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Stalker-Prozess in Hamburg: "Es war eine Hinrichtung"

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Er verfolgte sie auf Schritt und Tritt, misshandelte sie aufs Übelste - und tötete sie schließlich mit fünf Schüssen: Ali U. muss wegen Totschlags an seiner ehemaligen Lebensgefährtin für zwölf Jahre ins Gefängnis. Zurück bleiben: ein schwer traumatisiertes Kind und eine verzweifelte Familie.

Hamburg - Ihre Familie und Freundinnen betraten bereits vor Beginn der Verhandlung mit verweinten Augen den mit Panzerglas gesicherten Schwurgerichtssaal 237 des Hamburger Landgerichts: Sie alle hofften auf "eine gerechte Strafe" für Ali U., der Aysin T. das Leben zur Hölle gemacht und sie schließlich vor den Augen ihres Sohnes erschossen hatte.

"Es war eine Hinrichtung", erklärte der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen am Donnerstag vor Gericht. Die Kammer verurteilte den 36-Jährigen zu zwölf Jahren Haft wegen Totschlags und entsprach damit der Forderung des Staatsanwalts.

Der verurteilte Ali U.: "Sie haben die Tat vor den Augen des Kindes verübt. Das wiegt besonders schwer"
DDP

Der verurteilte Ali U.: "Sie haben die Tat vor den Augen des Kindes verübt. Das wiegt besonders schwer"

Die Familie der Toten hatte als Nebenkläger eine lebenslange Haft wegen Mordes und Sicherungsverwahrung verlangt. "Es war kein Akt der Verzweiflung, sondern eine Inszenierung im Rahmen eines perfiden und eiskalt durchgeführten Plans", hatte Rechtsanwältin Gabriele Heinecke in ihrem Plädoyer die Forderung begründet.

Die Kammer bewertete den Fall anders und konnte keine Mordmerkmale feststellen. Der Angeklagte habe "aus Wut und verletztem Stolz" gehandelt, was auch mit seiner "narzisstischen Persönlichkeit" und der Tatsache zu erklären sei, dass Ali U. in türkischen Traditionen aufgewachsen ist. Zudem habe er die ständigen Streitereien mit seiner einstigen Lebensgefährtin nicht mehr ertragen.

Es sei Ali U. nicht nachzuweisen gewesen, dass er einen langgehegten Plan zur Tötung seiner früheren Lebensgefährtin verfolgte, sagte Richter Backen. Zu seinen Gunsten habe man daher von einer "Spontantat" ausgehen müssen.

Die Familie der Toten will in Revision gehen

"Wir sind bestürzt über das Urteil und hatten an das rechtstaatliche System geglaubt", sagte der älteste Bruder der getöteten Aysin T., Ahmed T., nach der Urteilsverkündung und kündigte Revision an. "Wir haben immer befürchtet, dass er seine Morddrohung gegenüber unserer Schwester wahrmachen wird. Hier wurde ein Mehrfachtäter so verurteilt, dass er womöglich wegen guter Führung in weniger als zwölf Jahren wieder freikommt - obwohl er bereits seine erste Frau fast tot prügelte."

Das Urteil ist der tragische Schlusspunkt eines jahrelangen Beziehungsstreits: Monate lang hatte Ali U. nach Ansicht des Gerichts seine ehemalige Lebensgefährtin Aysin T. verfolgt, bedroht und misshandelt. Immer wieder stellte er ihr nach, wartete vor deren Zuhause in der Glashüttenstraße auf St. Pauli, zerrte sie an den Haaren durch die Wohnung, malträtierte sie mit Kopfnüssen, prügelte sie windelweich. Oft wurde der gemeinsame Sohn Dorganay Zeuge solcher Gewaltexzesse - meist weinte der Siebenjährige dann oder schrie laut um Hilfe.

Ali U. terrorisierte Aysin T. mit Anrufen, kontrollierte ihr Handy und die Telefonrechnungen. Immer wieder schleuderte er ihr entgegen: "Ich schlitz' dich auf", "Ich knall dich ab", "Mir egal, ob Dorganay im Heim aufwächst". Aysin T. versuchte sich zu wehren, tauchte ab, wechselte das Kennzeichen ihres Wagens, alarmierte die Polizei und erreichte, dass sich der 36-Jährige weder ihrem Zuhause noch der Schule ihres Sohnes nähern durfte.

"Sie ertrug seine Erniedrigungen aus Liebe zu ihrem Sohn"

Ihre Geschwister berichteten im Prozess von Narben, Beulen und einem Schnitt am Hals. "Sie hatte Todesangst", sagte ihre Schwester Asyen T.

Bruder Ahmed T., 39, sagte vor Gericht: "Der Angeklagte hat ihr jahrelang das Recht abgesprochen, ein freier Mensch zu sein. Sie hat seine Erniedrigungen und Drohungen aus Liebe zu ihrem Sohn ertragen. Für uns als Familie war es ein Mord mit Ankündigung."

Für die Kammer steht folgender Tatablauf fest: Aysin T. gewährte ihrem ehemaligen Lebensgefährten am 26. März 2008 Einlass in ihre Wohnung im Hamburger Karolinenviertel. Aysin T. habe trotz der Gewaltausbrüche ihres Ex-Freundes daran gelegen, dass der gemeinsame Sohn Kontakt zu seinem Vater halte. "Sie wollte ihm die Erfahrung ersparen, ohne Vater aufzuwachsen - so wie sie selbst", sagte Richter Backen.

"Auf ihr Drängen hin kam es zu dem verhängnisvollen Treffen", rekonstruierte Backen. "Es sah so aus, als sei endlich Ruhe eingekehrt. Vielleicht wäre es gut gegangen, wenn sich Aysin T. nicht bei Ali U. gemeldet und an seine Vaterpflichten appelliert hätte."

"Sie schossen, bis das Magazin leer war, aus nächster Nähe"

Es sollte nach Ansicht des Gerichts eine Aussprache wegen des künftigen Umgangs und der Erziehung des gemeinsamen Kindes werden. Die beiden tranken Erdbeersekt und Wodka mit Orangensaft. Als Ali U.s neue Freundin ihn auf dem Handy anrief, kam es erneut zum Streit, in dessen Verlauf Ali U. eine halbautomatische Pistole mit dem Kaliber 9 Millimeter aus seinem Gürtel zog.

"Stört es dich, dass ich lebe", brüllte Ali U. seine von ihm getrennte Freundin an. Kurz darauf schoss er knapp an ihr vorbei durch die geschlossene Küchenfensterscheibe. War es nur eine Drohung zur Einschüchterung? Das konnte die Kammer nicht klären. "Danach fasste der Angeklagte den Entschluss, Aysin T. zu töten", heißt es in der Urteilsbegründung.

Aus einer Entfernung zwischen 30 und 100 Zentimeter habe Ali U. fünf weitere, gezielte Schüsse auf seine Ex-Freundin abgegeben. "Sie schossen, bis das Magazin leer war, aus nächster Nähe. Es war eine Hinrichtung", sagte Richter Backen. "Wer so etwas tut, will den Tod seines Gegenübers."

Ein Schuss trifft die junge Mutter mitten ins Herz, einer ins Gesicht, drei in den Oberkörper. Der gemeinsame siebenjährige Sohn Dorganay steht fassungslos daneben.

In tiefer Trauer: Ein Sohn, eine Mutter und drei Geschwister

"Sie haben die Tat vor den Augen des Kindes verübt. Das wiegt besonders schwer", richtete sich Richter Backen an Ali U. "Sie haben einem heute achtjährigen Kind die Mutter genommen. Sie haben ihm den Anblick seiner blutenden, von Kugeln durchsiebten Mutter zugemutet - und ihn für die Zukunft schwer traumatisiert." Das Leid trage nicht nur das Kind, sondern auch die Mutter und die drei Geschwister der Getöteten.

Bei der Strafmaßfindung habe für den Angeklagten gesprochen, dass er sich der Polizei gestellt und ein Teilgeständnis abgelegt hatte. Zudem drohe dem 36-Jährigen, der akzentfrei Hochdeutsch spricht, nach der Verurteilung die Ausweisung.

Dass Ali U., der als Türsteher auf der Großen Freiheit arbeitete, heute verurteilt werden würde, hatte sich in der Szene auf der Reeperbahn wie ein Lauffeuer verbreitet. Viele Kollegen und Kumpels mischten sich im Zuschauerraum unter die Familienangehörigen und Freunde des Opfers - ein Grund, warum sich Justizvollzugsbeamte ausnahmsweise ins Publikum setzten.

Ein zweiter Grund: Aysin T.s Familie wirft den Behörden bis heute vor, die 33-Jährige nicht ausreichend geschützt zu haben. "Wir haben alles unternommen, was rechtlich möglich war", hatte jedoch der ermittelnde Kriminalbeamte Stefan S. vor Gericht noch einmal explizit beteuert. Der 34-Jährige ist für das Türsteher-Milieu auf St. Pauli zuständig. Dass er deshalb achtlos gehandelt habe, bestritt er vehement. Den Sohn Dorganay zu vernehmen, dazu hatte er vor der sich anbahnenden Katastrophe keinen Anlass gesehen. Vielmehr hatte er auf Aysin T. eingeredet, sich "deeskalierend zu verhalten". "Das schien uns der richtige Weg."

Der mittlerweile achtjährige Dorganay verhält sich seit der Tat extrem introvertiert und verschlossen. Gegenüber seiner Umwelt kapselt er sich ab. Zu seiner Tante Aysen T., die ihn zu sich genommen hat, soll er gesagt haben: "Ich kann keine Freude mehr empfinden." Als sie ihm sagte, dass seine Mama nun ein Engel sei, habe er sie gefragt, wie man in den Himmel kommt - und ob es da Treppen gibt.

Dorganays Lehrerin kam am Donnerstag ebenfalls zur Urteilsverkündung: Vor Gericht hatte die Pädagogin ausgesagt, der Junge spreche nie über seine Mutter. "Sie hat uns oft auf Ausflügen begleitet. In einem der Fotoalben, die in der Klasse ausliegen, hat er Bilder von ihr entdeckt - und gelächelt. Seither sieht er sich das Album immer wieder an."

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