiss in der Residenzstraße "rumhängt". Und dass er "eine Schutzweste und eine Waffe trägt".

Tahir Ö., so schildert es ein Anrufer, würde über Padir und die Hells Angels herziehen. "Ihr seid alle Angsthasen, ihr versteckt euch hinter dem Club", habe er herumgebrüllt. Padir, der sich gegenüber SPIEGEL TV nicht zu den Vorwürfen äußern will, findet das nicht lustig. Die Fahnder hören mit, als er droht: "Ist der Junge manisch, wie oft schon hat er Prügel von uns bekommen. Ist der behindert, das Opfer?"

Doch trotz der abgehörten Telefonate hielt es das LKA offenbar nicht für nötig, etwas intensiver nach Ö. zu suchen. Auch dass da einer mit Waffe und Schutzweste mitten durch Berlin lief und eine als gefährlich eingestufte Rockergruppe provozierte, interessierte offenbar keinen.

Überhaupt werden die Ermittler überraschend einsilbig, wenn es um den Hinweis der V-Person und das Vorgehen der Polizei in diesem Fall geht. "Das wird doch nur hochgekocht", wiegelte in der vergangenen Woche ein offenbar überforderter Pressesprecher ab. So behaupten Staatsanwaltschaft und Polizeiführung, es habe nur einen Hinweisgeber gegeben. Doch in den Unterlagen, die SPIEGEL TV vorliegen, findet sich ein zweiter Tippgeber. Zitat: "Ein weiterer Hinweis einer V-Person belegte die Information, dass der Kadir Padir Anstifter zu dem Mord war. Ferner konnte die V-Person einen Teil der Tatbeteiligten benennen (…). Dies bestätigt die hohe Qualität des Hinweises der V-Person."

Auch in dem Café, in dem Ö. starb, wurde am Tattag nicht sauber gearbeitet. Eine Woche nach dem Mord brachte Tahirs Freund Erkan die Zastava-Pistole zur Polizei. Er hatte sie nach den tödlichen Schüssen aus dessen Jacke gezogen und an sich genommen.

Mehr zum Mord an Tahir Ö. am Sonntag, 22:15 Uhr im SPIEGEL TV MAGAZIN bei RTL.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
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ScaryJow 02.02.2014
1. So ist das
Aber als ich im naiven Alter von 12 Jahren mit einem Flitzebogen auf dem Spielplatz herumgeschossen habe, was ein "besorgter Bürger" natürlich gleich melden musste, kamen sie gleich mit 3 Mann, um mir den Bogen wegzunehmen.
dorfeller 02.02.2014
2. son quatsch
wer sich in solchen kreisen aufhält weiß wie sowas endet son quatsch wenn er doch me Weste und ne knarre trägt war er vor bereitet. Eigentlich schade das es nicht mehr tode gab den nir so werden wir diese rocker los
lotharec 02.02.2014
3. optional
Die Ueberforderung bzw. das unqualifizierte Vorgehen der Berliner Polizei zeigt sich im Besonderen dadurch, dass solche sensiblen Informationen ueberhaupt an den SPIEGEL und damit an die Oeffentlichkeit kommen koennen. Dass "Gefaehrderansprachen" in diesem Milieu und vor diesem Hintergrund wenig nuetzlich sind, ist allerdings Tatsache.
taglöhner 02.02.2014
4. Interna
Gibt's eigentlich da keine scharfen Ermittler, die den Ermittlern auf die Finger gucken, so wie im Krimi? Der Szene nahestehende Polizisten sind wohl gar nicht so selten.
interessierter_mitbürger 02.02.2014
5. ...
Lasst die Polizei doch mal machen! Wenn es nichts bringt, dann ist es doch vergeudete Zeit und Mühe. Während sie sich darum kümmert mit möglichen Tätern und Opfern zu reden, kann sie andere Aufgaben nicht wahrnehmen. Offenbar haben sie ja mindestens eine V-Person...die Mühlen mahlen also... Lasst sie mal machen; wenn handfeste Beweise gesichert sind, die zu einer richtigen Verurteilung und nicht nur Anzeigen und Minimalstrafen führen, dann wird das schon alles seinen Lauf nehmen. Wird die V-Person enttarnt, dann wars das. Ein Polizist hat sich, an Seite eines oder mehrer Intensivstraftäter (die teilweise mit Schutzweste und Pistole in der Öffentlichkeit rumrennen), vor einer Disko mit Türstehern und Hells Angels geprügelt? Übel...das läuft was verkehrt...
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