Staatsanwälte im Kachelmann-Prozess Alles unter Kontrollverlust

Für vier Jahre soll Jörg Kachelmann ins Gefängnis - wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht, die am Mittwoch plädierte. Auslöser der mutmaßlichen Vergewaltigung sei ein Kontrollverlust des Angeklagten gewesen. Der Vortrag geriet zu einer Abrechnung mit dem Moderator.

Von


Hamburg - Im Vorfeld schien es so, als gäbe es nur zwei mögliche Varianten, wie der 40. Verhandlungstag im Fall Kachelmann ablaufen kann: Entweder die Staatsanwaltschaft rückt in ihrem Plädoyer von ihrer Anklage gegen den 52-Jährigen ab - oder aber sie bleibt dabei.

Doch am Mittwoch kam es vor dem Landgericht Mannheim zu einer unerwarteten dritten Variante: Die Staatsanwaltschaft blieb nicht nur bei ihrer Anklage, sie schlug sich auch vehementer denn je auf die Seite des mutmaßlichen Opfers, betonte die Glaubwürdigkeit der Frau. Das Plädoyer geriet zu einer Abrechnung mit dem Wettermoderator.

Drei Staatsanwälte hatten sich das Plädoyer aufgeteilt: Oberstaatsanwalt Oskar Gattner, Lars-Torben Oltrogge und Werner Mägerle. Sie forderten eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten. Gattner sagte, Kachelmann habe sich der Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall und der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht. Darauf steht eine Mindeststrafe von fünf Jahren Haft. Man habe allerdings von einer höheren Strafmaßforderung abgesehen, weil Kachelmann durch die Medien belästigt und diffamiert worden sei, sein Privatleben in großem Umfang öffentlich gemacht wurde. Zudem habe der Schweizer auch beruflich Schaden erlitten.

Es gebe "keine vernünftigen Zweifel", dass sich das Tatgeschehen so zugetragen habe, wie das mutmaßliche Opfer behauptet, so die Ankläger. Kachelmann habe aus "Kontrollverlust" agiert - nach einem Streit mit der Frau, mit der er viele Jahre lang eine Beziehung führte und die ihm am Tatabend diese Beziehung aufgekündigt hatte. Kachelmann, der Frauen kontrollieren wolle, habe seine damalige Geliebte in einem emotionalen Ausnahmezustand mit einem Messer bedroht und vergewaltigt, sagte Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge.

Kein Blickkontakt zwischen Kachelmann und seiner Ex

Überraschend begleitete die Frau, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, ihren Anwalt am Mittwoch ins Gericht. Ihr Erscheinen werteten Prozessbeobachter vor Beginn der Verhandlung als klares Indiz, dass die Staatsanwaltschaft bei ihrem Strafantrag bleiben würde.

Aufrecht sitzend, ohne sich anzulehnen, verfolgte die 38-jährige Radiomoderatorin die Verhandlung, sie vermied jeden Blickkontakt mit Kachelmann.

Die Staatsanwaltschaft bescherte ihr einen Moment der Rehabilitierung: Nur weil sie einige Lügen zur Vorgeschichte der Tat eine Zeitlang aufrechterhalten habe, könne man nicht behaupten, sie sage "in keinem Punkt die Wahrheit", so Ankläger Oltrogge. Auch die Staatsanwaltschaft sei "nicht so blöd", zu übersehen, dass die Nebenklägerin in vielen Punkten gelogen habe. Dennoch gehe die Anklage davon aus, dass die Angaben zum eigentlichen Tatvorwurf zutreffen.

Die 38-Jährige beschuldigt Kachelmann, sie am 9. Februar 2010 nach einem Streit in ihrer Wohnung mit einem Küchenmesser bedroht und vergewaltigt zu haben. Der 52-Jährige bestreitet die Tat.

Löschte Kachelmann bewusst SMS-Nachrichten?

In seinem Plädoyer betonte Oltrogge, Kachelmann habe versucht, "Spuren zu beseitigen". So seien auf seinem Handy sämtliche SMS-Mitteilungen, die die Frau an ihn geschickt oder die er von ihr erhalten hatte, nicht mehr vorhanden. Kachelmann habe die entsprechenden Kontakte gelöscht, andere jedoch nicht.

Es sei zudem "ausgeschlossen", dass sich die Frau die Verletzungen am Hals selbst beigebracht habe. Im Prozess hatten insgesamt drei Gutachter ausgesagt, dass die Halsverletzungen vom Messer stammen können - aber nicht müssen.

Das Fazit eines Spurengutachters des Landeskriminalamts lautete: An dem vermeintlichen Tatmesser müssten ganz andere Spuren zu finden sein, wenn sich die Tat so zugetragen haben sollte, wie die Frau angibt.

Der Kieler Universitätsprofessor Günter Köhnken hatte klargestellt: "Es kommt nicht auf eine insgesamt scheinbar umfangreiche und detaillierte Aussage an, sondern darauf, ob sie diagnostisch relevant ist." Entscheidend seien allein die strittigen Teile der Aussage: die Schilderungen von Bedrohung, Gewalt, Zwang, Einsatz des Messers.

Oltrogge ignorierte all diese Aussagen und Expertenmeinungen in seinem Plädoyer und betonte, dass ebenfalls auszuschließen sei, dass sich die 38-Jährige die Hämatome an den Oberschenkeln selbst zugefügt oder die Spurenlage in der Wohnung präpariert bzw. manipuliert habe. Das Fazit mehrerer Sachverständiger, dass auch die Hautkratzer und Hämatome mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst beigebracht wurden, interessierte ihn offenbar nicht.

Bereits nach 15 Minuten hatte Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn den Staatsanwalt unterbrochen und für einen kurzen Eklat gesorgt: Schwenn kritisierte, dass im Plädoyer Fakten vorgetragen wurden, die im Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgebreitet worden waren.

"Verrückt wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde"

Schwenn warf Oltrogge vor, er nutze "die letzte Gelegenheit, den Angeklagten bloßzustellen. Es geht darum, den Angeklagten maximal zu schädigen". Oltrogge hatte aus früheren Vernehmungen des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers zitiert: Demnach sagte die 38-Jährige aus, Kachelmann habe ihr - von ihr auf andere Frauen angesprochen - erzählt, dass er einen Frauenhass habe. Er sei "krank" und "verrückt wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde" und deshalb bereits in psychologischer Behandlung gewesen.

Oltrogge hatte auch aus einem SMS-Verkehr vor der fraglichen Nacht zitiert. Demnach schrieb Kachelmann, das gemeinsame Essen könne man für die "Hauptaufgabe" weglassen. Laut Oltrogge eine Anspielung auf Sex.

Schwenn beantragte daher - was ungewöhnlich ist - für das restliche Plädoyer den Ausschluss der Öffentlichkeit. Nach einstündiger Beratung zwischen den Verfahrensbeteiligten zog er jedoch seinen Antrag zurück. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor zugesichert, auf Passagen hinzuweisen, die Persönlichkeitsrechte Kachelmanns berühren könnten.

Kachelmann folgte den Plädoyers der Staatsanwälte interessiert, in den Pausen zeigte er sich betont heiter, scherzte mit seinen Anwälten. Insgesamt plädierten die drei Ankläger mehrere Stunden lang.

Die eklatanten Erinnerungslücken zum mutmaßlichen Vergewaltigungsgeschehen, die im Verfahren mehrfach für Zweifel an den Vorwürfen sorgten, erklärte Staatsanwalt Werner Mägerle in einem weiteren Plädoyer damit, dass das Kerngeschehen für das mutmaßliche Opfer "die Bedrohung mit dem Tod, nicht der Geschlechtsakt war".

Kachelmann habe seiner Geliebten gedroht, er würde sie töten, wenn sie nicht still sei. Wenn aus Sicht der Frau diese Drohung und nicht der Geschlechtsverkehr das eigentliche Kerngeschehen der Nacht gewesen sei, sei es einleuchtend, dass sie bestimmte Teilaspekte der angeblichen Vergewaltigung nicht wahrgenommen habe, sagte Mägerle.

Kachelmanns Verteidiger schäumte vor Wut. "Ich hab da nichts gehört, was mich in irgendeiner Weise zweifeln lassen würde an meiner Haltung und an der Prognose, die die Verteidigung inzwischen stellt", sagte Schwenn in einer Sitzungspause. Der Hamburger Strafverteidiger hatte sich zuletzt zuversichtlich gezeigt, dass der Prozess mit einem Freispruch für seinen Mandanten enden könnte. Wer Johann Schwenn kennt, weiß: Am kommenden Dienstag wird er sich für die Abrechnung an diesem Mittwoch rächen.

Mit Material von dapd

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 213 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ex-Kölner 18.05.2011
1. Aha!
"In seinem Plädoyer betonte Oltrogge, Kachelmann habe versucht, "Spuren zu beseitigen". So seien auf seinem Handy sämtliche SMS-Mitteilungen, die die Frau an ihn geschickt oder die er von ihr erhalten hatte, nicht mehr vorhanden. Kachelmann habe die entsprechenden Kontakte gelöscht, andere jedoch nicht." So ist das also: Wenn ich feststelle, daß eine Beziehung sich totgelaufen hat, mich die betreffende Person nervt und ich deswegen ihre Briefe verbrenne, ihre Mails und SMS lösche - dann macht mich das schon verdächtig. Brilliante Logik... Dummerweise null Beweiskraft.
mursilli 18.05.2011
2. Kachelmanns Pech
Zitat von sysopFür vier Jahre soll Jörg Kachelmann ins Gefängnis - wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht, die am*Mittwoch plädierte. Auslöser der mutmaßlichen Vergewaltigung sei ein Kontrollverlust*des Angeklagten gewesen.*Der Vortrag*geriet zu einer Abrechnung mit dem Moderator. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,763242,00.html
Auch wenn Kachelmann nicht schuldig sein mag, so fällt ein Schatten auf sein Verfahren durch die Verhaftung des Dominique Strauss-Kahn. Wenn selbst das möglich ist, dass der Direktor der Weltbank, Aspirant auf das Amt des französischen Präsidenten, derart entgleist, wie der Tatvorwurf lautet, dann ist doch ähnliches einem kleinen, übergeschnappten Wettermoderator auch zu zutrauen. Öffentlich sind ohnehin beide vor- verurteilt. Auch wenn hierzu kein Wort fallen mag, für die Fraktion Alice Schwarzer (der der lockige Staatsanwalt Oltrogge offenbar angehört) ist der Vorfall in New York dasselbe wie der Tsunami für die Grünen: Beide sehen sich in ihren Dogmen vollauf bestätigt: 1. Die Männer sind Schweine - ewiges Mantra in "Emma". 2. Die Atomkraft ist Teufelswerk - nein danke! Also, Anwalt Schwenn sollte nicht zu früh triumphieren.
nichtWeich 18.05.2011
3. Ja ja.... der Herr Staatsanwalt....
Zitat von sysopFür vier Jahre soll Jörg Kachelmann ins Gefängnis - wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht, die am*Mittwoch plädierte. Auslöser der mutmaßlichen Vergewaltigung sei ein Kontrollverlust*des Angeklagten gewesen.*Der Vortrag*geriet zu einer Abrechnung mit dem Moderator. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,763242,00.html
....will wohl hoch hinaus....in Dubio pro Reo.....das sollte auch ein Staatsanwalt wissen. Mangels Beweisen, darf Kachelmann nicht verurteilt werden, sonst gibts a Watschen vom BVerG.
mike.bauer 18.05.2011
4. Naja
Zitat von sysopFür vier Jahre soll Jörg Kachelmann ins Gefängnis - wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht, die am*Mittwoch plädierte. Auslöser der mutmaßlichen Vergewaltigung sei ein Kontrollverlust*des Angeklagten gewesen.*Der Vortrag*geriet zu einer Abrechnung mit dem Moderator. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,763242,00.html
Zeitungen sollten beide Meinungen objektiv darstellen und vor allem Fakten bringen. Das ist sogar der BILD besser gelungen wie dem Spiegel. Eben da die Öffentlichkeit ausgeschlossen war, können wir uns kein genaues Bild machen und nur mutmaßen. Davon abgesehen ist es nicht unwahrscheinlich, dass Opfer zum Nebengeschehen die Unwahrheit sagen. Höchstrichterliche Rechtsprechung sowie BGH Richter Nack (in seinem Buch) begründen warum dies nicht unmittelbar zum Freispruch führen kann. Insofern spielen diese "Tatsachen" für den Prozess keine Rolle. Ich würde es begrüßen, wenn Sie studierte Juristen Urteile und besonders Plädoyers kommentieren lassen.
herbert 18.05.2011
5. In Deutschland hat die Frau immer Recht !
Wenn eine Frau zur Polizei geht und sagt: Mein Mann hat mich geschlagen, dann muss der mann sofort das Haus verlassen und die Polizei zeigt satten Einsatz. Geht ein Mann zur Polizei und sagt: Meine Frau schlägt mich und provoziert mich mit dem Messer, dann guckt die Polizei nur mit Mitleid und sie schauen kurz nach der Frau und das war ist. Da diese polizeiliche Schwäche bekannt ist, wird in feministischen Kreisen das Kochrepept herausgegeben: Willst Du Deinen Mann los werden rufe die Polizei und sage, er droht mir und ist gewalttätig. Dank Rot Grün muss der Mann das Haus verlassen. In Frauenhäuser werden die Statistiken hochgepuscht, damit es mehr Fördergelder gibt. Staatsanwälte und Politiker sollten mal Psychologen an der Ehe und Partnerschaftsfront fragen, wer wohl gewalttätig ist? Denn Frauengewalt wurde lange vertuscht und sie ist ganz stark vertreten. Zu Kachelmann, habe das gefühl der Staatsanwalt hat sich seinerzeit zu sehr über das Kachelmannwetter geärgert und jetzt kommt die staatliche Retourkutsche. Ich behaupte: Die Kachelmannfreundin macht weinen auf Rache !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.