Drohender Prozess gegen Strauss-Kahn: "Zuhälterei? Absurd!"

Von Stefan Simons, Paris

Strauss-Kahn und Begleiterin in Cannes: Neuer Ärger für "DSK" Zur Großansicht
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Strauss-Kahn und Begleiterin in Cannes: Neuer Ärger für "DSK"

Es geht um einen Callgirl-Ring und Partys in Luxushotels: Eigentlich wollte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Dominique Strauss-Kahn einstellen. Doch jetzt droht dem früheren IWF-Chef doch ein Prozess. Sein Verteidiger findet die Vorwürfe lächerlich.

Der weißhaarige Wirtschaftsprofessor glaubte sich schon auf dem halben Weg zur Rehabilitierung: Ende Juni verbreitete sich Dominique Strauss-Kahn als Experte für Finanzfragen vor der Enquete-Kommission des Senats. Der 64-jährige Ex-Minister für Ökonomie brillierte mit seinen Einsichten zum Thema Bankenreform und Steuerhinterziehung. Zuvor hatte er sich, unlängst geschieden, mit einer tief dekolletierten Begleiterin beim Filmfest in Cannes blicken lassen und auch bei der Damen-Endrunde des Tennisturniers in Roland Garros.

Vor rund zwei Jahren hatten ihn Vergewaltigungsvorwürfe einer New Yorker Hotelangestellten zu Fall gebracht. Strauss-Kahn beteuerte, der Sex sei einvernehmlich gewesen, trat aber als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurück. Auch seine politischen Pläne musste er aufgeben, er galt als aussichtsreicher Anwärter der Sozialistischen Partei (PS) auf die Präsidentschaftskandidatur.

Seither empfahl sich Strauss-Kahn - in Frankreich nur kurz "DSK" genannt - als Vortragsredner und Finanzfachmann. Er schien bereits auf dem Rückweg in die besten Promi-Kreise des "Tout-Paris". Man munkelte bereits von einem politischen Comeback.

Doch während das New Yorker Strafverfahren nach erheblichen Zweifeln an den Aussagen der Frau eingestellt wurde und sie eine Zivilklage gegen eine Geldzahlung fallen ließ, drohte Strauss-Kahn weiterer Ärger in der Heimat. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen seiner Rolle in einer Callgirl-Affäre. Die Ermittler beantragten zwar Mitte Juni eine Einstellung des Verfahrens, doch das ließen Untersuchungsrichter nicht zu. Sie wollen dem früheren Star der Sozialistischen Partei nun den Prozess machen.

Nachdem das Verfahren in einer ersten Runde niedergeschlagen worden war, lautet der Vorwurf gegen Strauss-Kahn und zwölf andere Personen jetzt auf "gemeinschaftliche, schwere Zuhälterei". Gestrichen wurde der Hinweis auf "organisierte Kuppelei in Bandenform".

Im Zentrum des wieder hochgekochten Skandals: Das Luxushotel Carlton in der nordfranzösischen Stadt Lille. In dem Vier-Sterne-Haus soll "DSK" laut Staatsanwaltschaft an "eleganten Abenden" teilgenommen haben. Organisiert von großzügigen Geschäftsfreunden mit Kontakten ins Rotlichtmilieu habe der Politiker an lockeren Feiern mit Prostituierten teilgenommen.

Nackte Prostituierte oder nackte Dame von Welt?

Die willigen Damen, bisweilen aus dem benachbarten Belgien angereist und in den veröffentlichten Aussagen als "Mounia", "Jade" oder "Florence" bezeichnet, sollen für ihre dienstbaren Handlungen zwischen 500 und 1600 Euro erhalten haben. Strauss-Kahn beteuert, er habe nicht gewusst, dass die Frauen gewerbsmäßige Callgirls gewesen seien. Man hätte sie stets als Mitarbeiterinnen oder Freundinnen vorgestellt, bestätigten loyale "DSK"-Kumpel zu den Usancen der freizügigen Treffen.

"Bei diesen Abenden sind die Teilnehmerinnen normalerweise keine Prostituierten", argumentierte "DSK" und erklärte: "Wenn ihnen jemand seine Freundin vorstellt, fragen sie ja nicht, ob sie eine Prostituierte ist." Sein Verteidiger versuchte sich an einem ähnlichen Entlastungsversuch: "Bei diesen Abenden ist man ja nicht notwendigerweise angezogen", erläuterte er im Interview mit dem Sender Europe 1: "Das ist eine Herausforderung - wie wollen sie eine nackte Prostituierte von einer nackten Dame von Welt unterscheiden?"

Die textilen Details dürften bei dem neu aufgerollten Verfahren nicht im Vordergrund stehen. Im Kern geht es um die Frage, ob Strauss-Kahn wusste, dass er es mit bezahlen Escort-Girls zu tun hatte. Richard Malka, einer der Verteidiger Strauss-Kahns, bewertete die neuerliche Klageerhebung als Akt der "Verbissenheit" und erklärte, dass er mit seinem Klienten der Anhörung vor Gericht "mit Gelassenheit" entgegensehe: "Wir werden die Absurdität und Verquertheit des Vorwurfs der schweren Zuhälterei beweisen."

Während die Regierung mit Hinweis auf das laufende Verfahren auf Stellungnahmen verzichtet, vermuten alte Parteifreunde politische Motive. Mit dem Verfahren und einer möglichen Verurteilung, so argwöhnen die Kumpel Strauss-Kahns, sollten alle denkbaren Ambitionen des Ex-Politikers auf Dauer vereitelt werden.

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