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Strauss-Kahn vor Gericht: Kein Pardon im Fall Nr. 1225782

Von , New York

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist einer der profiliertesten Banker der Welt. Vor der New Yorker Haftrichterin nützte ihm das jetzt wenig: Der 62-Jährige, dem versuchte Vergewaltigung einer Hotelangestellten vorgeworfen wird, kommt nicht gegen Kaution frei. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen mit unerbittlicher Härte gegen den Franzosen vor.

IWF-Chef Strauss-Kahn: Ein Boss in Handschellen Fotos
AP

Das vernichtende Dokument ist nicht mal eine Seite lang. Anklageschrift Nr. 1225782, Titel: "Der Staat New York gegen Dominique Strauss-Kahn (M 62)." Staatsanwalt Artie McConnell braucht keine fünf Minuten, um den Inhalt des Papiers im restlos überfüllten Verhandlungssaal 130 des Criminal Court Building in Lower Manhattan zu verlesen.

In vier knappen, doch knallharten Absätzen hat Detektiv Steven Lane von der Special Victims Unit (SVU), der Sondereinsatzgruppe der New Yorker Polizei für Sexualverbrechen, die sechs Anklagepunkte gegen den Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) notiert. 1. Krimineller sexueller Akt. 2. Versuchte Vergewaltigung. 3. Sexuelle Nötigung. 4. Freiheitsberaubung. 5. Nochmals sexuelle Nötigung. 6. Gewaltsamer Körperkontakt.

Strauss-Kahn, 62, hockt schweigend und mit versteinerter Miene da, in derselben, dunkelblauen Anzugjacke, in der er am Samstag am Kennedy-Flughafen von den Cops aus einer startbereiten Air-France-Maschine geholt worden war. Ab und zu schielt er zu seinem Anwalt Ben Brafman, der als Starverteidiger bereits so illustren Angeklagten wie Michael Jackson, Sean Combs und Jay-Z zur Seite stand.

Brafman offeriert eine Million Dollar Kaution: Sein Klient könne während des Verfahrens ja bei seiner Tochter hier in New York wohnen. Auch seine Gattin, die TV-Journalistin Anne Sinclair, sei mittlerweile unterwegs aus Paris nach New York.

Seine Prominenz hilft Strauss-Kahn diesmal wenig

Doch Richterin Melissa Jackson - die an diesem langen Tag eine Endlosparade Kleinkrimineller aburteilt, darunter ein Drogendealer, der seine Ware in einem Schnellimbiss offeriert haben soll - bleibt unbeeindruckt. Dass Strauss-Kahn nur Minuten vor Verlassen des Landes verhaftet worden sei, "gibt zu denken". Also verdonnert sie den Angeklagten bis zum nächsten Gerichtstermin am Freitag zum Verbleib in Untersuchungshaft.

Nächster Fall, bitte.

Und so wird, in exakt 26 Minuten, aus einem der prominentesten Finanzherrscher der Welt der prominenteste Untersuchungshäftling der Welt. Denn eben diese Prominenz hilft Strauss-Kahn diesmal wenig: Die New Yorker Justiz, für die der Umgang mit Mafiosi, Terroristen und Sexualstraftätern Routine ist, behandelt ihn nicht anders als all die anderen kleinen Fische, die neben ihm im Saal hocken.

Zunächst, so die Haltung des Gerichts, müssen die widersprüchlichen Indizien dieses Falles in Ruhe auseinander sortiert werden. Dabei geht es in erster Linie um DNA-Material, das die Polizei bei Strauss-Kahn und dem Zimmermädchen, das er vergewaltigt haben soll, gesichert hat. Dessen Auswertung dauert mehrere Tage. Bis dahin bleibt der Angeklagte in Verwahrung, sicher ist sicher - egal, wer dieser Angeklagte ist.

"Ja, ich liebe Frauen, na und?"

Denn bei Sexualverbrechen sind sie hier gnadenlos. Solche Straftaten gelten bei den New Yorkern - der Justiz, der Polizei und den Bürgern - als ganz besonders verwerflich. Keine Chance, dass derlei als "Kavaliersdelikt" abgetan wird.

Die Sondereinheit SVU gilt als so verdienstvoll, dass sie zur Inspiration für einen Spin-Off der legendären TV-Krimiserie "Law and Order" wurde. Staatsanwalt Artie McConnells Vorgesetzter, der neue New Yorker Oberstaatsanwalt Cyrus Vance, hat den Kampf gegen Sextäter zur Chefsache erklärt: "Kein Verbrechen außer Mord ist zerstörerischer für das Opfer."

Dagegen kommt kein internationaler VIP an.

Richterin Jackson ist aber sicher auch aus einem anderen Grund so bedacht, alles wortwörtlich nach den Buchstaben des Gesetzes abzuwickeln: Der Fall sorgt in New York für eine Mediensensation ohnegleichen.

Hunderte Reporter aus aller Welt stürmen schon am frühen Morgen das Gerichtsgebäude an der Centre Street unweit vom Ground Zero. Lange Warteschlangen bilden sich vor dem gigantischen, 17-stöckigen Art-Deco-Klotz von 1941, in dem nicht nur mehrere Gerichte sitzen, sondern auch die Staatsanwaltschaft und, praktischerweise, die Gefängnisbehörde.

"Sleazy Money", schmieriges Geld, titelt die "New York Post" an den Kiosken. Die Schlagzeile der "Daily News": "Le Perv." Auch die Wall-Street-Blogs explodieren. "Business Insider" recycelt ein kürzlich geführtes Interview Strauss-Kahns mit der Zeitung "Libération", in dem er sagte: "Oui, j'aime les femmes, et alors?" - "Ja, ich liebe Frauen, na und?"

Zur angeblichen Tatzeit mit der Tochter im Restaurant?

Schon in der Nacht zu Montag überschlugen sich die Informationen. Immer mehr Details des angeblichen Übergriffs sickerten durch.

So habe Strauss-Kahn vom Flughafen aus im Hotel Sofitel, wo sich die Tat ereignet haben soll, angerufen und nach seinem Handy gefragt, von dem er geglaubt habe, es dort liegengelassen zu haben. Ein Hotelangestellter habe gelogen, dass er das Handy in Besitz habe, und gefragt, wo er Strauss-Kahn zur Übergabe treffen könne. Daraufhin habe dieser offenbart, er sei am John F. Kennedy Airport.

Auch wurde Näheres über das angebliche Opfer bekannt, das Sofitel-Zimmermädchen: Es handele sich um eine 32-jährige Mutter aus Guinea, die in der Bronx wohne. Sie habe Strauss-Kahn am Sonntag bei einer Gegenüberstellung im SVU-Büro identifiziert.

Für den größten Wirbel sorgen aber Meldungen von einem angeblichen Alibi Strauss-Kahns für die Tatzeit, laut früheren NYPD-Angaben wäre das am Samstag um 13 Uhr Ortszeit. Der französische Radiosender RMC und die Zeitung "Le Monde" berichten, Strauss-Kahn sei zu diesem Zeitpunkt mit seiner Tochter in einem Restaurant gewesen, dafür gebe es Beweise und Zeugen. Er habe bereits um 12.28 Uhr aus dem Sofitel ausgecheckt.

Das NYPD bestätigte die Auscheck-Zeit von 12.28 Uhr. In der Anklage wird die Tatzeit freilich auf "gegen 12 Uhr" korrigiert. Von einem Alibi erwähnt Anwalt Brafman nichts.

"Er ist erschöpft"

Für seinen Mandanten sind dies erniedrigende Stunden. Nach nächtlichem Gewahrsam auf einer Polizeiwache in East Harlem - wo er anfangs jede Aussage verweigert haben soll - wird er nach Brooklyn verlegt, ins Kings County Hospital, wo er DNA-Tests unterzogen wird. "Freiwillig", betont Co-Verteidiger William Taylor zwar, doch die Staatsanwaltschaft hat vorsorglich einen Gerichtsbescheid erwirkt.

Die dramatischen Fotos des übermüdeten Strauss-Kahn, in Handschellen von NYPD-Cops eskortiert, gehen um die Welt. Frankreich dürfte darüber schockiert sein, dort sind Bilder dieses sogenannten "perp walk" verboten, um die Unschuldsvermutung aufrecht zu erhalten. In New York gehören sie aber zum Ritual - und werden oft zur visuellen Vorverurteilung.

"Er ist erschöpft, aber wohlauf", sagt Strauss-Kahns Anwalt Taylor. Bevor sein Mandant den Gerichtssaal in Lower Manhattan betreten konnte, musste er in den "tombs", den berüchtigten Verwahrzellen des Gerichtsbunkers, seinen Termin abwarten.

Der zieht sich hin. In ihrem dunkel getäfelten Verhandlungssaal arbeitet Richterin Jackson ungerührt ihren Tagesplan ab: Dealer, Betrüger, Ruhestörer, Aktenzeichen für Aktenzeichen. Die Reporter stehen bis hinten an die Wand.

Kaution? Elektronische Fußfessel? Richterin Jackson lehnt ab

Um kurz vor 11 Uhr Ortszeit führen zwei Gerichtsdiener Strauss-Kahn in den Saal. Er hat den Kopf gebeugt und trägt einen dunkelblauen Trenchcoat. Anfangs sitzt er zwischen den anderen Angeklagten, die Arme verschränkt. Dann wird er wieder nach draußen gebracht, bis Richterin Jackson seinen Fall aufruft.

Staatsanwalt McConnell präzisiert die Vorwürfe in peinlichstem Detail. Strauss-Kahn habe das Opfer zu "Oral- und Analverkehr" gezwungen. Er habe sie mit Gewalt festgehalten. Er habe ihre Geschlechtsorgane berührt. Die Aussagen des Opfers seien "sehr eindrucksvoll". Auch gebe es Videoaufnahmen, wie Strauss-Kahn das Sofitel "in Eile" verlassen habe.

"Er hat fast keinen Anreiz, in diesem Land zu bleiben", argumentiert McConnell gegen eine Kaution. "Er hat ein umfangreiches Netzwerk an Kontakten auf der ganzen Welt." Strauss-Kahn habe sich auch noch in "mindestens einem weiteren Fall" außerhalb der USA ähnlich schuldig gemacht - offenbar eine Anspielung auf Meldungen aus Frankreich.

Brafman hält dagegen, es sei ein Leichtes, alle Anschuldigungen zu entkräften. So sei der Air-France-Flug lange vorab gebucht gewesen. Sein Mandant habe Anspruch auf Kaution. Das Geld - eine Million Dollar - werde seine Frau bereitstellen, die am Montagnachmittag (Ortszeit) in New York erwartet werde.

Doch selbst Brafmans Kompromissangebot, Strauss-Kahn könne ja eine elektronische Fußfessel tragen, lehnt Richterin Jackson ab.

Der nächste Termin in Sachen "der Staat New York gegen Dominique Strauss-Kahn" ist für Freitag angesetzt.

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1. Unerbittlich?
Blink&Stalker 16.05.2011
Zitat von sysopIWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist einer der profiliertesten Banker der Welt. Vor der New Yorker*Haftrichterin nützte*ihm das jetzt wenig: Der 62-Jährige, dem*versuchte*Vergewaltigung*einer*Hotelangestellten vorgeworfen wird, kommt nicht*gegen Kaution frei. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen mit unerbittlicher Härte*gegen den*Franzosen vor. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,762934,00.html
"mit unerbittlicher Härte", bitte? Woran äußert sich das? Polanski ist auch vor einigen Jahrzehnten aus den USA nach Frankreich geflohen und hat sich so dem Proßess entzogen. Dass der Franzose Strauss-Kahn in U-Haft bleiben muss, ist ja wohl selbstverständlich!
2. ohne
Asirdahan 16.05.2011
Der gesamte Artikel beschäftigt sich u.a. damit, dass man Herrn Straus-Kahn wie einen gewöhnlichen Normalbürger behandelt hat. Das suggeriert ein bisschen, als sei das außergewöhnlich. Sollte das nicht selbstverständlich sein?
3. Was heisst hier eigentlich unerbittliche Härte?
firem 16.05.2011
Kann ich nicht feststellen. Da wird ganz normal runtergearbeitet. Es bestehen starke Verdachtsmomente. In eine solche Situation kann jeder Bürger jederzeit kommen.
4. richterin überfordert
tauschspiegel 16.05.2011
Zitat von sysopIWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist einer der profiliertesten Banker der Welt. Vor der New Yorker*Haftrichterin nützte*ihm das jetzt wenig: Der 62-Jährige, dem*versuchte*Vergewaltigung*einer*Hotelangestellten vorgeworfen wird, kommt nicht*gegen Kaution frei. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen mit unerbittlicher Härte*gegen den*Franzosen vor. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,762934,00.html
*** das die tatzeit vom nypd nun korrigiert werden musste zeigt nochmal deutlich, wie es um die aktuelle beweislage bisher bestellt ist. das vorgehen und die argumentation der staatsanwaltschaft trägt der faktenlage keine rechnung - im gegenteil beruft man sich noch auf einen wohlgemerkt völlig unklaren vorgang in frankreich - und die richterin begründet die fluchtgefahr damit, das es "zu denken" gibt, dass er das land verlassen wollte, obwohl mittlerweile jeder auf der welt um den terminplan dsk weiß und dieser sogar noch dem hotelpersonal auskunft darüber gegeben hat. eine erheblich voreingenommene staatsanwaltschaft/gericht, dass kann man bereits jetzt sagen. eine kaution wäre der situation mit sicherheit gerechter geworden.
5. Shocking
coriolanus, 16.05.2011
Zitat von AsirdahanDer gesamte Artikel beschäftigt sich u.a. damit, dass man Herrn Straus-Kahn wie einen gewöhnlichen Normalbürger behandelt hat. Das suggeriert ein bisschen, als sei das außergewöhnlich. Sollte das nicht selbstverständlich sein?
Vor dem Gesetz sind alle gleich. Offenbar eine schockierende Erfahrung. Weiteres: http://www.nytimes.com/2011/05/17/nyregion/imf-chief-is-held-without-bail.html?pagewanted=2&hp
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Die Arbeit des IWF
Der IWF tritt vor allem bei Finanz- und Wirtschaftskrisen öffentlich in Erscheinung. Indem er einzelne Staaten unterstützt, soll er vor allem verhindern, dass sich Krisen ausbreiten und ganze Regionen oder gar das gesamte internationale Finanzsystem treffen. Der Fonds kann mit kurzfristigen Krediten die Defizite in Entwicklungs- und Schwellenländern ausgleichen. Zudem leistet er Mitgliedstaaten technischen Beistand für den Umbau von Institutionen und bei der Gestaltung von Finanz- und Wirtschaftspolitik.

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Die Bedingungen, die an die Vergabe der Gelder geknüpft werden, stoßen in den betroffenen Ländern und bei Globalisierungskritikern allerdings oft auf Unmut. Verordnet werden von der Institution aus Washington meist radikale Einschnitte in die Staatshaushalte, die Öffnung der Märkte und Privatisierungen. Diese jedoch verschärfen die Krisen nach Ansicht der Kritiker oft noch weiter. Nach Reformen ist inzwischen vorgesehen, dass der IWF verstärkt die sozialen Auswirkungen von Krisen und Hilfsmaßnahmen beachtet.

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Die Direktoren wählen den Geschäftsführenden Direktor. Er ist für das Tagesgeschäft, die Organisation und die Personalpolitik des Fonds zuständig. Der Direktor wird vom Exekutivdirektorium kontrolliert, dieses kann ihm die Amtsführung entziehen. Grundsatzentscheidungen werden vom Gouverneursrat des IWF und vom International Monetary and Financial Committee getroffen, die bei den Herbst- und Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank zusammenkommen.
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Die USA und Europa haben sich informell darauf verständigt, wichtige Posten untereinander aufzuteilen. So stellen die USA traditionell den Direktor der Weltbank, während der Geschäftsführende Direktor des IWF von einem EU-Mitgliedsland gestellt wird. In den Statuten ist diese Regelung nicht verankert. Besonders die Schwellenländer dringen seit Jahren darauf, dass das informelle Abkommen gekippt und der Posten des Direktors ausgeschrieben wird.
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Der IWF arbeitet mit dem Land ein Programm aus, das konkrete Vorgaben zur Überwindung der Krise umfasst, zum Beispiel Vorgaben zur Haushaltspolitik. Die Kreditlinien werden üblicherweise in mehrere Tranchen gestückelt, deren Auszahlung an das Erreichen von Zwischenzielen gebunden ist. Üblich sind Kreditlaufzeiten von bis zu drei Jahren, die bei schweren Krisen aber verlängert werden können. Das angeschlagene Land legt seinen Sparplan im Detail offen. Bei Bedarf sind nachträgliche Änderungen möglich.


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