Im Liebeswahn 72-jährige Stalkerin eines Pfarrers freigesprochen

Eine Rentnerin schickt einem Priester seit 15 Jahren Nachrichten mit Sexfantasien und tanzt halbnackt in seinem Garten. Der Geistliche zog vor Gericht, das entschied: Die liebestolle Frau ist lästig, aber ungefährlich.

72-jährige Stalkerin von Priester: Seit Jahren im Liebes-Wahn
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72-jährige Stalkerin von Priester: Seit Jahren im Liebes-Wahn


Obwohl sie einem Priester aus dem Sauerland jahrelang nachstellte, ist eine 72-jährige Rentnerin vom Landgericht Arnsberg nun freigesprochen worden. In dem Berufungsprozess entschied das Gericht, die Frau sei schuldunfähig. Eine erstinstanzliche Verurteilung zu 14 Monaten Haft wurde aufgehoben.

Pfarrer Michael Hammerschmidt war zu Beginn des Berufungsverfahrens vergangene Woche frustriert. "Ich will nur meine Ruhe. Und der Rechtsstaat hilft mir nicht", sagte der 61-Jährige. Anrufe, SMS, E-Mails oder Liebesbriefe mit teilweise perversen Sexfantasien: Fast täglich bekommt der Geistliche Nachrichten von seiner Verfolgerin. Die Seniorin stalkt den Priester seit fast 15 Jahren.

Die Frau aus Nordrhein-Westfalen steht offen zu ihrem Verhalten. Sie liebe Hammerschmidt, sagte sie. Nur wegen des Zölibats dürfe dieser ihre Gefühle nicht erwidern, erzählte sie dem Richter.

Dennoch verlässt die Rentnerin das Gericht als freie Frau. Weil sich mehrere Gutachter zum Teil widersprochen hatten, habe man zugunsten der Angeklagten entscheiden müssen, begründete der Vorsitzende Richter das Urteil.

Nach Einschätzung mehrerer Experten leidet die Frau unter einem krankhaften Liebeswahn. Die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung könne das Gericht nicht anordnen: Körperliche Übergriffe hat es nie gegeben und sind den Gutachtern zufolge auch nicht zu erwarten. "Sie ist lästig, aber nicht gefährlich", sagte der Richter.

Und so wird Pfarrer Hammerschmidt auch weiterhin mit Besuchen der Frau rechnen müssen, die immer wieder nahezu nackt durch den Garten des Pfarrhauses der katholischen St.-Nikolaus-Gemeinde in Freienohl, einem Ortsteil von Meschede, tanzte. Auf Luftballons, die sie im Garten aufhängte, schrieb sie "Ich liebe Dich".

Pfarrer Michael Hammerschmidt: "Man entwickelt Überlebensstrategien"
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Pfarrer Michael Hammerschmidt: "Man entwickelt Überlebensstrategien"

Auch dem Gutachter aus dem Prozess, der den Liebeswahn attestierte, ist klar, dass sie weitermachen wird: "Um es mal mit einem passenden Bild zu formulieren: Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche", sagte er.

Für Experten ist der Fall der liebeskranken Seniorin nicht ungewöhnlich. Insbesondere Priester würden häufiger als Opfer auserkoren, weil diese Liebe unerwidert bleibe.

Hammerschmidt erduldet die Situation vordergründig gefasst, doch Ärzte führen seine gesundheitlichen Probleme auf den Stress durch das Stalking zurück. "Ich weiß ja nie, wann sie zuschlägt", sagte er vergangene Woche. Auf dem Weg zur Kirche oder zum Friedhof werde er immer wieder mit eindeutigen sexuellen Angeboten überrascht. "Aber man entwickelt im Laufe der Jahre Überlebensstrategien."

Bei den meisten Stalking-Fällen gibt es aber auch eine reale Beziehung zwischen Täter und Opfer. Meist würde Ex-Partnern, Arbeitskollegen oder Bekannten hinterhergestellt, sagt Stalking-Fachmann Jens Hoffmann. Allein in Nordrhein-Westfalen würden jährlich mehr als 6000 Anzeigen mit mehr als 5000 Tatverdächtigen aufgenommen, teilte das Landeskriminalamt mit. Bundesweit gab es 2014 fast 22.000 polizeilich registrierte Stalking-Fälle.

apr/dpa



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