Jugendschutz Was nach dem Fall Staufen geschehen muss

Jahrelang bot eine Mutter gemeinsam mit ihrem Partner ihren Sohn zum Missbrauch an - trotz der Kontrolle durch Gerichte und Ämter. Welche Konsequenzen ziehen die Behörden?

Berrin T. (l.) und Christian L. (r.) im Freiburger Landgericht
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Berrin T. (l.) und Christian L. (r.) im Freiburger Landgericht

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Im Prozess gegen die Hauptangeklagten des Staufener Missbrauchsfalls haben auch jene gesprochen, die dem Opfer eigentlich helfen sollten. "Ich hätte mir gewünscht, dass wir den Jungen besser geschützt hätten", sagte ein Sozialarbeiter vor Gericht.

Doch es gelang nicht, weder dem Jugendamt, noch der Polizei oder den Gerichten - sie alle hatten mit der nun verurteilten Mutter Berrin T. und deren Partner Christian L. in den Jahren des Missbrauchs zu tun. Das Verbrechen konnte andauern. Dutzendfach wurde der Junge missbraucht und gedemütigt, von der Mutter, dem Lebensgefährten, anderen Männern, die Geld für Vergewaltigungen zahlten. (Eine Chronologie des Falles finden Sie hier.)

Mit dem Urteil gegen Berrin T. und Christian L. endet vorerst die juristische Aufarbeitung des Falles. Doch die politische Aufarbeitung hat erst begonnen - und Experten nehmen dem Fall zum Anlass, auf tiefgreifende Probleme bei Familiengerichten und der Zusammenarbeit zwischen den Behörden hinzuweisen. Was muss sich ändern?

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Missbrauchsfall Staufen: Chronologie des Grauens

Welche Fehler sind passiert?

Bei den Ermittlungen zu dem Missbrauchskomplex kamen nicht nur grausame Verbrechen ans Licht. Sondern auch Versäumnisse seitens Familiengerichten und Behörden: So war das Kind zwar einige Monate vor der Verhaftung des Paares aus der Familie genommen worden.

Kurz darauf kam der Junge auf Veranlassung des Familiengerichts aber wieder zurück zur Mutter. Die Richterin am Freiburger Amtsgericht hatte dabei das Kind nicht befragt und ihm auch keinen Verfahrensbeistand zur Seite gestellt. Die Vorgeschichte von Christian L. kannte sie nur unzureichend.

Dass mit dem 39-jährigen L. ein vorbestrafter Pädokrimineller unter einem Dach mit dem Jungen lebte, bemerkte die Polizei erst spät, das Kontaktverbot des Mannes zu Kindern und Jugendlichen wurde nicht überwacht. Hinweise der Schule zu einem möglichen Missbrauch des Jungen wurden vom Jugendamt als zu vage eingestuft, die Behörde behielt die Information für sich.

Welche Konsequenzen haben die Behörden vor Ort gezogen?

Das Regierungspräsidium Freiburg hat die Arbeit des Jugendamtes geprüft. Rechtsverstöße wurden dabei nicht festgestellt; allerdings bemängelte das Präsidium, das Jugendamt sei von Gerichten und der Polizei mehrfach zu spät informiert worden.

Der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) lässt laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Kinderschutzkonzept erstellen und will den Jugendämtern eine Handreichung zur besseren Gefährdungseinschätzung geben. Eine Arbeitsgruppe verschiedener Landesministerien tagt dem Bericht zufolge ebenfalls dazu. Auch am Oberlandesgericht erstellt eine Arbeitsgruppe bis September Vorschläge, wie Behörden und Justiz besser zusammenarbeiten können.

Das baden-württembergische Justizministerium bietet dieses Jahr mehrere Fortbildungen für Richter an. Thema ist unter anderem, Missbrauch von Kindern und Jugendlichen besser zu erkennen.

Stadtsee in Staufen: Hier fanden Ermittler eine Festplatte von Christian L.
Simon Hofmann / Getty Images

Stadtsee in Staufen: Hier fanden Ermittler eine Festplatte von Christian L.

Wie reagierte die Politik auf den Fall?

SPD und Grüne im Landtag stellten mehrere Anfragen zu dem Fall. Dabei ging es unter anderem zweimal um Fortbildungen von Familienrichtern und um eine detaillierte Aufarbeitung der Kommunikation zwischen den Behörden.

"Mehr Sachverstand an den Gerichten" forderte Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) bereits im Januar. "Dazu gehören auch verpflichtende Fortbildungen, die sich konkret auf das Thema Missbrauch und Gewalt beziehen", sagte sie.

Eine Forderung, die auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, im Interview mit SPIEGEL ONLINE erhebt. "Richter sollten Schulungen zu Kinderschutz und Kindeswohl bekommen", sagte er. Zudem seien Seminare in Themen der Entwicklungspsychologie von Vorteil.

Ermittlungen im Missbrauchsfall: Deckname "GeilerDaddy"

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Was sagen Juristen zur Ausbildung von Familienrichtern?

In einer Stellungnahme für den Deutschen Familiengerichtstag wählte der Familienrichter Stefan Heilmann deutliche Worte: Viele Richter bilden sich demnach grundsätzlich nicht "in gebotener Weise fort". Familienrecht werde an Universitäten oft nicht ausreichend gelehrt, entsprechende Lehrstühle seien eine Seltenheit, Kindschaftsrecht gehöre im Referendariat nicht zum Pflichtstoff.

Ähnlich argumentiert Eva Becker. Sie ist Fachanwältin für Familienrecht aus Berlin und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht des Deutschen Anwaltsvereins. "Für den Titel der 'Fachanwältin' musste ich eine kleines Staatsexamen ablegen", sagt sie.

Außerdem müsse sie 15 Stunden Fortbildungen im Jahr nachweisen, sonst verliere sie den Titel. "Für Familienrichter gibt es dagegen keine verpflichtenden Fortbildungen. Das muss sich ändern."

Mit Material der dpa

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