Stalking Wenn aus Liebe Angst wird

Carla wurde von ihrem ehemaligen Lebensgefährten verfolgt und bedroht. Drei Gewaltschutzverfügungen hat sie gegen ihn erwirkt. Trotzdem fühlt sie sich von dem Mann weiterhin belästigt - und von der Justiz im Stich gelassen.

Stalking-Opfer Carla: "Ich wartete also auf die Eskalation"
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Stalking-Opfer Carla: "Ich wartete also auf die Eskalation"

Von , Garmisch-Partenkirchen


Perfekt sollte es sein. Also nicht unerreichbar, Hollywood-mäßig perfekt, sondern so, wie man sich ein glückliches Familienleben eben ausmalt. Vater, Mutter, Kind. Das war Carlas Traum. Ein gewalttätiger Mann war in ihrer Vision von heiler Welt nicht vorgesehen. Seit zwei Jahren kämpft die alleinerziehende Mutter nun darum, dass ihr ehemaliger Lebensgefährte sie angstfrei leben lässt.

Die 31-Jährige sitzt in der Küche eines alten Bauernhauses in Garmisch-Partenkirchen, ungeschminkt, ihre langen dunklen Haare fallen auf die Schultern, ihr Handy trägt sie am Gürtel. Auf dem Tisch stehen ein warmer Apfelstrudel und ein Krug mit Vanillesoße. Das Fenster gibt den Blick auf Berggipfel frei, die in den wolkenlosen Himmel ragen.

Tatsächlich heißt Carla anders. Gern hätte sie ihr Gesicht fotografieren lassen, ihren vollen Namen der Öffentlichkeit preisgegeben - doch aus rechtlichen Gründen ist ihr das untersagt, die Anonymität ihres Ex-Partners muss gewahrt werden. Ihre Geschichte aber will sie erzählen - so wie sie sie sieht.

Am Anfang war es natürlich Liebe. Carla lernt den neun Jahre älteren Mann 2007 in einer Kneipe kennen, im Januar 2008 werden sie ein Paar, ziehen zusammen. Er sei liebevoll gewesen, sagt Carla. Er habe mit ihr eine Familie gründen wollen. Doch er verliert seinen Job, seine Mutter stirbt, er ertränkt seinen Kummer in Bier, setzt sich an den Computer, spielt Ego-Shooter und wenn er verliert, schlägt er im Zorn gegen die Wand, tobt, rast vor Wut. "Oft brauchte er auch keinen Anlass, um auszuflippen", sagt Carla.

Sie erträgt seine Ausbrüche und wartet auf Entschuldigungen, die nicht kommen, also sucht sie welche für ihn - und für sich. Sie will partout nicht aufgeben, sondern um ihre Beziehung kämpfen. Aber die Angst, er könne mal nicht gegen die Wand schlagen, sondern auch auf sie losgehen, nimmt überhand. Carla will ihn verlassen.

Am 16. Februar 2009 macht sie einen Schwangerschaftstest, er ist positiv. Am 24. Februar zieht sie aus. "Ich wusste, jetzt muss ich weg, mein Kind schützen", sagt Carla. Der Ex ruft an, schickt SMS und Mails, gibt sich fürsorglich und besorgt. Es sind die ersten Anzeichen von Stalking, Carla hält sie für den harmlosen Versuch, sie zurückzuerobern.

"Ich habe Angst vor dir"

Die Penetranz hat Erfolg. "Mein Kind braucht doch einen Vater", denkt Carla, "mein Kind soll es schön haben". Sie lässt den Ex die neue Wohnung weißeln, sagt ihm: "Ich bin ausgezogen, weil ich Angst vor dir habe." Sie klammert sich an die Hoffnung, er habe den Warnschuss verstanden. Er reißt sich zusammen.

Wenige Wochen nach der Geburt des gemeinsamen Kindes im Oktober 2009 wirft sie ihn aus dem Haus. Er sei nachlässig gewesen, habe das Kind in Gefahr gebracht, sagt sie heute. Freunde hätten ihr berichtet, er habe ihnen vor der Geburt anvertraut, dass er hoffe, sie würde das Kind verlieren. Carla ist erschüttert, aber sie zieht noch keinen Schlussstrich. Sie ermahnt ihren Lebensgefährten, sagt ihm, es gebe nur eine gemeinsame Zukunft, wenn er sein aggressives Verhalten in den Griff bekomme.

Im Januar 2010 telefoniert Carla mit dem Vater ihres Freundes. Ihn hatte sie bis zu diesem Gespräch für tot gehalten, denn so hatte ihr Freund es ihr erzählt. Tatsächlich aber lebte er und freute sich, dass er Großvater geworden war. Carla kommt dahinter, dass nichts von dem, was ihr der Vater ihres Kindes erzählt hatte, stimmt: Er hat kein Grundstück von der Mutter geerbt, er hat keinen Bauantrag gestellt - und sein Bruder, der angeblich in Thailand lebt, wohnt in Hoyerswerda.

Sie trennt sich endgültig, aber er akzeptiert es nicht: Er lauert ihr auf, terrorisiert sie mit Anrufen und Nachrichten auf dem Handy und per Mail, bepöbelt sie auf dem Anrufbeantworter, klingelt mitten in der Nacht an der Haustür.

Carlas Schwester arbeitet bei der Kriminalpolizei, also macht Carla exakt das, was die Polizei Frauen in ihrer Situation rät: Sie dokumentiert jeden Kontaktversucht, notiert akribisch in einem Stalking-Tagebuch Nachrichten, die er ihr hinterließ, wie "Wenn du nicht abhebst, raste ich richtig aus!"

Carla hat Angst um ihren Sohn. Wegen eines Unfalls kann sie nicht arbeiten, der Vater des Kindes zahlt keinen Unterhalt. Eine Mitarbeiterin beim Jugendamt, die Carlas Ex-Freund längst kennt, warnt sie: Die Mutter seines ersten Kindes habe ihn bereits sieben Mal angezeigt, einmal, weil er mit einem Messer auf sie losgegangen sei.

Die Polizei? Kann nichts tun. "Ich wartete also auf die Eskalation", sagt Carla.

Und die kommt eines nachts um 2 Uhr. "Mach auf, sonst latsch' ich dir die Tür ein!", brüllt der Ex. "Ich bring' das Kind um!" Nachbarn rufen die Polizei. Carla ruft flüsternd ihre Eltern an, weint in den Hörer. Sie hat Todesangst.

Vier Tage später erwirkt Carla die erste sogenannte Gewaltschutzverfügung.

Ihre Angst halte noch immer an, trotz intensiver Therapie, sagt Carla. Deshalb trägt sie auch ihr Handy an einem Gurt um die Hüfte, ständig griffbereit, sie geht nicht allein auf die Straße, kennt in allen Geschäften in Garmisch-Partenkirchen den Notausgang, ihre Wohnungstür sichert sie mit einem Panzerriegel.

Der Vater hat ein Recht darauf, sein Kind zu sehen

Trotz der Gewaltschutzverfügung muss Carla vor dem Amtsgericht erscheinen, sie bricht weinend vor dem Richter zusammen. "Vier Wochen zuvor wollte er mich umbringen und dann zwingt man mich zu einer Gegenüberstellung, obwohl jeder weiß: Als Opfer soll man den Kontakt zum Stalker strikt meiden."

Ihr Ex-Lebensgefährte sagt vor Gericht, er habe sein Kind seit der Trennung nicht gesehen. Carla bestreitet das. "Ich kenne Frauen, die so etwas machen, und das ist asozial und die sollen auch nicht damit durchkommen", sagt sie, "aber ich habe genügend Zeugen, die dabei waren, wenn der Vater seinen Sohn traf".

Das Gericht ordnet einen sogenannten begleiteten Umgang an, der Vater darf seinen Sohn alle 14 Tage für 90 Minuten sehen - unter Aufsicht eines Caritas-Mitarbeiters. Carla ist entsetzt. "Müsste nicht erst einmal geklärt werden, ob dieser Mann gefährlich ist? Ob er ein Alkoholproblem hat? Ob er ein Anti-Aggressions-Training absolvieren müsste?"

Die Treffen in den Räumen der Caritas nehmen keinen guten Verlauf - wie könnten sie auch? Das erste endet nach acht Minuten. Das Kind, gerade neun Monate alt, wird der Mutter an der Tür abgenommen, in einem anderen Raum dem Vater überreicht. Der Junge schreit wie verrückt und wird wieder zurückgebracht. Die zweite Begegnung muss bereits nach einer Minute abgebrochen werden, alle weiteren nach maximal drei Minuten, sagt Carla. Jedes Mal habe sich der Kleine danach weinend an sie geklammert, sie an den anschließenden Tagen nicht aus den Augen gelassen, so berichtet sie es.

Das Gericht wollte zudem anordnen, dass Carla ihrem Sohn ein Bild vom Vater ins Kinderzimmer hängt, damit der Junge bei Begegnungen mit ihm nicht mehr fremdelt. Alle sechs Wochen sollte sie einen Entwicklungsbericht über das gemeinsame Kind verfassen und ihrem Ex schicken. Carla hält beides für eine Zumutung.

Stalking auf Staatskosten?

Carla erwirkt zwei weitere Gewaltschutzverfügungen, weil ihr Ex-Lebensgefährte sie weiter belästigt, ihre Bankverbindung ausspioniert, Zettel an die Wohnungstür klebt. In den vergangenen Wochen hat er insgesamt zehnmal gegen die aktuelle einstweilige Anordnung verstoßen, drei dieser Verstöße wurden vom Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen mit 2000 Euro Ordnungsgeld geahndet.

Wieder ist der Ex dagegen vorgegangen, wieder ist die Anordnung bestehen geblieben - und wieder hat das Gericht ihm Verfahrenskostenhilfe bewilligt, weil er Hartz IV bezieht. "Es gab zig Verstöße gegen alle drei Anordnungen und trotzdem zahlt der Staat brav Anwalt und Gerichtskosten", sagt Carla. "Da braucht man sich auch nicht wundern, dass er mit dem Stalking nicht aufhört. Letztlich kann er einen auf Staatskosten vor Gericht zerren. Ist dafür Verfahrenskostenhilfe gedacht?"

Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt inzwischen wegen Nachstellens. Kommt es zum Prozess, will Carla als Nebenklägerin auftreten. "Wenn das Verfahren eingestellt wird, muss ich wegziehen. Oder dieser Typ muss mich so zusammentreten, dass ich zwei Wochen im Krankenhaus liege, damit er dafür belangt werden kann."

Carla hält regelmäßig beim Fortbildungsinstitut der bayerischen Polizei in Ainring Vorträge, schildert die Sicht eines Stalking-Opfers. "Ich hoffe immer noch, dass ich etwas verändern kann - nicht nur für mich, sondern auch für andere Betroffene." Ein Experte sagte zu ihr: "Sie machen alles richtig, ich weiß nicht, was ich Ihnen noch raten soll."

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