Stalking-Prozess: Carlas späte Genugtuung

Von , Garmisch-Partenkirchen

Carlas Ex-Freund stellte ihr nach, hämmerte nachts gegen ihre Haustür, bedrohte sie. Die 31-Jährige zeigte ihn mehrfach an, erwirkte drei Gewaltschutzverfügungen. Nun hat das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen den Stalker zu einer ungewöhnlich hohen Strafe verurteilt.

Stalking-Opfer Carla: Gekämpft bis an die Grenzen der Belastbarkeit Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Stalking-Opfer Carla: Gekämpft bis an die Grenzen der Belastbarkeit

Die Angst in den vergangenen Tagen war umsonst. Carla* fürchtete die Begegnung mit dem Mann, mit dem sie einst zusammenlebte und der der Vater ihres Sohnes ist. Doch er kam nicht. Das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen verurteilte den 41-Jährigen am Montag dennoch: Zu acht Monaten Haftstrafe wegen Nachstellung, ausgesetzt zu vier Jahren auf Bewährung.

Jahrelang hat der 41-Jährige seiner Lebensgefährtin Carla Angst eingejagt, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte. Er lauerte ihr auf, bedrohte und belästigte sie, hämmerte nachts gegen ihre Wohnungstür, terrorisierte sie mit Anrufen und Nachrichten auf dem Handy und per Mail, bepöbelte sie auf dem Anrufbeantworter, klebte Botschaften an die Haustür, donnerte mit seinem Wagen durch die Straße, in der sie wohnt, die Musik aufgedreht bis zum Anschlag.

Carla trug ihr Handy stets am Gürtel, immer griffbereit, nie gab sie es aus der Hand. Sie ging nicht allein auf die Straße, kannte in allen Geschäften in Garmisch-Partenkirchen den Notausgang, ihre Wohnungstür sicherte sie mit einem Panzerriegel. Sie ließ ihre Telefonnummer ändern, bat ihre Nachbarn um Unterstützung. Carla hatte Todesangst.

"Ich bring das Kind um"

Zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren ist diese Angst nun weg. Carla, 31, sitzt am quadratischen, wuchtigen Holztisch in der Küche ihrer Eltern. Auf der Fensterbank blüht ein Strauß Sonnenblumen, auf dem Regal stehen Bierkrüge in einer Reihe, es riecht nach Fleischpflanzerln und Kartoffelsalat. Carlas zweijähriger Sohn schleppt in einem gelben Bauarbeiterhelm Holzklötze zur rustikalen Eckbank. Er weiß nicht, warum seine Mutter, Großeltern und Tante freudig gestimmt sind. Er weiß nicht, dass sein Vater von einem Gericht verurteilt wurde; dass seine Mutter nun mehr gegen den Vater in der Hand hat als zuvor.

Carla hat jahrelang jeden Kontaktversuch ihres ehemaligen Lebensgefährten, jedes Vorbeifahren an ihrem Haus mit exakter Uhrzeit dokumentiert: An manchen Tagen sah sie seinen Wagen drei-, viermal vorbeirollen. "Das potenziert sich automatisch, keiner weiß, wie oft er tatsächlich da vorbeigefahren ist", sagt Carla, "ich schaue ja nicht den ganzen Tag aus dem Fenster."

Sie hat jede seiner Nachrichten akribisch in einem Stalking-Tagebuch notiert. "Wenn du nicht abhebst, raste ich richtig aus!", "Mach auf, sonst latsch ich dir die Tür ein!", "Ich bring das Kind um!" Jede Nachricht schüchterte Carla ein, doch erst die Summe von Drohungen führte schließlich dazu, dass die Polizei einschritt.

Drei sogenannte Gewaltschutzverfügungen erwirkte Carla gegen ihren Ex-Freund. Er durfte sich ihr nicht nähern, doch er ignorierte die Warnschüsse, verstieß mehrfach gegen die einstweiligen Anordnungen, kümmerte sich nicht um die verhängten 80 Tagessätze zu je 15 Euro.

"Das Kämpfen hat sich gelohnt"

Carla holte sich Hilfe beim Frauenhaus und bei der Deutschen Stalkingopferhilfe, wegen ihrer Angstattacken begab sie sich in Therapie. "Als Opfer muss man sich um Unterstützung, Beratung, Beistand selbst kümmern", kritisiert Carla. "Da kommt niemand und sagt, an wen man sich wenden kann."

Für Stalking-Opfer sei fachliche Beratung unumgänglich, sagt Ulrike Leimig vom Frauenhaus Murnau, die Carla zur Verhandlung ins Amtsgericht begleitet hat. 50 Prozent der Stalker sind ehemalige Lebenspartner. Ein Grund, so Leimig, warum sich viele Frauen schämen und die Vorfälle nicht anzeigen. Die Dunkelziffer sei enorm hoch.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2010 26.848 Fälle von Nachstellung erfasst, 21.698 Tatverdächtige ermittelt - und 414 verurteilt. "Ich habe mit diesem Urteil einen seltenen Sieg erreicht", konstatiert Carla am Esstisch. Ihr Ex-Lebensgefährte unterliegt nach Inkrafttreten des Urteils strengen Auflagen, zudem darf er sich ihr vier Jahre lang nicht nähern und muss engen Kontakt zu einem Bewährungshelfer halten.

Der Richter folgte weitestgehend der Argumentation der Staatsanwaltschaft München II, die den Mann angeklagt hatte, weil er die Nähe seiner ehemaligen Freundin "beharrlich" suchte und deren "Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigte". Es sei zu ersehen, dass sich der Familienvater "durch gerichtliche Anordnungen" oder "strafrechtliche Verurteilungen in keiner Weise beeindrucken" ließ, formulierte der Staatsanwalt in der Anklageschrift. Auffallend sei zudem, dass er "direkt nach der Zustellung der erneuten Gewaltschutzanordnung massiv und vielfach hiergegen verstieß".

Das Urteil sei eine "richtungsweisende Entscheidung", die das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen gefällt habe, sagt Carlas Rechtsanwalt Thomas Radtke. Der 41-Jährige müsse nur ein einziges Mal mit lauter Musik an Carlas Haus vorbeifahren, schon würde er sofort ins Gefängnis wandern.

Seine Mandantin habe für dieses Urteil bis an "die Grenzen ihre Belastbarkeit" kämpfen müssen. "Das Kämpfen hat sich gelohnt", sagt Carla. Das Handy, das sie bislang am Gürtel trug, liegt inzwischen einen Meter weit von ihr entfernt.

*Name von der Redaktion geändert.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Stalking
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite