Staufener Missbrauchsfall Vor aller Augen

Jahrelang boten eine Frau und ihr Partner einen Jungen im Breisgau zum Missbrauch an. Mehrere Behörden und Gerichte hatten die Familie im Blick, doch niemand schaute genauer hin. Die Geschichte eines Systemversagens.

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Das Martyrium des Jungen aus Staufen bei Freiburg dauerte mehr als zwei Jahre. Etliche Male wurde der heute Zehnjährige von 2015 bis 2017 missbraucht, auch von seiner Mutter Berrin T. und ihrem Lebensgefährten Christian L.

Das Paar bot den Jungen zudem im Darknet an, ließ Männer gegen Bezahlung auf das Kind los, die Ungeheuerliches mit ihm anstellten; einer wollte das Kind nach dem Missbrauch töten. In der mehr als hundert Seiten langen Anklageschrift gegen die Mutter und ihren Partner ist die Rede von Fesselungen, Demütigungen, Beschimpfungen, Drohungen, körperlicher Gewalt. Die Mutter und ihr Lebensgefährte haben die Taten gestanden.

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Missbrauchsfall Staufen: Chronologie des Grauens

Das Landgericht Freiburg verkündet am Dienstag sein Urteil. Es ist das vorerst letzte zu dem Tatkomplex; sechs Männer sind schon verurteilt worden (eine Chronologie des Falls sehen Sie hier).

Das alles geschah, obwohl die Familie unter Beobachtung stand: Jugendamt, Polizei, ein Therapeut, eine Bewährungshelferin - niemand ahnte, was die beiden dem Kind antaten. Für Christian L. und Berrin T. war es leicht, die Behörden zu täuschen: Informationen wurden nicht weitergegeben, Auflagen nicht kontrolliert, Warnungen aus dem Umfeld wurde nicht nachgegangen. Wie konnte es dazu kommen?

1. Die frühe Warnung

Christian L. wurde 2010 vom Landgericht Freiburg zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er 2009 eine 13-Jährige missbraucht und Kinderpornos besessen hatte. Der heute 39-Jährige kam 2014 unter Auflagen frei. Dazu gehörte ein monatliches Treffen mit seiner Bewährungshelferin und einem Polizisten des Programms "Kurs" für besonders rückfallgefährdete Straftäter. Außerdem durfte er sich Kindern nur nähern, wenn die Eltern dabei sind.

Nach seiner Freilassung lernte er Berrin T. kennen, die Mutter des heute Zehnjährigen. Im Mai 2016 sagten Christian L. und Berrin T. der Polizei, dass sie zusammenziehen wollen. Das Landgericht Freiburg lehnte den Antrag das Paares im August des Jahres ab. Über den Vorgang wurde das Jugendamt nicht informiert: Man habe davon verspätet erfahren, kritisierte das Amt später.

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Doch L. hielt sich nicht an die Gerichtsentscheidung, wie die Bewährungshelferin im September 2016 und im Januar 2017 dem Landgericht meldete. Im Februar sagte sie der Polizei erneut, dass Christian L. bei Berrin T. wohne. Daraufhin stellte das Landgericht Strafantrag.

Die Bewährungshelferin musste dreimal etwas sagen, ehe etwas geschah. Zwischen ihrem ersten Hinweis Ende September 2016 und dem Strafantrag vergingen knapp fünf Monate. "Das macht uns schon etwas sprachlos", sagte der Baden-Württemberger SPD-Landtagsabgeordnete Sascha Binder dem SWR. Durch seine Anfrage war der Vorgang öffentlich geworden.

Erst mit dem Strafantrag im Februar 2017 wurde die Polizei aktiv. Die Beamten fanden heraus, dass sich ein Kontakt zwischen L. und dem Jungen in Abwesenheit der Mutter nicht ausschließen ließ - genau solche Situationen sollten ja durch die Bewährungsauflagen vermieden werden.

Erst dann, Monate nach dem Hinweis der Bewährungshelferin, wurde das Jugendamt eingeschaltet. Das sei "nicht nachvollziehbar", kritisierte das Amt später. Es gab den Jungen am 14. März in die Obhut einer Pflegefamilie.

2. Ein Verfahren mit Mängeln

Berrin T. wehrte sich gegen die Inobhutnahme. Der Fall landete beim Freiburger Amtsgericht. Die Richterin entschied, dass der Junge zurück in die Familie dürfe. Sie hatte keine Anhaltspunkte für sexuellen Missbrauch des Jungen, außerdem vertraute sie der Mutter, die versicherte, Christian L. von dem Jungen fernzuhalten. "Tragischerweise hat man ihr geglaubt", sagte eine Gerichtssprecherin später.

Christian L. hatte zum Zeitpunkt des Verfahrens schon gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen, der Strafantrag des Landgerichts lag schon vor - doch das Jugendamt wusste nichts davon. Folglich konnte es das in der Verhandlung am Amtsgericht zur Inobhutnahme nicht vorbringen.

Im Prozess wurde das Kind zudem nicht gehört, es bekam keinen Verfahrensbeistand. Diese Versäumnisse kritisierte der Experte Ludwig Salgo später.

Amtsgericht Freiburg
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Amtsgericht Freiburg

Ob die Mutter tatsächlich darauf achtete, dass ihr Sohn nie alleine mit Christian L. war, kontrollierte niemand. Das Amtsgericht ging laut einer Sprecherin davon aus, dass das Jugendamt die Einhaltung des Kontaktverbotes prüfe, da es ohnehin mit der Familie arbeite.

Das Jugendamt wiederum sagte, dass man dafür keinen Auftrag vom Amtsgericht bekommen habe. "Für mich ist das mit Blick auf das Kindeswohl ein eklatanter Fehler", sagte Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung.

Die Richterin am Amtsgericht hatte offenbar nur eine vage Vorstellung davon, wie gefährlich Christian L. war. So kannte sie nicht das Urteil gegen L. zu mehr als vier Jahren Haft wegen Kindesmissbrauchs und dem Besitz von Kinderpornos.

Die Amtsrichterin trat auch als Zeugin im Prozess gegen Christian L. und Berrin T. auf. Sie sagte, niemand habe sie über das Urteil gegen L. aus dem Jahr 2010 informiert, wie die "Badische Zeitung" berichtete. Seit Bekanntwerden der Vorwürfe "leide ich sehr", erzählte sie im Zeugenstand. Sie sei wegen Rechtsbeugung angezeigt worden.

3. Eine allzu positive Bescheinigung

Im Streit um die Inobhutnahme vor dem Amtsgericht stützte sich Berrin T. auch auf die Einschätzung eines Therapeuten. Christian L. habe eine gute Sozialprognose, "das zeigt doch auch die Bescheinigung", sagte sie demnach.

Der Therapeut, der das Dokument ausgestellt hatte, musste ebenfalls im Prozess gegen Berrin T. und Christian L. vor Gericht erscheinen. Er hatte dem Mann eine geringe Rückfallgefahr und einen sehr guten Therapiewillen attestiert. Er habe die Bescheinigung auf Wunsch seines Patienten geschrieben. Auf die Frage, warum er das tat, sagte er: "Das wüsste ich auch gerne."

Christian L. (zweiter .v.l) und Berrin T. ( zweite .v.r) im Freiburger Landgericht (Archiv)
DPA

Christian L. (zweiter .v.l) und Berrin T. ( zweite .v.r) im Freiburger Landgericht (Archiv)

L. habe im Gespräch eine "sehr positive, engagierte Veränderung" gezeigt und "Gefühle geäußert". Außerdem hatte der Psychotherapeut demnach den Eindruck, dass eine Bindung an das Kind positiv für Christian L. sein könne. Es habe keine Hinweise für Interesse an Jungen gegeben.

Wie die "Süddeutsche Zeitung" recherchierte, hätte der Therapeut das Dokument gar nicht ausstellen dürfen. Solche Berichte müssten zuerst von der Leitung geprüft werden, teilte die Forensische Ambulanz Baden mit. Man habe sich von dem heute 70-jährigen Therapeuten getrennt.

4. Ein Hinweis, dem keiner nachgeht

Das Amtsgericht befand schließlich, der Junge müsse zurück zu seiner Mutter. Im April 2017 war er wieder bei ihr. Anfang Juni meldete sich die Lehrerin des heute Zehnjährigen beim Jugendamt. Der Junge habe einem Mitschüler erzählt, dass er sich zu Hause "ausziehen und anschauen lassen" müsse.

Vor Gericht sagte ein Mitarbeiter des Jugendamtes laut "Badischer Zeitung" aus, dass man daraufhin intern konferiert habe. Ergebnis: "Wir hielten es für einen vagen Hinweis um drei Ecken", sagte der Mann. Man habe die Aussage nicht zeitlich eingrenzen können.

Der Hinweis verließ das Jugendamt nicht. Die Polizei wurde nicht informiert und auch nicht das Karlsruher Oberlandesgericht, vor dem Berrin T. gegen die Entscheidung des Amtsgerichtes vorging. Das OLG sollte kurze Zeit später darüber entscheiden, ob und unter welchen Umständen der Junge in der Familie bleiben dürfe.

Bei der Verhandlung am OLG im Juli 2017 versicherte die Mutter erneut, dass Christian L. die Wohnung nicht betreten und es keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten mit dem Jungen geben werde - auch nicht, wenn sie dabei sei. De facto war L. längst bei ihr eingezogen.

Der Missbrauch des Kindes ging indes weiter, wie man heute weiß. Im September nahmen Spezialkräfte Christian L. vor einem Supermarkt fest, der Fall wurde im Januar 2018 öffentlich. Bei der Staatsanwaltschaft gingen inzwischen 15 Anzeigen gegen das Jugendamt und beteiligte Richter ein. Man prüfe einen Anfangsverdacht, sagte ein Sprecher.


Zusammengefasst: Im Fall des in Staufen über Jahre missbrauchten Kindes steht das Urteil gegen die Mutter des Jungen und deren Lebensgefährten bevor. Berrin T. und Christian L. müssen mit langen Freiheitsstrafen rechnen. Ihr Fall zeigt, dass der Informationsfluss zwischen Gerichten, Behörden, Polizei und Bewährungshelferin so schlecht war, dass der Missbrauch des Jungen über Jahre weitergehen konnte. Zudem wird deutlich, dass Gerichte den Beteuerungen der Mutter, sie werde auf ihr Kind aufpassen, allzu leicht Glauben schenkten.

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