Schweden Fünfte Krawallnacht in Stockholm

Stockholm kommt nicht zur Ruhe: Zum fünften Mal in Folge kommt es zu Ausschreitungen, in den Vorstädten der schwedischen Hauptstadt brennen wieder Autos. Plötzlich spricht Schweden über jene Jugendlichen ohne Zukunft, die vorher weniger interessierten.

Löscharbeiten in Stockholm am Donnerstag: Forscher sind von den Krawallen nicht überrascht
AFP

Löscharbeiten in Stockholm am Donnerstag: Forscher sind von den Krawallen nicht überrascht

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Es ist mittlerweile schon fast kein außergewöhnlicher Anblick mehr. In einer Vorstadt von Stockholm stehen sechs Autos in Flammen, 400 Menschen umringen den Schauplatz, als die Feuerwehr zum Löschen anrückt. "Wir bekommen Berichte, dass eine ganze Menge Leute dort ist", zitierte die Nachrichtenagentur TT einen Polizeisprecher. Es ist die fünfte Nacht in Folge, in der es nahe der schwedischen Hauptstadt zu Ausschreitungen kommt.

Auch in anderen Vororten wurde am späten Donnerstagabend von randalierenden Jugendlichen berichtet. In Norsborg wurden drei Wagen in Brand gesetzt. Randalierer steckten die Polizeiwache in Aelvsjoe in Brand. In Tensta und Kista brannten laut Polizei zwei Schulen.

Schon an den Tagen zuvor brannten Autos, Jugendliche warfen Steine, zertrümmerten Scheiben, zündeten eine Polizeiwache in Stockholm an. "Wir haben hier eine Gruppe von jungen Männern, die denken, man kann und sollte mit Gewalt die Gesellschaft verändern", sagte Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Plötzlich spricht Schweden über jene jungen Erwachsenen, die vorher weniger interessierten. Sie fühlen sich plötzlich mächtig.

Er wisse, dass brennende Autos keine Probleme lösen. Er wisse, dass viele jetzt ein schlechtes Bild von Husby hätten. "Aber jetzt hören uns wenigstens alle zu", sagt ein junger Mann. 20 Jahre ist er alt, er ist in Stockholms Vorort Husby geboren und aufgewachsen. Er spricht ein hartes Schwedisch, ganz anders als jene, die in Stockholm wohnen, die sich ein Leben dort leisten können.

"Was ist es denn, was ihr sagen wollt, jetzt, wo alle zuhören?", fragt die Reporterin vom schwedischen Fernsehen SVT.

"Wir wollen nur sagen: Behandelt uns wie den Rest von Schweden", sagt er. "Wir wollen behandelt werden wie alle anderen."

Es gab schon früher Krawalle in Schweden

Angefangen haben die Krawalle in Husby, inzwischen haben sie sich auch auf Stadtteile in Stockholm ausgeweitet. In der Nacht zu Donnerstag hätten Autos an 15 Stellen in und um Stockholm gebrannt, schreibt die Zeitung "Dagens Nyheter". 90-mal sei die Feuerwehr ausgerückt, zwölf junge Menschen habe die Polizei festgenommen, die Hälfte von ihnen sei schon vorher mal verurteilt worden.

Das alles mag nicht recht passen zu dem Bild, das viele von Schweden haben. Jene, die nur Astrid Lindgren kennen, die roten Häuser, die Elche, Bullerbü.

"Mich hat Husby nicht überrascht", sagt hingegen Jerzy Sarnecki. Er forscht als Professor am Institut für Kriminologie von Stockholms Universität und hat früher in Jugendzentren mit jungen Straftätern gearbeitet. Schließlich hat es solche Aufstände in Schweden schon gegeben - wenn auch lange nicht mehr in dem Ausmaß. "Wir haben in Schweden nun mal Orte wie Husby, die gibt es auch in Frankreich und England", sagt er.

London erlebte seine Krawalle zuletzt im Sommer 2011, Paris im Winter 2007. Die Probleme ähneln sich. In Husby leben rund 11.000 Menschen, acht von zehn Einwohnern sollen ausländische Wurzeln haben, im Vergleich zu Stockholm ist die Arbeitslosenquote mehr als doppelt so hoch. Sarnecki spricht von einer "urbanen Unterklasse", von jungen Menschen, die keine Arbeit haben, keine guten Schulabschlüsse, junge Menschen, die sich von der schwedischen Gesellschaft ausgegrenzt fühlen. "Sie wissen, dass sie keine glänzende Zukunft vor sich haben", sagt der Professor. "Und sie verspüren eine große Wut auf die etablierte Gesellschaft."

Und die entlädt sich jetzt. Auslöser war ein Vorfall in der vorigen Woche: Die Polizei erschoss einen 69-jährigen Mann. Er soll die Polizei mit einer Machete bedroht haben. Die Beamten versuchten, ihn zu überwältigen, dabei starb der Mann unter bisher nicht ganz geklärten Umständen. Die Polizei teilte danach auf ihrer Website mit, der Mann sei im Krankenhaus gestorben - was allerdings wohl nicht stimmte. Der Pressesprecher bezeichnete das im "Svenska Dagbladet" als einen Fehler, den er bedauere.

Die Jugendorganisation Megafonen, die sich auch in Husby engagiert, glaubt eher an bewusste Falschinformationen. Auf ihrer Website schrieb sie nach dem Tod des Mannes: "Wenn das mit Karl-Erik, 69 Jahre, aus Kungsholmen passiert wäre, wäre das ein Skandal gewesen." Kungsholmen, ein Stadtteil in Stockholm, steht für die Besserverdiener. Die jugendlichen Aktivisten riefen zu einer Demonstration auf, um "die Polizeigewalt in unseren Orten zu stoppen".

"Wir fühlen uns von der Polizei schikaniert"

Der 20-jährige Mann, der sich freut, dass jetzt alle zuhören, sagte dem schwedischen Fernsehen: "Wir fühlen uns von der Polizei schikaniert." Ständig würden sie kontrolliert, ständig würde die Polizei nach Drogen suchen. "Man zieht sich diese Scheiße rein, immer wieder, aber irgendwann hat man genug."

Auch jetzt, während der Krawalle, greife die Polizei zu hart durch, sagen manche. Kriminologe Sarnecki will das nicht beurteilen. "Was ich sagen kann: Die Polizei hat eine schwere Aufgabe vor sich." Sie müsse sehr diplomatisch arbeiten, den Dialog suchen, nicht nur mit den Steinewerfern, auch mit Nachbarn, Eltern, anderen Jugendlichen.

Schon jetzt gibt es einige, die versuchen zu beschwichtigen. So veröffentlichte ein Feuerwehrmann auf seiner Facebook-Seite einen Brief an die Steinewerfer: "Vergangene Nacht hast du Steine auf uns geworfen", schrieb er. "Ich bin da, wenn dein Vater Hilfe braucht, wenn er ein Autounfall hatte, ich helfe deiner Schwester, wenn es in ihrer Küche brennt. Ich springe ins Wasser, um deinem Bruder zu helfen, wenn er aus dem Boot gefallen ist, auch wenn es eiskalt ist im Wasser." Er fragt: "Warum behandelst du mich so?" 30.000-mal wurde der Brief bislang geteilt. Und die Mädchengruppe Streetgäris rief am Mittwochabend zu einer friedlichen Demonstration auf. "Wir wollen, dass sich alles wieder beruhigt", sagte eine junge Frau dem schwedischen Fernsehen.

Und was passiert dann? Die Arbeitslosigkeit lässt sich kaum von heute auf morgen senken. Die Einwohner Husbys werden sich nicht plötzlich eine Wohnung in Stockholm leisten können, Stockholmer werden nicht nach Husby ziehen. "Nicht nur schwedische Politiker haben Fehler gemacht", sagt Professor Sarnecki, auch jene in London und Paris.

Ein anderer junger Mann, ebenfalls Steinewerfer, formuliert erst mal einen recht leicht zu erfüllenden Wunsch: "Wir möchten, dass die Politiker hierherkommen und mit uns Jugendlichen sprechen."

Mit Material von AFP



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