Sprengstoffexperte im Interview "Die Bomben waren dilettantisch gebaut"

Die Kofferbomber von Dortmund und Koblenz waren unfähig, die Sprengsätze zu zünden. Das glaubt zumindest Sprengstoffexperte Bodo Plewinsky. Unfähig, zum Glück. Sonst hätten gewaltige Gasexplosionen die Züge verwüstet.


SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Bomben von Dortmund und Koblenz nicht explodiert?

Anschlagsversuch: Eine solche Gasflasche sollte im Zug explodieren.
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Anschlagsversuch: Eine solche Gasflasche sollte im Zug explodieren.

Plewinsky: Weil sie wohl dilettantisch gebaut waren. Ich kenne zwar die genaue Anordnung nicht. Aber nach dem, was bekannt ist, handelte es sich jeweils um eine Druckgasflasche und einen Behälter mit Benzingemisch. Das Benzin sollte anfangen zu brennen, die Flasche zum Bersten bringen und dann das Gas-Luft-Gemisch zünden. Das wäre wie eine Gasexplosion in einem Wohnhaus gewesen, das hält kein Zug aus. Doch offensichtlich hat nicht einmal das Benzin angefangen, zu brennen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei klingt Benzin als Zünder gefährlich...

Plewinsky: Normale Flüssigkeiten können nur brennen, nicht aber explodieren. Damit sie explodieren können, müssen sie erst als Gas oder aber in Tröpfchenform in die Luft transportiert werden. Auch wenn zuviel von dem Butan-Gas in der Luft ist, kann keine Explosion erfolgen. Das ist gemeint, wenn es jetzt heißt, die Bombe sei zu "fett" gewesen. Dabei geht es lediglich darum, dass zum Beispiel ein Benzingemisch nicht bei jeder Zusammensetzung explodieren kann. Wenn das Luftgemisch zu wenig Benzin enthält, spricht man von einer "zu mageren" Mischung. Aber es gibt eben auch das Gegenteil, die zu "fette" Mischung. Auch dann findet keine Explosion statt.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das Profis nicht passiert?

Plewinsky: Nein. Ich vermute eben, dass die Bombe viel zu dilettantisch gebaut war. Das brennende Benzin sollte die Flasche mit Butangas platzen lassen, aber die Frage ist doch: Birst die Flasche überhaupt? Das Benzin konnte doch sonst wo hinlaufen. Und in diesen Flaschen ist eine gewisse Sicherheit eingebaut, die halten einen erheblich erhöhten Innendruck aus. Schließlich vergessen manche sie ja auch im Sommer im Kofferraum, da wird es sehr heiß, und sie dürfen auch nicht explodieren.

SPIEGEL ONLINE: Wo lernt man, solche Bomben zu bauen?

Plewinsky: Direkt nirgends. Aber Studenten, die eine Vorlesung über chemische Sicherheitstechnik gehört haben, sollten eine solche Bombe bauen können. Aber es geht natürlich auch anders. Die Informationen dazu stehen in Büchern, im Internet und die Materialien gibt es überall.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lange dauert es, bis jemand dazu in der Lage ist?

Plewinsky: Eigentlich müsste man sich mit so etwas länger beschäftigen. Das kann man nicht in zwei Wochen lernen. Da ich aber glaube, dass die Bombe stümperhaft gebaut war, ist schwer zu sagen, wie lange sich die Attentäter wirklich damit beschäftigt haben.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind wir gar nicht so nah an der Katastrophe vorbeigeschrammt?

Plewinsky: Ja, das scheint so. Wenn allerdings etwas anderes in den Flaschen gewesen wäre, hätte ich schon Angst gehabt. Es gibt Substanzen, die erheblich gefährlicher gewesen wären.

Das Interview führte Sönke Klug



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