Fall Trayvon Martin: Die Anklage lautet auf Mord

Von , New York

Seit mehr als sechs Wochen wühlt der Fall des erschossenen Teenagers Trayvon Martin Amerika auf - jetzt die spektakuläre Wende: Der vermeintliche Notwehr-Schütze George Zimmerman wurde verhaftet und wird wegen Mordes angeklagt. Der Skandal spaltet das Land weiter.

Angela Corey verliert ungern. Mehr als 25 Jahre lang hatte sie als Staatsanwältin in Florida geackert, hatte Hunderte Straftäter vor Gericht gebracht, darunter Dutzende Mörder. Dann wurde sie fristlos gefeuert. Sie revanchierte sich, indem sie für den Job ihres bisherigen Chefs kandidierte - und gewann.

Vier Jahre ist das her. Doch erst am Mittwoch hat Corey den härtesten Auftritt ihrer Karriere.

Seit 45 Tagen hält der Fall des erschossenen schwarzen Teenagers Trayvon Martin die USA in Bann. Nun ruhen alle Augen auf Angela Corey: Würde sie Anklage erheben gegen George Zimmerman, den selbsternannten "Nachbarschaftswächter" und untergetauchten Todesschützen? Würde sie ihn laufenlassen, wie es auch die Polizei getan hatte? Viel steht auf dem Spiel. Der Sinn für Gerechtigkeit. Der Glaube an die Justiz. Der öffentliche Frieden.

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Staatsanwältin Angela Corey: Mordanklage gegen George Zimmerman
Als Corey in Jacksonville vor die Reporter tritt, um ihre Entscheidung zu verkünden, lässt sie sich wenig anmerken von dem enormen Druck, der auf ihr lastet. Sie trägt eine Kette mit goldenem Kreuz und deutet schon in ihren ersten Worten an, wohin es gehen würde: "Es ist die Suche nach Gerechtigkeit für Trayvon, die uns zu diesem Moment gebracht hat."

Und dann formuliert Corey knapp, präzise und ohne Schnörkel ihre knallharte Anklage gegen Zimmerman: Mord mit bedingtem Vorsatz - "Second-Degree Murder", auch kurz "Murder Two" genannt. Zimmerman - der seit der Tat Ende Februar verschwunden war - habe sich gestellt und sitze jetzt in Haft.

Viel mehr sagt die Republikanerin zur Sache nicht. Aber es reicht, um die Gemüter zumindest vorübergehend zu beruhigen in diesem Skandal, der Amerika seit Wochen aufwühlt und in eine so unbequeme Debatte um Rassenhass und Waffenwahn gestürzt hat, wie es sie hier seit dem Mordprozess gegen Footballstar O.J. Simpson nicht gegeben hat.

"Danke, danke Herr, danke Jesus."

Lange hat es gedauert, viel zu lange. Ein Polizeichef musste gehen, ein Staatsanwalt wurde von dem Fall entbunden, und erst vor drei Wochen berief Rick Scott, der Gouverneur Floridas, Corey als Sonderstaatsanwältin, um den landesweit immer lauter werdenden Unmut zu dämpfen. Selbst Präsident Barack Obama hatte Stellung bezogen: "Wenn ich einen Sohn hätte", sagte er, "sähe er aus wie Trayvon."

Der Fall ist somit endlich in der Hand der Gerichte, und die gespaltene Nation kann aufatmen - wenn auch nur kurz. "Wir wollten doch nur eine Festnahme, und wir haben sie bekommen", sagt Martins Mutter Sybrina Fulton nach der Anklageverkündung unter Tränen. "Danke, danke Herr, danke Jesus."

Vor allem aber atmet Sanford auf, der Ort in Zentral-Florida, wo der 17-jährige Martin starb. Tausende Aktivisten waren eingefallen, um Zimmermans Verhaftung zu fordern, mit Protestmärschen und anderen Mitteln. Anfang der Woche feuerten Unbekannte mehrere Schüsse auf einen leeren Streifenwagen ab, und die militante Schwarzengruppe New Black Panthers hatte ein ominöses Kopfgeld von 10.000 Dollar auf Zimmerman ausgesetzt.

Doch der Bürgerrechtler Al Sharpton, der die wochenlangen Demonstrationen angeführt hat, ruft seine Truppen wieder zurück. "Unser Geschäft ist nicht Rache", beschwört er sie bebend. "Unser Geschäft ist Gerechtigkeit."

Ob die Anklage letztendlich in Gerechtigkeit mündet, bleibt freilich offen - und der Fall wird die Amerikaner zweifellos auch weiter spalten.

"Murder Two": Es ist der schwerste Vorwurf, den Corey erheben kann, sie hätte auch auf Totschlag plädieren können. Darüber gibt es nur noch eine weitere Stufe, "Murder One" (vorsätzlicher Mord). Eine solche Anklage müsste aber vorher von einem Großen Geschworenengericht abgesegnet werden, und das war Corey offenbar zu heikel. Sie behielt das Heft lieber selbst in der Hand.

Höchststrafe lebenslang

Das ist trotzdem riskant: Ist der Fall einmal in den Mühlen des Gerichts, ist alles möglich - und am Ende geht es oft mehr um die Show der Anwälte als Schuld oder Unschuld.

Die Mindeststrafe für "Murder Two" in Florida sind 25 Jahre Haft, die Höchststrafe ist lebenslang. Dazu muss Zimmerman aber erst nachgewiesen werden, dass er in jener Nacht, als er den unbewaffneten Martin erschoss, mit "verwerflichem Geist" gehandelt hat und "ohne Rücksicht auf menschliches Leben".

Das Gericht kann dabei immer noch mildernde Umstände berücksichtigen oder sogar Floridas umstrittenes Notwehrgesetz anwenden. Außerdem hat Zimmerman die Option, einen Prozess ganz zu vermeiden und eine geringere Strafe auszuhandeln, indem er sich schuldig bekennt. Das müsste Corey aber akzeptieren.

Hinzu kommt der enorme Medienrummel, der sich auch jetzt kaum legen wird und jede nüchterne Beweiserhebung verzerrt. "Nicht ohne Grund werden Fälle vor Gericht verhandelt, nicht in der Öffentlichkeit und in den Medien", sagt Corey zwar. Doch das ist Wunschdenken.

Die vielen Unwägbarkeiten erinnern an jenen anderen Sensationsprozess, der hier Schwarze und Weiße in Opposition gebracht hatte: 1994 kam Footballstar O.J. Simpson in Los Angeles wegen Mordes an seiner Ex-Frau Nicole Brown Simpson und ihrem Bekannten Ron Goldman vor Gericht - und wurde dann freigesprochen.

"Als Familie sind wir am Boden zerstört"

Es ist kaum ein Zufall, dass nun auch Marcia Clark, die glücklose Staatsanwältin im Fall Simpson, wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist und den Fall Martin kommentiert - als "Gerichtsexpertin" für CNN.

Die Saga Trayvon Martin ist also längst nicht zu Ende. "Wir haben einen weiten Weg vor uns", sagt Tracy Martin, Trayvon Martins Vater. "Wir werden marschieren und marschieren und marschieren, bis das Richtige geschieht." Wahrscheinlich wird der Prozess live im Fernsehen übertragen werden.

Einen Vorgeschmack gibt es bereits in der Nacht zum Donnerstag. Da kehrt der geflüchtete Zimmerman nach Sanford zurück - als Häftling in einem Konvoi aus schwarzen Geländewagen. TV-Kameras verfolgen live, wie der Angeklagte ins Gefängnis geschleust wird, eine schwarze Jacke über den Kopf geworfen.

Kurz darauf wagt sich Zimmermans Bruder Robert vor eine CNN-Kamera - via Satellit von unbekanntem Ort aus, weil er sich fürchtet.

"Als Familie sind wir am Boden zerstört", sagt er über die Anklage. "Wir sind enttäuscht." Doch CNN-Talkstar Piers Morgan lässt nicht locker: "Und was ist mit Trayvon Martin?", fragt er empört. "Der ist tot." Da kann Robert Zimmerman nur nicken: "Bedauerlicherweise."

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1. Mord und Second degree murder
EspritCritiqueM 12.04.2012
Zitat von sysopSeit mehr als sechs Wochen wühlt der Fall des erschossenen Teenagers Trayvon Martin Amerika auf - jetzt die spektakuläre Wende: Der vermeintliche Notwehr-Schütze George Zimmerman wurde verhaftet und wird wegen Mordes angeklagt. Der Skandal spaltet das Land weiter. Fall Trayvon Martin: Die Anklage lautet auf Mord - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,827026,00.html)
Mord nach dem deutschen StGB ist keineswegs vergleichbar mit second degree murder nach dem Recht der US-Bundesstaaten. Second degree murder ist - die Kriterien wechseln nach Bundesstaat - allenfalls vergleichbar mit Totschlag (bedingter Vorsatz) bzw. fahrlässiger Tötung. Generell ist "murder" trotz der etymologischen Verwandtschaft nicht mit Mord gleichzustellen, wenngleich das in der Presse gern geschieht.
2. das wird ein interessanter Fall
Christ 32 12.04.2012
man darf gespannt sein ob es so einfach war wie es scheint
3. Schlamperei
scarlet 12.04.2012
---Zitat--- "Wir wollten doch nur eine Festnahme, und wir haben sie bekommen", sagt Martins Mutter Sybrina Fulton ---Zitatende--- Wäre es nicht geschickter, Trayvons Mutter zu schreiben? ---Zitat--- [...]um Zimmermanns Verhaftung zu fordern[...] ---Zitatende--- ---Zitat--- Da kehrt der geflüchtete Zimmerman [...] ---Zitatende--- Ja wie heißt denn der gute Mann nun?
4. ?
deSelby 12.04.2012
Zitat von EspritCritiqueMMord nach dem deutschen StGB ist keineswegs vergleichbar mit second degree murder nach dem Recht der US-Bundesstaaten. Second degree murder ist - die Kriterien wechseln nach Bundesstaat - allenfalls vergleichbar mit Totschlag (bedingter Vorsatz) bzw. fahrlässiger Tötung. Generell ist "murder" trotz der etymologischen Verwandtschaft nicht mit Mord gleichzustellen, wenngleich das in der Presse gern geschieht.
Ist es so? Meines Wissens ist "second degree murder" eine Abstufung die unser Recht schlicht nicht kennt. Totschlag nach deutschem Recht ist "manslaughter" nach amerikanischem und die fahrlässige Tötung ist "criminally negligent homicide". Von daher scheint mir die Aussage Zimmermann werde des Mordes angeklagt vollkommen korrekt zu sein.
5.
Oback_Barama 12.04.2012
Vielleicht ist G.Zimmermann schuld, ich weiß es nicht, aber dafür ist das Gericht da um es herauszufinden. Aber wie es aussieht, er ist eigentlich schon verurteilt und darf auf gar keinem Fall unter lebengslänglich bekommen, geschweige freigesprochen zu werden und die US-Justiz gibt hier dem Druck der Strasse nach. Anders kann ich das nicht beurteilen. Und er muss veurteilt werden, weil es sonst Aufstand gibt und dann schiessen die selbsternannten "New Black Panthers" rum. Ist ja toll, die Gangsta-Gangs die sich hier als Kämpfer gegen Rassismus präsentieren... Wer spaltet hier die Nation? Tut mir leid, aber für mich spalten hier eher die Nation, diejenigen Schwarzen, die daraus unbedingt eine Staatsaffäre gemacht haben, selbst wenn es ein Justizferhler gewesen wäre, die aber so tun, als wären die USA heute, wie die USA in den 30-er Jahren, und die so tun als wäre ein Latino, ein "Weißer", und angeblich von der "weißen" Polizei geschützt. Dass das Ganze unter den Weissen, und auch unter den Latinos, und den anderen Ethnien Widerstand auslöst, weil sich eine ethnische Gruppe jedes Mal, das exklusive Recht nimmt, immer und in jedem Fall, nur in der Rolle des Opfers sein zu müssen und nie und nimmer in der Rolle des Täters sein zu dürfen, ist es logische Konsequenz.
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