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Wachkoma-Patient in Frankreich: Gerichtshof für Menschenrechte erlaubt Sterbehilfe

Wachkoma-Patient Vincent Lambert und seine Mutter (2014): Urteil in Straßburg Zur Großansicht
DPA/ PhotPQR

Wachkoma-Patient Vincent Lambert und seine Mutter (2014): Urteil in Straßburg

Soll Vincent Lambert sterben? Ärzte und die Ehefrau des Wachkoma-Patienten wollen die künstliche Ernährung einstellen. Die Eltern des 38-Jährigen sind dagegen. Nun hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden.

Sein Fall hat in Frankreich heftige Diskussionen ausgelöst - und seine Familie entzweit. Soll der Wachkoma-Patient Vincent Lambert passive Sterbehilfe erhalten? Nun hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg ein Urteil gefällt: Die künstliche Ernährung des 38-Jährigen darf eingestellt werden.

Das Urteil wurde von der Großen Kammer aus 17 Richtern gefällt, dagegen ist kein Einspruch möglich. Das Urteil erging mit zwölf Stimmen, fünf der Richter hatten eine abweichende Meinung.

Der Grund für dieses höchstrichterliche Urteil nach jahrelangem Rechtsstreit ist das tiefe Zerwürfnis in Lamberts Familie über die Sterbehilfe-Frage. Die Ärzte hatten zusammen mit der Ehefrau entschieden, die künstliche Ernährung per Magensonde zu beenden. Auch mehrere seiner Geschwister sind dafür. Der Staatsrat (Conseil d'État), das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs, billigte im Juni 2014 diese Entscheidung.

Lambert hatte bei einem Verkehrsunfall 2008 schwere Gehirnschäden erlitten. Nach Ansicht seiner Ärzte besteht keine Aussicht auf Besserung. Eine künstliche Lebensverlängerung um jeden Preis sei unzumutbar, hieß es in dem Staatsrats-Gutachten.

Keine Patientenverfügung

Doch die streng katholischen Eltern und zwei Geschwister des Patienten riefen den EGMR an. Sie betrachten einen Stopp der lebensverlängernden Maßnahmen als "verkappte Euthanasie". Deshalb machten sie unter Berufung auf die Europäische Menschenrechtskonvention einen Verstoß gegen das Recht auf Leben und das Verbot der Folter und unmenschlicher Behandlung geltend. Ihre Beschwerde hat der EGMR nun abgelehnt.

Die Straßburger Richter verwiesen bei ihrem Urteil auf die Einschätzung der Ärzte im Universitätskrankenhaus von Reims. Demnach sind bei dem Mann kaum noch Anzeichen von Bewusstsein auszumachen, er befindet sich in einem "vegetativen Zustand".

Problematisch ist in dem Fall, dass der frühere Krankenpfleger Lambert keine Patientenverfügung hat und sich nicht äußern kann. Nach Angaben seiner Frau hat er vor seinem Unfall lebensverlängernde Maßnahmen abgelehnt.

In Frankreich können Ärzte zusammen mit Angehörigen eine "Lebensverlängerung um jeden Preis" abbrechen und unheilbar Kranke "sterben lassen". Dies ist auch in Deutschland möglich. Aktive Sterbehilfe, also einem Menschen ein tödlich wirkendes Mittel verabreichen, ist in Deutschland und Frankreich wie in den meisten europäischen Ländern verboten.

Sterbehilfe im europäischen Ausland

wit/dpa/AFP/Reuters

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insgesamt 82 Beiträge
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1.
dalejd 05.06.2015
Tod durch Verhungern?
2. Soweit sind wir schon?
Ganzgeber 05.06.2015
Gegen den Willen der Eltern - das finde ich ganz schön heftig. Es kommt anscheinend immer alles noch schlimmer, als man sich das früher hätte überhaupt vorstellen können. Ich spare jetzt lieber schon mal Geld, damit ich mir später eine Lebensberechtigung kaufen kann.
3.
lupidus 05.06.2015
da sind wir sowas von zivilisiert, aber dann doch gezwungen unwürdig und qualvoll zu verenden.
4.
ZeroQ 05.06.2015
Sind denn diese lebenserhaltende Maßnahmen keine Folter? Und wie schon ein Vorposter schrieb: Tod durch Verhungern? Dieser Gedanke geht mir jedes Mal durch den Kopf, wenn es heißt die lebenserhaltende Maßnahmen werden beendet. Die meisten Patienten verhungern oder ersticken dann. M.E. sind das mit unter gehören diese zu den grausamsten. Ich würde mir wünschen, dass mir jemand in solch einem Fall ein Gift injiziert damit ich schnell sterbe. Aber nein, dass ist ja töten. Stattdessen lässt man den Patienten verhungern. Das ist ja viel humaner. Bei diesen Aussichten wünsche ich dem Mann dass er nur noch schnell stirbt.
5. Ja!
99luftballons 05.06.2015
Zitat von dalejdTod durch Verhungern?
Mit gleichzeitiger Verabreichung von schmerzstillenden Mitteln. Meine erste Wahl, falls ich in gleicher Situation waere
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Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.


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