Staufener Missbrauchsfall "Es gibt viele Mütter, die selbst missbrauchen"

Eine Mutter beutet ihren Sohn sexuell aus: Der Fall Staufen hätte früher erkannt werden können, sagt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Warum ist es dann nicht geschehen?

Ein Interview von


Zur Person
  • DPA
    Johannes-Wilhelm Rörig, Jahrgang 1959, ist seit April Dezember 2011 Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Das Amt der Bundesregierung ist unabhängig und nicht weisungsgebunden, organisatorisch aber beim Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend angesiedelt.

Mehr als zwei Jahre lang wurde ein Junge aus Staufen missbraucht. Seine Mutter Berrin T. und ihr Lebensgefährte Christian L. vergingen sich an ihm. Zudem boten sie den heute Zehnjährigen im Darknet an. Fremde Männer missbrauchten das Kind gegen Bezahlung, einer wollte es gar töten. Nun hat das Landgericht Freiburg das Paar für seine Taten verurteilt.

Das Martyrium des Jungen hätte womöglich viel früher enden können. Denn mehrere Behörden und Gerichte betreuten die Familie. Aber es mangelte an Absprachen zwischen Jungendamt, Gericht und Ermittlern. Zudem schätzten Familienrichter die Situation des Jungen falsch ein.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, fordert nun mehr Personal für Jugendämter und eine Fortbildungspflicht für Familienrichter.

Rörig soll unter anderem Ansprechpartner und Interessenvertreter für Missbrauchsopfer und deren Angehörige sein sowie die Arbeit von Experten zum Thema unterstützen. Rörig kann Behörden oder Ministerien keine Aufträge erteilen. Er berät, kann Empfehlungen aussprechen und Forderungen aufstellen. Aktuell steht er mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in Kontakt, um ein Fachkonzept für die Stärkung des Kindeswohls zu erarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Defizite zeigt der Fall aus Staufen?

Rörig: Er offenbart eine schlechte Zusammenarbeit zwischen Jugendamt, Familiengericht und Ermittlungsbehörden. Die Informationen wurden nicht ausgetauscht, dabei hätten sie diese zusammenführen müssen. Aufgrund ihrer Versäumnisse konnte das Martyrium des Jungen nicht früher aufgedeckt und verhindert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie außergewöhnlich sind Fehler wie diese in Deutschland?

Rörig: Wir kennen solche strukturellen Probleme auch von anderen Bezirksjugendämtern. Sie sind oft heillos überfordert, weil sie zu wenig Personal haben. Ihnen fehlt dadurch die Kraft, um mit einem geschärften Blick die Signale richtig zu deuten. So haben sie oft nur eine geringe Chance, Verdachtsfälle zu entdecken und diesen konkret nachzugehen.

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Missbrauchsfall Staufen: Chronologie des Grauens

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Behörden aussehen?

Rörig: Wir brauchen mehr Personal und weniger Fälle pro Jugendamtsmitarbeiter, damit sie genauer hinschauen und individuell auf die einzelnen Fälle reagieren können. Zudem sollten wir verstärkt Fallmanager einführen. Sie bringen die Informationen von allen Behörden zusammen, stellen die Kommunikation untereinander sicher und haben damit einen vielseitigeren Blick auf die Fälle. Zuletzt fordere ich noch mehr Sensibilität. Behörden und Familiengerichte müssen sich noch stärker als bislang vor Augen führen, dass sie mit ihren Entscheidungen die Weichen für die Zukunft des betroffenen Kindes und seiner Familie stellen.

SPIEGEL ONLINE: Im Staufener Fall glaubten die Richter den Schilderungen der Mutter, sich um den Jungen zu kümmern und ihn zu schützen. Inwieweit ist die Sicht auf die Mutterrolle ein Problem?

Rörig: Das ist ein ganz klares Defizit in der allgemeinen Wahrnehmung. Behörden, Gerichte und Ermittler hoffen wie alle anderen auch, dass sich eine Mutter immer schützend vor ihr Kind stellt. Doch die Realität sieht anders aus: Es gibt viele mitwissende Mütter, die nicht ihre Kinder, sondern den Täter schützen, und auch Mütter, die selbst missbrauchen. Die Gründe dafür können verschieden sein. Oft wollen Frauen die Beziehung zu dem Mann nicht gefährden oder sind finanziell von ihm abhängig. Ich hoffe, dass der Fall Staufen endlich alle wachrüttelt. Denn eine Gefahr kann auch von der Mutter ausgehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche konkrete Verantwortung haben Familienrichter in diesen Fällen?

Rörig: Sie steuern den Konflikt in einer Familie und treffen weitreichende Entscheidungen für die Eltern, das Kind und die Familie: Soll das Kind in der Familie bleiben oder nimmt man es besser heraus? Am Ende muss eine Lösung zum Wohl des Kindes gefunden werden.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland können Richter schon nach einem Jahr im Amt Familienrichter werden. Geht das zu einfach und zu schnell?

Rörig: Auf jeden Fall. Früher musste man Richter auf Lebenszeit sein, also mindestens drei Jahre als Richter gearbeitet haben, um Familienrichter zu werden. Heute kann man nach einem Jahr Berufstätigkeit Familienrichter auf Probe werden. Ich wünsche mir, dass das Gerichtsverfahrensgesetz wieder auf die alte Regelung geändert wird und Fortbildungen für Familienrichter, die verpflichtend sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es bislang keine speziellen Fortbildungen für diesen sensiblen Bereich?

Rörig: In der Vergangenheit wurde gegen Fortbildungen mit der Wahrung der richterlichen Unabhängigkeit argumentiert. Ich habe selbst fünf Jahre als Richter gearbeitet und bin der Meinung, dass man einen Fall erst dann inhaltlich verstehen und unabhängig beurteilen kann, wenn man über eigene spezifische Fachkenntnisse verfügt und sich nicht allein auf die Wahrnehmung von Gutachtern verlassen muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten diese Fortbildungen aussehen?

Rörig: Richter sollten Schulungen zu Kinderschutz und Kindeswohl bekommen. Zudem sind Fortbildungen in Themen der Entwicklungspsychologie von Vorteil. Nur wer diese Fälle mit großer Sensibilität und mit entsprechendem Fachwissen behandelt, kann Kinder besser befragen, auf sie eingehen und sie schützen.

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