Sterbehilfe-Debatte in Frankreich Das Recht auf den Tod

Nach langem Streit um das Schicksal des Koma-Patienten Vincent Lambert hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden: Die Ärzte dürfen ihn sterben lassen. Gegen den Willen seiner Eltern. Die kämpfen weiter.

Von , Paris

Vincent Lambert: "Wir sind sehr weit gegangen", sagen die Ärzte
AFP

Vincent Lambert: "Wir sind sehr weit gegangen", sagen die Ärzte


Die Geschichte begann am 29. September 2008. Vincent Lambert, damals 32, Vater einer drei Monate alten Tochter, brach zur Arbeit auf. Auf dem 17 Kilometer langen Weg nach Châlons-en-Champagne, wo Lambert als Pfleger in der psychiatrischen Abteilung des örtlichen Krankenhauses arbeitete, verlor er die Kontrolle über sein Motorrad. Er erlitt schwere Kopfverletzungen.

Bis hier hin war es eine persönliche Tragödie. Eingeliefert in das Universitätskrankenhaus von Reims wurde Lambert auf der Intensivstation zunächst in ein tiefes Koma versetzt, danach erreichte er den "Status minimalen Bewusstseins". Der Terminus charakterisiert einen beinahe vegetativen Zustand: Lamberts Augen, meist ausdruckslos, bewegen sich, sie reagieren reflexartig auf Lärm. Sein Körper empfindet Schmerzen, er weint.

Spezialkliniken versuchten, Lambert zu helfen: Doch weder Bewegungstherapie und stimulierende Massagen wirkten auf sein Bewusstsein; ohne Erfolg blieben die Bemühungen der Angehörigen oder intensive sprachtherapeutische Behandlungen. Lambert hat in der Sprache der Medizin kein "zwischenmenschliches Leben".

Wer darf entscheiden?

Wie damit umgehen? Lambert hat keine Patientenverfügung, er hatte sich vor dem Unfall nicht klar geäußert, was er wünscht, sollte ihm etwas zustoßen. Die Frage entzweite die Familie, aus Lamberts Schicksal wurde ein Familiendrama, erwuchs ein öffentlicher Konflikt.

Wann ist Sterbehilfe erlaubt? Wer darf über sie entscheiden, wenn es der Patient nicht getan hat und nicht mehr kann? Angehörige? Ärzte? Gerichte?

Am Freitag ist der juristische Streit um Lambert womöglich beendet worden: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EMGR) hat entschieden, dass es kein Verstoß gegen das Recht auf Leben der Europäischen Menschenrechtskonvention sei, die künstliche Ernährung von Lambert zu beenden. Die Richter folgten damit dem Urteil von Frankreichs oberstem Verwaltungsgericht.

Das Urteil hat über den Fall Lambert hinaus Relevanz: Etwa 1700 Patienten sind in Frankreich in einer ähnlichen Lage. Und die übrigen Länder der Europäischen Union gehen unterschiedlich mit Sterbehilfe um; vielerorts, wie in Deutschland, läuft die Debatte, ob Sterbehilfe gesetzlich neu geregelt werden soll (dazu finden Sie eine Übersicht unter dem Text).

"Letzter Beweis der Liebe"

Im Fall Lambert waren sich die Ärzte und die Ehefrau einig. Im Frühjahr 2013 glaubten die Mediziner bei dem Querschnittsgelähmten Zeichen eines Widerstandes gegen die Behandlung festzustellen. Doktor Éric Kariger beschloss im Einvernehmen mit Rachel Lambert, selbst Krankenschwester, die künstliche Ernährung Vincent Lamberts einzustellen.

Frankreichs Rechtsprechung verbietet zwar "aktive Sterbehilfe", seit 2005 erlaubt ein Gesetz aber, unheilbar Kranke "sterben zu lassen". Kann der Betroffene sich nicht selbst dafür entscheiden und liegt keine Patientenverfügung vor, kann ein Ärztegremium die Entscheidung treffen. "Vincent gehen zu lassen", so Rachel 2013, "ist mein letzter Beweis der Liebe."

Doktor Kariger unterlief aber ein Fehler: Er versäumte es, die anderen Angehörigen des Patienten zu benachrichtigen. So folgte ein juristischer Grabenkrieg: Ehefrau Rachel und sechs der insgesamt acht Geschwister wollten die Sterbehilfe, die restlichen Geschwister und die Eltern sperrten sich. Sie, Katholiken aus dem Umfeld der erzkonservativen "Bruderschaft des Heiligen Pius X.", bezeichneten Vincents Zustand nicht als "unheilbare Hirnkrankheit", sondern sahen ihren Sohn als nur "behindert".

Es folgte ein Parcours durch die Gerichte: Doktor Kariger und ein Ärztegremium betrachteten jede weitere Behandlung als "vernunftwidriges Beharren", sie plädierten gegen eine "Lebensverlängerung um jeden Preis". Das von den Eltern angerufene Verwaltungsgericht entschied jedoch, die Fortsetzung der Behandlung "sei weder unnütz noch unverhältnismäßig".

"Richter an Stelle der Ärzte"

Für Jean Leonetti, den konservativen Abgeordneten und Verfasser des 2005 in Kraft getretenen Sterbehilfegesetzes, hatten "die Juristen damit die Stelle der Ärzte eingenommen". Fünf Geschwister appellierten an Gesundheitsministerin Marisol Tourraine: Vincent sollte nicht gezwungen sein, "mit den Schmerzen weiterzuleben".

Im Juni gab der Staatsrat, Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht, ihnen Recht. Nach Anhörung von Neurologen stellte er fest, dass es "nicht illegal" sei, die künstliche Ernährung von Vincent Lambert zu beenden. Lamberts Bewusstsein entspreche "nunmehr einem vegetativen Zustand durch unumkehrbare Hirnverletzungen". Die klinische Prognose sei schlecht.

Die Eltern schalteten schließlich den Gerichtshof in Straßburg im Eilverfahren ein. Sie riefen zugleich im Internet zur "Rettung Vincents" auf: "Im Namen welchen Grundsatzes sollte Vincent sterben, wenn er unter den liebevollen Blicken seiner Familie leben kann, mit der Versorgung, die er benötigt?"

Lamberts Arzt, Éric Kariger, hatte die Haltung der Eltern schon vor dem EGMR-Urteil als "Leugnen der Wirklichkeit" bezeichnet. "Wir sind weit, weit, sehr weit gegangen", so Kariger gegenüber "Paris-Match" zu seinen Bemühungen. "Aber wir praktizieren eine menschliche, humanistische Medizin, eine Medizin der Demut. An deren Ende steht manchmal der Tod."

Im Urteil des EGMR heißt es nun, die französische Justiz habe "alle medizinischen und ethischen Aspekte dieses Falls sorgfältig abgewogen".

Die Mutter Vincents ist verbittert, sie nannte den Spruch der Straßburger Richter ein "skandalöses Urteil". Der Anwalt der Eltern, Jean Paillot, hat bereits weitere juristische Schritte in Frankreich angekündigt, um Lambert am Leben zu erhalten.

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insgesamt 16 Beiträge
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Spiegelleserin57 05.06.2015
1. die Ärzte müssen den Beweis erbringen...
dass dieser Mensch nie wieder zu Bewusstsein kommen wird. Das wird ihnen nicht gelingen, eine Restunsicherheit wird immer bleiben. Es gab und gibt immer wieder Überraschungen in der Medizin die niemand vorhersehen kann. Aus diesem Grund ist das Verhalten der Eltern gut verständlich!
Sonia 05.06.2015
2. Kein zwischenmenschliche Beziehung?
Dann werden jetzt Tausende Wachkomapatienten sterben? Es bleibt ein so schmaler Grad. Die, die nach vielen Jahren aufwachten ....wie Todesurteil, das zum Glück nicht vollstreckt wurde. Schumacher ..wer genug Geld hat und privat umsorgt werden kann, bleibt leben? Patientenverfügungen sollten Pflicht werden. Jeder sollte bei seinem Geburtsstandesamt eine hinterlegen müssen ab dem 18. Lebensjahr. Diese Entscheidungen werden ansonsten mehr und mehr zum Kostenfaktor werden und den Familien aus der Hand genommen.
klaus-baerbel 05.06.2015
3. Patientenverfügung unbedingt!
Mein Partner und ich haben uns, obwohl wir beide erst in den vierzigern sind, schon vor einigen Jahren ausführlich darüber unterhalten, was wir in einer solchen Situation wollen und was nicht. Unsere Wünsche haben wir jeder in einer Patientenverfügung niedergeschrieben und können uns darauf verlassen, dass der andere dafür sorgen wird, dass nach dieser Verfügung verfahren wird, auch gegen den Willen anderer Familienmitglieder. Gerade weil wir nicht verheiratet sind, war uns die Patientenverfügung enorm wichtig. Gerade Eltern fällt es oft schwer, ihre Kinder gehen zu lassen, dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber man sollte bei seinen Entscheidungen berücksichtigen, ob sein Kind, das man ja gut kennt, in einer solchen Situation wirklich noch "leben" will.
damp2012 05.06.2015
4. Wie furchtbar...
... das alles für alle Beteiligten. Und wieder ein Beispiel mehr und gute Gründe, eine Patientenverfügung bei klarem Verstand und frühzeitig zu machen. Ebenso wichtig - mit Familie und Freund über seine eigenen Bedürfnisse und Meinung zu reden. Das schon allein ist ein wirklich beruhigendes Gefühl.
altefrau99 05.06.2015
5. Nicht nur die Kosten
Zitat von SoniaDann werden jetzt Tausende Wachkomapatienten sterben? Es bleibt ein so schmaler Grad. Die, die nach vielen Jahren aufwachten ....wie Todesurteil, das zum Glück nicht vollstreckt wurde. Schumacher ..wer genug Geld hat und privat umsorgt werden kann, bleibt leben? Patientenverfügungen sollten Pflicht werden. Jeder sollte bei seinem Geburtsstandesamt eine hinterlegen müssen ab dem 18. Lebensjahr. Diese Entscheidungen werden ansonsten mehr und mehr zum Kostenfaktor werden und den Familien aus der Hand genommen.
Es geht nicht um das Geld. Die niederländische Königin hat ihren Sohn auch sterben lassen, sie hat ihm das traurige Vegetieren so erspart. Wieviele Fälle kennen sie mit Patienten, die aus Wachkoma zu sich kamen? Einen, zwei vielleicht? Wir haben meine Schwiegermutter begleitet, sie hat auch keine echte Verfügung gemacht. Die drei Jahre bis zu ihrem Tod wünsche ich niemandem, obwohl sie die beste Pflege hatte. Die katholische Kirche als Argumentation nehmen, ist falsch. Ohne technischen Hilfe hätte er nicht überlebt, also wen das wolle von Gott war, dann warum mischen uns wir Menschen ein.
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