Star-Anwalt Bossi: Halbgott in Schwarz

Von Dietmar Hipp und Markus Verbeet

Anwalt Rolf Bossi hängt an seinem Job. Wo andere schon längst den Ruhestand genießen, streitet der 83-Jährige weiter mit Staatsanwälten und Richtern. Früher verteidigte er Stars und berüchtigte Verbrecher, heutzutage immer öfter sich selbst.

Hamburg - Rolf Bossi kann Justitia noch immer zittern lassen. "Das ist himmelschreiendes Unrecht", ruft er in den Raum und lässt die rechte Hand auf die schwere Schreibtischplatte sausen. Aber, ach, es ist nur eine kleine Statue der Justitia, der die Waagschalen wackeln, wenn der Anwalt seine Stimme und seinen Schreibtisch beben lässt. Schnell steht sie wieder still an ihrem Platz auf dem Tisch, gleich neben der falschen Oscar-Statue und gegenüber der echten Bronze-Büste. "Die ist wirklich sehr gelungen", sagt Bossi, nun besänftigt, über die bronzene Darstellung seiner selbst.

Was wie ein Museum anmutet, ist tatsächlich eine Kanzlei. Vor dem Schreibtisch türmen sich Schriftsätze in roten Pappdeckeln, an der Wand reihen sich Aktenordner, und am Regal hängt die schwarze Robe. Rolf Bossi - der bekannteste Strafverteidiger, der je vor deutschen Gerichten plädiert hat - gibt auch mit 83 Jahren keine Ruhe. Unverdrossen kämpft der Anwalt, der die Stars verteidigte und selber einer wurde, an allen Fronten. Der ARD lieferte er zuletzt scharfe Kommentare zum Fall Stephanie. 2005 veröffentlichte er einen provokanten Bestseller ("Halbgötter in Schwarz"), im Februar wird er sein neues Buch vorlegen ("Die gemachten Mörder"). Und natürlich streitet er weiter mit Staatsanwälten und Richtern. Doch immer öfter in der falschen Rolle: als Beschuldigter. Bossi konnte etwa nicht verhindern, dass

  • ihn das Landgericht München im April zu einer Geldstrafe von 18.000 Euro verurteilte, nachdem er zweimal ohne Führerschein am Steuer erwischt wurde;
  • ihm das Amtsgericht Augsburg Anfang Dezember wegen beleidigender Äußerungen in einem Prozess ("üble Justizkumpanei") eine Geldstrafe von 12.000 Euro aufbrummte;
  • die Staatsanwaltschaft Ingolstadt gegen ihn ermittelt, weil er in diesem Herbst vor dem dortigen Landgericht eine Zeugin als "schäbige kriminelle Drecksperson" bezeichnet haben soll.

So bleibt Bossi in den Schlagzeilen, die er früher fast nach Belieben bestimmte. "Standeswidrig ist für ihn mutmaßlich nur die Erfolglosigkeit", schrieb SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz 1973 über die publikumswirksamen Auftritte des schneidigen Advokaten, der sogar in einem "Tatort" mitspielte. Zu seinen Mandanten zählten viele Berühmte und Berüchtigte: die Schauspielerin Ingrid van Bergen etwa, die ihren Lebensgefährten 1977 niederschoss, oder der Gladbecker Geiselgangster Dieter Degowski.

Bossis Verdienst ist es, die Psychologie in den Gerichtssaal getragen zu haben. "Er hat das Bewusstsein dafür geschaffen, dass manche Menschen krank sind und Strafgerichte dies berücksichtigen müssen", sagt der Geschäftsführer der Bundesrechtsanwaltskammer, Frank Johnigk. Dank Bossi kam etwa ein schwer gestörter Doppelmörder 1962 mit der relativ geringen Strafe von 15 Jahren und anschließender Einweisung in die Psychiatrie davon.

"Seine Stärke war es, sich für einen Fall bedingungslos einzusetzen", sagt ein Weggefährte, der lange Mitglied seiner Kanzlei war. Doch was seine größte Stärke war, ist auch seine größte Schwäche: Bossi setzt sich unverändert so bedingungslos ein, dass er immer wieder alle Hemmungen zu verlieren scheint.

Das Unrecht ist bei ihm immer gleich "himmelschreiend", der Betrug geschieht fast zwangsläufig "auf schändlichste Weise", und dass der Flensburger Punkte-Katalog gleichermaßen für den Vielfahrer Bossi wie den Normalbürger gilt, verletzt angeblich den Gleichheitsgrundsatz nicht nur einfach, sondern "aufs Schwerste". Bossi zog durch die Instanzen - ohne Erfolg. Die entsprechende Verfassungsbeschwerde nahm das Bundesverfassungsgericht erst gar nicht zur Entscheidung an. Merkwürdigerweise hatte Bossi nur gegen das Gesetz Beschwerde eingelegt und nicht gegen das letzte Gerichtsurteil.

Gespött der Kollegen

Auch vor Bundesgerichten tritt er keinesfalls leise auf. In einem Schriftsatz an den Bundesgerichtshof beschimpfte er die Richter, die zuvor mit dem Fall befasst waren. Als eine Fachzeitschrift den folgenden Beschluss des Gerichtshofs veröffentlichte, machte sie den Anwalt "Rolf B aus München" identifizierbar und gab ihn damit dem Gespött der Kollegen preis. Dann griff auch noch die Generalstaatsanwaltschaft München den Fall auf und brachte Bossi vors Anwaltsgericht. Im Juli wurde er in zweiter Instanz zu einer Geldstrafe verurteilt; Bossi legte Rechtsmittel ein.

Vor dem Anwaltsgericht könnte er bald wieder stehen, denn wegen der Verurteilung in Augsburg vor drei Wochen erwägt die Generalstaatsanwaltschaft München erneut standesrechtliche Schritte. In Augsburg hatte die Staatsanwältin gar davon gesprochen, dass Bossi die Zulassung zu entziehen sei; die Generalstaatsanwaltschaft München will nun "abwarten, bis das Urteil rechtskräftig wird", sagt ein Sprecher. Es könnte diesmal also ziemlich eng werden für Bossi, der sich vermutlich umso wortgewaltiger wehren wird. Schon seit Jahren kämpft er ohnehin für eine Regelung, die ihn mancher Probleme entledigen würde: Wie Parlamentarier sollten seiner Meinung nach auch Strafverteidiger nicht mehr für einfache Beleidigungen belangt werden, sondern nur noch für "verleumderische Beleidigungen" - jedenfalls wenn die Äußerungen auf die "Bekämpfung von Justizmissständen" abzielen.

Denn darum geht es Bossi so häufig: das große "Justizunrecht" in Deutschland. Nichts bewegt ihn dabei seit rund zehn Jahren mehr als der Missstand, dass die bundesdeutsche Justiz ihre nationalsozialistische Vergangenheit lange ignorierte.

"Was macht eigentlich Rolf Bossi?"

Niemand spricht Bossi ab, dass es verdienstvoll ist, dieses Versäumnis anzuprangern. Vermutlich ist es auch lobenswert, gleich allen Bundestagsabgeordneten und Ministerpräsidenten und vielen anderen Politikern eine selbst verfasste "Denkschrift" zu schicken, wie es Bossi 1996 getan hat.

Aber wenn sich dann nichts tut - sollte man dann gleich zu einem Volksbegehren aufrufen (Juni 2005)? Etliche deutsche Spitzenpolitiker erneut anschreiben (Februar 2006)? Sogar den Internationalen Strafgerichtshof (Juni 2004) und Uno-Generalsekretär Kofi Annan (September 2004, Februar 2005) mit der Sache befassen? Vermutlich gäbe es keine Kritik, wenn Bossi seinen derart bedingungslosen Einsatz auf justizpolitischen Themen beschränkte. Doch im Gerichtssaal, in dem gleiche Regeln für alle gelten, kann solche Bedingungslosigkeit schnell zur Maßlosigkeit werden. Darum mag man Bewunderung hegen für die Lebensleistung dieses streitbaren Anwalts - und zugleich Verwunderung ob des wütenden Wirkens eines alten Manns, der nicht aufhören will. "Im Sattel sterben", das sei sein Ziel, sagt Bossi.

"Was macht eigentlich Rolf Bossi?", fragte der "stern" schon zweimal, 1998 und 2003, in seiner wöchentlichen Rubrik, in der sonst vergessene Show-Stars oder Spitzensportler zu Wort kommen. Das war erstens boshaft, weil Bossi natürlich kein Mann der Vergangenheit sein will, und zweitens überflüssig, weil das Magazin die Antwort hätte kennen können: Rolf Bossi macht weiter, einfach immer weiter - wenn ihn niemand stoppt.

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