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16. Mai 2011, 22:44 Uhr

Strauss-Kahn vor Gericht

Kein Pardon im Fall Nr. 1225782

Von , New York

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist einer der profiliertesten Banker der Welt. Vor der New Yorker Haftrichterin nützte ihm das jetzt wenig: Der 62-Jährige, dem versuchte Vergewaltigung einer Hotelangestellten vorgeworfen wird, kommt nicht gegen Kaution frei. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen mit unerbittlicher Härte gegen den Franzosen vor.

Das vernichtende Dokument ist nicht mal eine Seite lang. Anklageschrift Nr. 1225782, Titel: "Der Staat New York gegen Dominique Strauss-Kahn (M 62)." Staatsanwalt Artie McConnell braucht keine fünf Minuten, um den Inhalt des Papiers im restlos überfüllten Verhandlungssaal 130 des Criminal Court Building in Lower Manhattan zu verlesen.

In vier knappen, doch knallharten Absätzen hat Detektiv Steven Lane von der Special Victims Unit (SVU), der Sondereinsatzgruppe der New Yorker Polizei für Sexualverbrechen, die sechs Anklagepunkte gegen den Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) notiert. 1. Krimineller sexueller Akt. 2. Versuchte Vergewaltigung. 3. Sexuelle Nötigung. 4. Freiheitsberaubung. 5. Nochmals sexuelle Nötigung. 6. Gewaltsamer Körperkontakt.

Strauss-Kahn, 62, hockt schweigend und mit versteinerter Miene da, in derselben, dunkelblauen Anzugjacke, in der er am Samstag am Kennedy-Flughafen von den Cops aus einer startbereiten Air-France-Maschine geholt worden war. Ab und zu schielt er zu seinem Anwalt Ben Brafman, der als Starverteidiger bereits so illustren Angeklagten wie Michael Jackson, Sean Combs und Jay-Z zur Seite stand.

Brafman offeriert eine Million Dollar Kaution: Sein Klient könne während des Verfahrens ja bei seiner Tochter hier in New York wohnen. Auch seine Gattin, die TV-Journalistin Anne Sinclair, sei mittlerweile unterwegs aus Paris nach New York.

Seine Prominenz hilft Strauss-Kahn diesmal wenig

Doch Richterin Melissa Jackson - die an diesem langen Tag eine Endlosparade Kleinkrimineller aburteilt, darunter ein Drogendealer, der seine Ware in einem Schnellimbiss offeriert haben soll - bleibt unbeeindruckt. Dass Strauss-Kahn nur Minuten vor Verlassen des Landes verhaftet worden sei, "gibt zu denken". Also verdonnert sie den Angeklagten bis zum nächsten Gerichtstermin am Freitag zum Verbleib in Untersuchungshaft.

Nächster Fall, bitte.

Und so wird, in exakt 26 Minuten, aus einem der prominentesten Finanzherrscher der Welt der prominenteste Untersuchungshäftling der Welt. Denn eben diese Prominenz hilft Strauss-Kahn diesmal wenig: Die New Yorker Justiz, für die der Umgang mit Mafiosi, Terroristen und Sexualstraftätern Routine ist, behandelt ihn nicht anders als all die anderen kleinen Fische, die neben ihm im Saal hocken.

Zunächst, so die Haltung des Gerichts, müssen die widersprüchlichen Indizien dieses Falles in Ruhe auseinander sortiert werden. Dabei geht es in erster Linie um DNA-Material, das die Polizei bei Strauss-Kahn und dem Zimmermädchen, das er vergewaltigt haben soll, gesichert hat. Dessen Auswertung dauert mehrere Tage. Bis dahin bleibt der Angeklagte in Verwahrung, sicher ist sicher - egal, wer dieser Angeklagte ist.

"Ja, ich liebe Frauen, na und?"

Denn bei Sexualverbrechen sind sie hier gnadenlos. Solche Straftaten gelten bei den New Yorkern - der Justiz, der Polizei und den Bürgern - als ganz besonders verwerflich. Keine Chance, dass derlei als "Kavaliersdelikt" abgetan wird.

Die Sondereinheit SVU gilt als so verdienstvoll, dass sie zur Inspiration für einen Spin-Off der legendären TV-Krimiserie "Law and Order" wurde. Staatsanwalt Artie McConnells Vorgesetzter, der neue New Yorker Oberstaatsanwalt Cyrus Vance, hat den Kampf gegen Sextäter zur Chefsache erklärt: "Kein Verbrechen außer Mord ist zerstörerischer für das Opfer."

Dagegen kommt kein internationaler VIP an.

Richterin Jackson ist aber sicher auch aus einem anderen Grund so bedacht, alles wortwörtlich nach den Buchstaben des Gesetzes abzuwickeln: Der Fall sorgt in New York für eine Mediensensation ohnegleichen.

Hunderte Reporter aus aller Welt stürmen schon am frühen Morgen das Gerichtsgebäude an der Centre Street unweit vom Ground Zero. Lange Warteschlangen bilden sich vor dem gigantischen, 17-stöckigen Art-Deco-Klotz von 1941, in dem nicht nur mehrere Gerichte sitzen, sondern auch die Staatsanwaltschaft und, praktischerweise, die Gefängnisbehörde.

"Sleazy Money", schmieriges Geld, titelt die "New York Post" an den Kiosken. Die Schlagzeile der "Daily News": "Le Perv." Auch die Wall-Street-Blogs explodieren. "Business Insider" recycelt ein kürzlich geführtes Interview Strauss-Kahns mit der Zeitung "Libération", in dem er sagte: "Oui, j'aime les femmes, et alors?" - "Ja, ich liebe Frauen, na und?"

Zur angeblichen Tatzeit mit der Tochter im Restaurant?

Schon in der Nacht zu Montag überschlugen sich die Informationen. Immer mehr Details des angeblichen Übergriffs sickerten durch.

So habe Strauss-Kahn vom Flughafen aus im Hotel Sofitel, wo sich die Tat ereignet haben soll, angerufen und nach seinem Handy gefragt, von dem er geglaubt habe, es dort liegengelassen zu haben. Ein Hotelangestellter habe gelogen, dass er das Handy in Besitz habe, und gefragt, wo er Strauss-Kahn zur Übergabe treffen könne. Daraufhin habe dieser offenbart, er sei am John F. Kennedy Airport.

Auch wurde Näheres über das angebliche Opfer bekannt, das Sofitel-Zimmermädchen: Es handele sich um eine 32-jährige Mutter aus Guinea, die in der Bronx wohne. Sie habe Strauss-Kahn am Sonntag bei einer Gegenüberstellung im SVU-Büro identifiziert.

Für den größten Wirbel sorgen aber Meldungen von einem angeblichen Alibi Strauss-Kahns für die Tatzeit, laut früheren NYPD-Angaben wäre das am Samstag um 13 Uhr Ortszeit. Der französische Radiosender RMC und die Zeitung "Le Monde" berichten, Strauss-Kahn sei zu diesem Zeitpunkt mit seiner Tochter in einem Restaurant gewesen, dafür gebe es Beweise und Zeugen. Er habe bereits um 12.28 Uhr aus dem Sofitel ausgecheckt.

Das NYPD bestätigte die Auscheck-Zeit von 12.28 Uhr. In der Anklage wird die Tatzeit freilich auf "gegen 12 Uhr" korrigiert. Von einem Alibi erwähnt Anwalt Brafman nichts.

"Er ist erschöpft"

Für seinen Mandanten sind dies erniedrigende Stunden. Nach nächtlichem Gewahrsam auf einer Polizeiwache in East Harlem - wo er anfangs jede Aussage verweigert haben soll - wird er nach Brooklyn verlegt, ins Kings County Hospital, wo er DNA-Tests unterzogen wird. "Freiwillig", betont Co-Verteidiger William Taylor zwar, doch die Staatsanwaltschaft hat vorsorglich einen Gerichtsbescheid erwirkt.

Die dramatischen Fotos des übermüdeten Strauss-Kahn, in Handschellen von NYPD-Cops eskortiert, gehen um die Welt. Frankreich dürfte darüber schockiert sein, dort sind Bilder dieses sogenannten "perp walk" verboten, um die Unschuldsvermutung aufrecht zu erhalten. In New York gehören sie aber zum Ritual - und werden oft zur visuellen Vorverurteilung.

"Er ist erschöpft, aber wohlauf", sagt Strauss-Kahns Anwalt Taylor. Bevor sein Mandant den Gerichtssaal in Lower Manhattan betreten konnte, musste er in den "tombs", den berüchtigten Verwahrzellen des Gerichtsbunkers, seinen Termin abwarten.

Der zieht sich hin. In ihrem dunkel getäfelten Verhandlungssaal arbeitet Richterin Jackson ungerührt ihren Tagesplan ab: Dealer, Betrüger, Ruhestörer, Aktenzeichen für Aktenzeichen. Die Reporter stehen bis hinten an die Wand.

Kaution? Elektronische Fußfessel? Richterin Jackson lehnt ab

Um kurz vor 11 Uhr Ortszeit führen zwei Gerichtsdiener Strauss-Kahn in den Saal. Er hat den Kopf gebeugt und trägt einen dunkelblauen Trenchcoat. Anfangs sitzt er zwischen den anderen Angeklagten, die Arme verschränkt. Dann wird er wieder nach draußen gebracht, bis Richterin Jackson seinen Fall aufruft.

Staatsanwalt McConnell präzisiert die Vorwürfe in peinlichstem Detail. Strauss-Kahn habe das Opfer zu "Oral- und Analverkehr" gezwungen. Er habe sie mit Gewalt festgehalten. Er habe ihre Geschlechtsorgane berührt. Die Aussagen des Opfers seien "sehr eindrucksvoll". Auch gebe es Videoaufnahmen, wie Strauss-Kahn das Sofitel "in Eile" verlassen habe.

"Er hat fast keinen Anreiz, in diesem Land zu bleiben", argumentiert McConnell gegen eine Kaution. "Er hat ein umfangreiches Netzwerk an Kontakten auf der ganzen Welt." Strauss-Kahn habe sich auch noch in "mindestens einem weiteren Fall" außerhalb der USA ähnlich schuldig gemacht - offenbar eine Anspielung auf Meldungen aus Frankreich.

Brafman hält dagegen, es sei ein Leichtes, alle Anschuldigungen zu entkräften. So sei der Air-France-Flug lange vorab gebucht gewesen. Sein Mandant habe Anspruch auf Kaution. Das Geld - eine Million Dollar - werde seine Frau bereitstellen, die am Montagnachmittag (Ortszeit) in New York erwartet werde.

Doch selbst Brafmans Kompromissangebot, Strauss-Kahn könne ja eine elektronische Fußfessel tragen, lehnt Richterin Jackson ab.

Der nächste Termin in Sachen "der Staat New York gegen Dominique Strauss-Kahn" ist für Freitag angesetzt.

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