Bluttat in Pakistan Steinigung vor den Toren des Gerichts

Eine schwangere Frau ist in Pakistan gesteinigt worden. Vor einem Gerichtsgebäude griffen Vater und Brüder sie an - weil sie einen Mann ihrer Wahl geheiratet hatte. Mit einer Strafe müssen die Täter nicht rechnen.

Lahore: Angehörige mit dem umhüllten Leichnam von Farzana
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Lahore: Angehörige mit dem umhüllten Leichnam von Farzana

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi


Farzana Iqbal liebte Mohammed, er war ihr Mann und der Vater des Kindes, das sie in ihrem Bauch trug. Sie war im dritten Monat schwanger. Dass sie Mohammed liebte, wollte sie am Dienstag in Lahore vor dem Obersten Gericht klarstellen. Doch dazu kam es nicht, Farzana starb, noch bevor sie das Gebäude betreten konnte.

Ihr Vater hatte einen anderen für sie vorgesehen: Farzana, 25, sollte ihren Cousin heiraten. Doch sie entschied sich für Mohammed, 45, Witwer und Vater von fünf Kindern. Farzanas Vater zeigte Mohammed wegen Entführung an. Farzana und Mohammed wollten nun mitteilen, dass sie die Ehe aus freien Stücken eingegangen waren.

Doch vor dem Gericht lauerten etwa 20 Angehörige von Farzana, darunter der Vater, zwei Brüder und der Cousin, den sie heiraten sollte. Sie griffen die beiden an, die Männer feuerten Schüsse in die Luft, versuchten, Farzana von ihrem Ehemann wegzureißen. Als sie sich wehrte, begannen sie, sie zu schlagen. Am Ende steinigten sie Farzana mit Ziegelsteinen von einer nahen Baustelle. Die Polizei hielt den Mob nicht auf. Farzana erlitt so schwere Kopfverletzungen, dass sie kurz darauf starb.

Vater zeigt keine Reue

Morde von Familien an ihren eigenen Töchtern, Nichten, Enkelinnen sind in Pakistan alltäglich, viele Tausend Frauen und Mädchen werden jedes Jahr von ihren Angehörigen getötet. Die Menschen setzen ihre eigene Rechtsauffassung durch, oft irgendwo in Dörfern, weit weg von Polizei und Justiz.

Außerhalb von Pakistan erfährt man von einzelnen Taten selten etwas, doch der Mord an Farzana geschah mitten in der zweitgrößten Stadt des Landes. Die Tat verdeutlicht auf schreckliche Weise die Situation von Frauen in Pakistan.

Denn nicht nur, dass dort eine Familie auf mörderische Weise Selbstjustiz vor einem Gerichtsgebäude verübte: Die Täter werden wohl trotz des Mordes ungeschoren davonkommen.

Dabei müssen die Verantwortlichen nicht mehr ermittelt werden: Farzanas Vater ergab sich noch vor Ort der Polizei und nannte seine Tat einen "Ehrenmord". "Ich habe meine Tochter getötet, weil sie unsere gesamte Familie beleidigt hat, indem sie ohne unsere Zustimmung einen Mann geheiratet hat. Ich bereue es nicht", soll der Vater gegenüber der Polizei gesagt haben.

"Keiner weist diese Männer in die Schranken"

Doch er und die anderen Täter werden sich ein Gesetz zunutze machen können: Es erlaubt Familien von Opfern, den Tätern zu vergeben. Die eigenen Angehörigen können nun also den Mördern von Farzana zur Straffreiheit verhelfen. Wenn man so will, geschah der Mord an Farzana in einem rechtsfreien Raum.

Das provokante Verbrechen stelle der pakistanischen Justiz ein Armutszeugnis aus, sagte Zohra Yousuf, Vorsitzende der pakistanischen Menschenrechtskommission, SPIEGEL ONLINE. "Es zeigt, dass der Staat entweder nicht willens oder unfähig ist, Frauen zu schützen. Der Rechtsstaat ist zusammengebrochen. Diese Männer machen, was sie wollen, weil keiner sie in ihre Schranken weist."

Pakistanische Menschenrechtler beklagen seit langem, dass konservative Familien in Pakistan glaubten, mit ihren Traditionen über dem Recht und Gesetz zu stehen. "Diese Verbrechen haben nichts mit Ehre zu tun, sie sind heimtückische Morde. Leider sind sie in Pakistan an der Tagesordnung", sagte der bekannte Aktivist Ibn Abdur Rehman SPIEGEL ONLINE. Erst wenn sich die erzkonservative Mentalität im Land ändere, werde sich die Lage der Frauen bessern, so der ehemalige Chefredakteur der "Times of Pakistan".

Die pakistanische Aurat-Stiftung hat für eine Studie zu Ehrenmorden Zeitungsberichte ausgewertet. Danach werden etwa tausend Frauen in Pakistan jährlich das Opfer solcher Taten. Die Dunkelziffer ist nach Schätzungen der Organisation allerdings wesentlich höher.



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