Sterbehilfe-Streit Italienische Komapatientin Englaro ist tot

17 Jahre lang lag sie nach einem Autounfall im Wachkoma, ihr Vater kämpfte verzweifelt um Sterbehilfe - jetzt ist die Italienerin Eluana Englaro tot. Bis zuletzt hatte Ministerpräsident Berlusconi versucht, dies per Eilgesetz zu verhindern.


Rom - Sie wurde 38 Jahre alt: An diesem 9. Februar ist Eluana Englaro in einem Altersheim in Udine gestorben. "Ja, sie hat uns verlassen", sagte der Vater der Komapatientin, der seit Jahren dafür gekämpft hatte, dass die künstliche Ernährung seiner Tochter eingestellt werden kann. Er wolle jetzt allein sein.

Englaro starb am Montagabend kurz nach 20 Uhr Ortszeit und damit deutlich früher, als von den Ärzten erwartet. Diese hatten vorausgesagt, dass die Patientin auch ohne Nahrung und Flüssigkeit noch "12 bis 14 Tage" leben könne.

Die Ärzte in einer Klinik in Udine hatten am Freitag die künstliche Ernährung Englaros gestoppt und ihren Tod für die kommenden zwei Wochen erwartet. Die Sterbehilfe für die Frau, die seit 17 Jahren im Wachkoma gelegen hatte, war in Italien heftig umstritten. Mit einem am Freitag beschlossenen Dekret wollte die Regierung von Silvio Berlusconi den Abbruch der künstlichen Ernährung für die Frau in letzter Minute untersagen.

Staatspräsident Giorgio Napolitano verweigerte jedoch seine Unterschrift. Berlusconi wollte daraufhin mit einem Eilgesetz den Tod der Frau verhindern. Der Senat sollte deshalb noch an diesem Montagabend über den Entwurf beraten - in der Parlamentskammer gab dann der Gesundheitsminister den Tod der Frau bekannt.

Englaro war nach einem Autounfall 1992 im Alter von 20 Jahren ins Koma gefallen. Zwei Jahre später erklärten die Ärzte, ihr Zustand sei irreversibel. Seitdem hat ihr Vater Beppino Englaro dafür gekämpft, seine Tochter sterben zu lassen.Ein Gericht in Mailand gab ihm schließlich Recht, das Verfassungsgericht in Rom bestätigte diese Entscheidung im vergangenen November. Der Vater berief sich darauf, dass seine Tochter kurz vor ihrem Unfall lebensverlängernde Maßnahmen für Komapatienten für sich abgelehnt habe.

Zuletzt habe Englaros Körper begonnen, sich in Krämpfen zu winden und zu krümmen, berichtete ein Reporter der Zeitung "Il Giornale". Ihr rasselnder Atem sei "das grauenerregende, verzweifelte Signal eines Menschen, der Hilfe brauche", schrieb der Journalist - und machte sich zum Sprachrohr jener italienischen Katholiken, die den öffentlichen Kampf um Leben und Tod der Eluana Englaro mit Entsetzen verfolgten.

Per Notverordnung gegen den Sterbewunsch

In Italien sorgte die Forderung nach Sterbehilfe für einen heftigen Streit: "Wach auf, Eluana!" und "Stoppt die Hand des Mörders!" riefen Sterbehilfegegner vor dem Krankenhaus, das sich bereiterklärt hatte, die Familie und die Patientin bis zum Ende zu begleiten. Die Klinik sei nichts weiter als "ein Parkplatz für Menschen auf dem Weg ins Jenseits", ätzte das "Giornale".

Ministerpräsident Silvio Berlusconi wollte die Frau jedoch um keinen Preis sterben lassen. In der Notverordnung wurde er mit den Worten zitiert,dass die Versorgung der 36-Jährigen auf keinen Fall beendet werden dürfe. Staatspräsident Napolitano hielt dem entgegen, dass sich die Regierung nicht über die Justiz hinwegsetzen dürfe, weil sonst das demokratische Prinzip der Gewaltenteilung gefährdet sei. Das Verfassungsgericht hatte dem Antrag der Familie auf Beendigung der lebenserhaltenden Maßnahmen stattgegeben.

Das katholische Krankenhaus in Lecco, in dem Englaro untergebracht war, hatte es ebenfalls abgelehnt, die Patientin sterben zu lassen. Deshalb beschloss die Familie Anfang Februar ihre Verlegung in eine Privatklinik in Udine. Die italienische Regierung hatte im vergangenen Monat eine Verfügung erlassen, der zufolge staatliche Krankenhäuser zur fortwährenden Versorgung von Koma-Patienten verpflichtet sind.

Aktive Sterbehilfe ist in Italien verboten, doch haben Patienten das Recht, eine Behandlung zu verweigern. Es gibt aber keine Möglichkeit, verbindliche Vorabentscheidungen für den Fall von Bewusstlosigkeit zu treffen.

Der behandelnde Neurologe Carlo Alberto Defanti wehrte sich: "Ich helfe einer Frau bei der Erfüllung ihres eigenen Wunsches, einer Frau, die von allen verraten wurde außer ihrem Vater und wenigen anderen."

cvk/AFP/AP/dpa



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