Prozess in Oslo: Breivik beruft sich auf Notwehr

Mit überheblicher Miene sitzt der Angeklagte im Gericht: Zum Prozessauftakt gegen Anders Breivik hat die Staatsanwaltschaft den Werdegang des Attentäters nachgezeichnet - der beruft sich auf Notwehr. Als ein von ihm produzierter Film vorgeführt wurde, brach der Massenmörder in Tränen aus.

Oslo - Es sind schmerzliche Stunden für Überlebende und Hinterbliebene: Der Prozess gegen den Massenmörder Anders Breivik hat mit der detaillierten Schilderung grausamer Details begonnen. Am Morgen verlas Staatsanwältin Inga Bejer Engh die Anklage und schilderte mehr als eine Stunde lang, wo und wie jedes einzelne Opfer von Breiviks Kugeln getroffen wurde. Am Mittag begann ihr Kollege mit der Schilderung des Hintergrunds. Staatsanwalt Svein Holden präsentierte die komplette Chronologie des Massenmords und untermalte die ohnehin grausamen Fakten mit Fotos, Videosequenzen und Stadtplänen, in denen die Tatorte gekennzeichnet waren.

Die Überlebenden der beiden Attentate vom 22. Juli 2011 mussten ihre wohl schrecklichsten Momente noch einmal durchleben. Hinterbliebene mussten hören, wie ihre Angehörigen starben. Die rund 200 Zuhörer in dem Gerichtssaal nahm der erste Verhandlungstag extrem mit: Während die Anklage verlesen wurde, flossen bei vielen Menschen Tränen. Ein junges Mädchen brach in der Prozesspause zusammen und musste betreut werden.

Der Attentäter von Oslo und Utøya zeigte sich beim Prozessauftakt am Montag in überheblicher Pose, nahm die Verlesung der Anklageschrift aber weitgehend regungslos hin. Er zeigte keinerlei Reue. Er gestehe die Taten zwar ein, sei aber nicht strafrechtlich verantwortlich, sondern habe vom Recht auf "Notwehr" Gebrauch gemacht, sagte der 33-jährige Rechtsextremist. Er muss mit 21 Jahren Haft oder Einweisung in die Psychiatrie rechnen.

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Anklage im Breivik-Prozess: Chronologie eines Massenmordes
Staatsanwalt Svein Holden schilderte ab Mittag chronologisch den Werdegang des Attentäters ab Mitte der neunziger Jahre bis zu seiner Inhaftierung. Er sprach ausführlich darüber, wie aus Breiviks Ideen der Plan wurde, eine Gewalttat zu verüben. Der Vortrag wurde mit Fotos, die Breivik teilweise selbst gemacht hatte, und Videoeinspielungen unterstützt. Um den Hinterbliebenen der Opfer und Überlebenden den Anblick der Aufnahmen zu ersparen, wies Holden vorab darauf hin.

Holden gliederte seine Ausführungen in fünf Abschnitte, die Perioden in Breiviks Leben entsprachen. Für die Zeit von 1995 bis August 2006 schilderte der Staatsanwalt eine unstete Existenz, in der sich Breivik zeitweise als Angestellter verdingt und mehrere Unternehmen gegründet hatte, von denen aber keines prosperierte.

2006 reifte laut Staatsanwaltschaft der Entschluss zur Gewalttat

Als Holden eine Internetseite nannte, auf der Breivik gefälschte Titel und Diplome verkauft und erhebliche Einnahmen erzielt hatte, lächelte Breivik selbstgerecht. Der Angeklagte zahlte laut Staatsanwaltschaft auf seine Einnahmen kaum Steuern und gründete eine Gesellschaft, um das Geld zu waschen.

Ein entscheidender Schritt vollzog sich laut Holden im Jahr 2006. Bis dahin habe Breivik versucht, mit ökonomischen Mitteln gegen die von ihm empfundene Islamisierung Europas zu kämpfen. "2006 entschloss er sich, eine Gewalttat zu verüben", sagte Holden.

Zu der Zeit ging Breivik keiner geregelten Arbeit mehr nach, lebte von Erspartem. Der Angeklagte habe ein Jahr intensiv "World of Warcraft" gespielt. Breivik habe gesagt, das Spiel sei seine "Martyriumsvorbereitung" gewesen. In der Zeit habe er auch an seinem Manifest "2083" gearbeitet. "Wie lange er daran geschrieben hat, ist unklar", sagte Holden.

Das Manifest, das insgesamt rund 1500 Seiten umfasst, will Breivik für das Netzwerk "Knights Templar" verfasst haben. Schon zu Beginn seiner Ausführungen betonte der Staatsanwalt jedoch, nach Überzeugung der Anklage gebe es diesen Tempelritterorden nicht. Breivik hatte Ermittlern gesagt, er sei ein Widerstandskämpfer in der rechtsextremen Gruppe. Einer der Hauptzwecke sei, islamische Menschen aus Europa zu vertreiben. Die Polizei fand keine Hinweise auf die Organisation und geht davon aus, dass Breivik allein handelte.

Während der Zeit von August 2006 bis zum 4. Mai 2011 arbeitete Breivik offenbar erstmals auf konkrete Taten hin. In dieser Zeit beschaffte er sich laut Anklage Ausrüstung, Waffen, Munition und Teile zur Anfertigung von Bomben. Als die Staatsanwaltschaft Breiviks Uniform, seine Ausrüstung - Gewehr und Neoprenanzug - erwähnt, lächelte Breivik erneut. Er kaufte der Anklage zufolge insgesamt vier Waffen und Dutzende Bombenbestandteile. Auf dem Anzug war ein Aufnäher angebracht: Darauf steht unter anderem "Multiculti Traitor Hunting Permit", "Jagdschein für Multikulti-Verräter".

Film-Kurzfassung des Manifests

Der Zeitraum zwischen vom 4. Mai bis 21. Juli 2011 ist für die Staatsanwaltschaft die Phase der Gewaltvorbereitung. Diese erfolgte laut Anklage auf einem abgelegenen Bauernhof, den Breivik am 1. Mai gemietet hatte und am 4. Mai bezog. Fotos zeigen ein weißes Wohnhaus und eine rote Scheune. "Das war ein geeigneter Ort zur Produktion der Bombe", so Holden. Breivik habe der Polizei genau geschildert, wie er die Bombe gebaut habe. Die Staatsanwaltschaft sei zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die Bombe mit aller Wahrscheinlichkeit tatsächlich so gefertigt wurde, wie Breivik es der Polizei geschildert habe.

Anhand von Fotos erklärte Holden, wo und wie Breivik die Bombe entwickelt haben soll. Der Anklagevertreter ging näher auf die Materialien der verschiedenen Sprengstoffe ein und schilderte, wie Breivik vier Mixer benutzte, um Kügelchen für den Sprengstoff zu zerkleinern, und einen Zementmischer, den er zum Vermischen der Komponenten benutzte. Fotos zeigten die Geräte ebenso wie 18 Säcke, die jeweils 50 Kilo der Hauptsprengladung enthalten haben sollen.

Breivik weinte bei Vorführung seines Videos

Gegen Mittag begann Holden mit der Rekonstruktion des Tattages: Am Morgen des 22. Juli 2011 wachte Breivik demnach bei seiner Mutter auf. Ab 8.15 Uhr saß er für einige Zeit am Computer und verschickte sein Manifest. Dann fuhr er in die Stadt, löste um 12.03 Uhr ein Parkticket, machte sich auf den Weg zum großen Markt. Bilder aus zwei Überwachungskameras zeigen ihn im gestreiften Pullover mit schwarzem Regenschirm und Aktentasche. Breivik ging zurück in die Wohnung seiner Mutter und lud dort einen Film ins Internet hoch, eine Kurzfassung seines Kompendiums.

Diesen Film zeigte die Staatsanwaltschaft unmittelbar vor der Mittagspause. Es ist ein Dokument, dass das krude Gedankengut von Breivik extrem beklemmend zeigt. Man habe lange darüber diskutiert, ob der Film vollständig gezeigt werden müsse, sagte Holden. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass dies nötig sei. "Der Film kann dem Gericht einige Hinweise auch in Bezug auf Breiviks Erklärung morgen geben", sagte Holden.

In diesem Moment zeigte sich auch Breivik gerührt. Als sein Videoclip vorgeführt wurde, traten dem 33-Jährigen Tränen in die Augen.

Ab Dienstag soll Breivik aussagen - Prozessbeobachter gehen davon aus, dass er die Gelegenheit nutzen wird, um seine nur schwer erträgliche Weltsicht darzulegen.

ulz/siu

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1. Fähiger Terrorist
bode777 16.04.2012
Zitat von sysopMit überheblicher Miene sitzt der Angeklagte im Prozess: Zum Auftakt des Verfahrens gegen Anders Breivik hat die Staatsanwaltschaft den Werdegang des Attentäters nachgezeichnet - der beruft sich auf Notwehr. Als ein von ihm produzierter Film vorgeführt wurde, brach der Massenmörder in Tränen aus. Prozess in Oslo: Breivik beruft sich auf Notwehr - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,827757,00.html)
Die Norweger machen es richtig; aber warum sehen die Medien nicht, was Breivik wirklich ist: Ein sehr fähiger, voll zurechnungsfähiger Terrorist. Und als solcher will er ja auch gelten, und das ist er auch. Nicht jeder kann eine solche Bombe bauen, oder einen solchen Plan durchführen. Er ist weder blöd noch unzurechnungsfähig, sondern ein sehr fähiger, gefährlicher Terrorist.
2.
kl1678 16.04.2012
Zitat von bode777Die Norweger machen es richtig; aber warum sehen die Medien nicht, was Breivik wirklich ist: Ein sehr fähiger, voll zurechnungsfähiger Terrorist.(...)
naja, "Commander des Templerordens" und zukünftige König von Norwegen, die Phantasieuniform, die Aluminiumfolienmütze um sich vor gedankenlesenden homosexuellen Polizisten zu schützen...
3. ...Stimmt
wkilikidoo 16.04.2012
Zitat von kl1678naja, "Commander des Templerordens" und zukünftige König von Norwegen, die Phantasieuniform, die Aluminiumfolienmütze um sich vor gedankenlesenden homosexuellen Polizisten zu schützen...
..denn gewöhnliche Menschen zeigen normales Verhalten. Also Nachrichten lesen oder schauen und ja nicht abweichen vom befohlenen. Den Schein nach aussen wahren und gelegentlich den einen oder anderen Mitbürger anzeigen, wegen seines Fahrstils oder wegen Ruhestörung. Normal halt.
4.
claymans 16.04.2012
Zitat von bode777Die Norweger machen es richtig; aber warum sehen die Medien nicht, was Breivik wirklich ist: Ein sehr fähiger, voll zurechnungsfähiger Terrorist. Und als solcher will er ja auch gelten, und das ist er auch. Nicht jeder kann eine solche Bombe bauen, oder einen solchen Plan durchführen. Er ist weder blöd noch unzurechnungsfähig, sondern ein sehr fähiger, gefährlicher Terrorist.
Ja, stimmt schon. Aber wenn das so bestätigt wird, kommt er nach 21 Jahren (also mit 54) wieder raus. Erklärt man ihn für einen Psycho wird er für den Rest seines Lebens weggeschlossen.
5. Offenbar hat der rassistische Massenmörder heute sein eigendliches Ziel erreicht.
hoffer 16.04.2012
Zitat von sysopMit überheblicher Miene sitzt der Angeklagte im Prozess: Zum Auftakt des Verfahrens gegen Anders Breivik hat die Staatsanwaltschaft den Werdegang des Attentäters nachgezeichnet - der beruft sich auf Notwehr. Als ein von ihm produzierter Film vorgeführt wurde, brach der Massenmörder in Tränen aus. Prozess in Oslo: Breivik beruft sich auf Notwehr - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,827757,00.html)
Weltweit kann er sich nun während des Prozesses wochenlang mit seinem Gedankengut live präsentieren. Sein kurz vor dem Attentat ins Netz gestellte Hetzvideo wurde zum Beispiel auf n-tv unkommentiert nur mit dem immer üblichen Laufband unten gezeigt. Offenbar hat Breivik seine Tatvorbereitungen schon vorausschauend auf Fotos festgehalten, damit sie bei der späteren Verhandlung präsentiert werden können. Es ist wohl auch nicht auszuschließen, daß aus den Verhandlungsübertragungen ein Kult- und Anleitungsfilm für rechte Rassisten entstehen wird. Selbst die logistische Vorbereitung und der Bau der Bombe wurden detailliert gezeigt. Seine Tränen im Gerichtssaal während der Film lief, kann ich nur als Freudentränen interpretieren.
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Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
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