Spur eines Verbrechens Das Dorf, der Mord und das Schweigen

Rechtsextremisten quälten einen 16-Jährigen bestialisch zu Tode, versenkten die Leiche in einer Jauchegrube: Das Dorf Potzlow war vor sechs Jahren Schauplatz eines brutalen Mordes. Der Haupttäter könnte bald auf freiem Fuß sein. SPIEGEL TV ONLINE hat den Ort jetzt besucht.

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Potzlow - Die Straßen sind wie leergefegt an diesem Dienstag im Spätherbst. Nur eine Katze schleicht durch die matschigen Schneereste auf dem Bürgersteig. Potzlow, hundert Kilometer nordöstlich von Berlin, im Herzen der Uckermark. Ein paar Dutzend Häuser, ein kleiner Supermarkt, die freiwillige Feuerwehr, der Sportverein und die Dorfkirche. Auf den ersten Blick ist es ein aufgeräumtes Dorf in Brandenburg, wie viele andere auch.

Der erste Blick aber täuscht. Direkt vor dem Gotteshaus steht ein Gedenkstein. Er erinnert an Marinus Schöberl und damit an jenen Mord, der in ganz Deutschland für Erschütterung sorgte: In der Nacht vom 13. Juli 2002 quälen drei junge Männer den 16-jährigen Marinus zunächst stundenlang und bringen ihn dann brutal um. Ein echtes Motiv haben die Brüder Marco und Marcel S., damals 23 und 17 Jahre alt, und ihr 17-jähriger Kumpel Sebastian F. nicht.

Sie zwingen ihr Opfer, Schnaps zu trinken, bis er sich übergibt. Sie schlagen und verhöhnen ihn. Schließlich schleppen sie Marinus in einen Schweinestall auf dem ehemaligen LPG-Gelände am Rande des Dorfes. Er muss auf die Kante eines Futtertrogs beißen, dann springt Marcel S. auf seinen Hinterkopf – so wie er es im Film "American History X" gesehen hat. Marinus' Leiche verscharren sie in einer Jauchegrube. Erst als Haupttäter Marcel S. vor Freunden mit der Tat prahlt, kommt alles heraus. Bis dahin vergehen vier Monate.

Ein sinnloser Mord, begangen von drei angetrunkenen Schlägern aus Langeweile und Lust auf Gewalt. Zumindest Marco S. und Sebastian F. sind bekennende Neonazis. Marcel S. will wohl vor allem seinem Bruder imponieren. In dem lernbehinderten Förderschüler Marinus Schöberl finden sie ein wehrloses, wenn auch rein zufälliges Opfer.

Nach Bekanntwerden der Tat fällt die Medienkarawane in dem kleinen Ort ein. Es wird ein Bild gezimmert vom braunen Osten, von täglichen Saufgelagen und Gleichgültigkeit. Das hinterlässt Spuren. Sechs Jahre später sind Fragen nach "der Sache von damals" immer noch unbeliebt. "Ist das immer noch nicht vorbei?" – "Es muss doch mal Schluss damit sein!" – "Klar war das schlimm, aber man muss auch vergessen können." Das sind die Sätze, die einem die Potzlower entgegennuscheln. Wenn sie überhaupt etwas sagen.

Wer sich gegen das Schweigen stemmt, gilt als Nestbeschmutzer

Petra Freiberg hat jahrelang gegen das Schweigen gekämpft. Die Sozialarbeiterin des Jugendzentrums kannte Opfer und Täter und bemühte sich um Aufarbeitung. Vergeblich: "Da wurden viele Dinge aufgedeckt, über die man ehrlich reden müsste, um irgendwas zu verändern. Das ist natürlich nicht auf offene Ohren und Herzen im Dorf gestoßen."

Ähnliches berichtet auch Jürgen Lorenz vom Mobilen Beratungsteam Brandenburg. Ein Dreivierteljahr lang bot er mit seinen Kollegen den Menschen im Ort Hilfe bei der Aufarbeitung des Mordes an. Ohne Erfolg. Auswärtige haben es schwer in Potzlow. Die meisten hier wollen einfach weitermachen wie bisher. Sie wollen ihre Ruhe. Wer sich gegen das kollektive Schweigen stemmt, gilt als Nestbeschmutzer. Wie Petra Freiberg.

Doch die sind die Potzlower jetzt los. Petra Freiberg musste aufgeben. Die Gemeinde finanziert ihre Stelle nicht mehr. Jahrelang hat sie gegen die Geldprobleme des Jugendhauses angekämpft. Jetzt musste sie kapitulieren, hat eine Stelle in der Landeshauptstadt Potsdam angenommen. Damit geht die einzige professionelle Sozialarbeiterin. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht: "Keiner weiß, wie es hier weitergeht. Wie weit wird sich die Gemeinde engagieren? Wer erkennt endlich, wie wichtig die Jugendlichen sind?"

Haupttäter Marcel S. könnte Anfang 2009 frei kommen

Peter Feike sitzt im rund 15 Kilometer entfernten Amt Gramzow im Konferenzraum. Ein eigenes Amtszimmer hat der ehrenamtliche Bürgermeister der Gemeinde Oberuckersee, zu der Potzlow gehört, nicht. Feike macht sich Sorgen um die Jugend: "Die Abwanderung nimmt ja schon dramatische Züge an. Nicht nur, weil keine Freizeitangebote da sind, sondern weil letztendlich auch Arbeits- und Ausbildungsplätze fehlen." Ihm seien aber die Hände gebunden. Für die Jugendarbeit habe er kein Geld, sagt Feike. Und vom Landkreis, vom Land oder vom Bund kommt keine Hilfe.

Den Gedenkstein von Marinus Schöberl meiden die meisten Potzlower. Doch nun drohen die alten Wunden wieder aufzureißen. Der Haupttäter Marcel S. könnte Anfang 2009 vorzeitig aus der Haftanstalt Wriezen freikommen - wegen "guter Sozialprognose". Derzeit wartet er auf ein weiteres psychologisches Gutachten, das im Februar vorliegen soll. In Potzlow hoffen die meisten, dass er nach seiner Gefängnisstrafe nicht ins Dorf zurückkommt. Und das will er offenbar auch nicht.

Sein Bruder Marco bleibt im Knast. Noch fast zehn Jahre, danach droht ihm Sicherungsverwahrung. Sebastian F., der dritte Täter, ist schon lange wieder auf freiem Fuß. Und treibt als stadtbekannter rechter Schläger im nahen Templin sein Unwesen.



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