Getöteter Teenager Trayvon Martin Fox-Moderator empört mit Kapuzenpulli-Kommentar

Der tödliche Schuss auf einen schwarzen Teenager hat in den USA eine Debatte über Waffen- und sogenannte Notwehrgesetze ausgelöst. Ein prominenter TV-Moderator hat eine seltsame Erklärung für den Tod von Trayvon Martin: Der Junge hätte keinen Kapuzenpulli tragen sollen.

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"Meiner Meinung nach war der Kapuzenpulli mindestens ebenso sehr für den Tod von Trayvon Martin verantwortlich wie George Zimmerman." Die Reaktion eines prominenten TV-Moderators auf die Tötung des Teenagers Trayvon Martin in Florida hat in den USA eine bizarre Debatte über Bekleidungsfragen ausgelöst. Geraldo Rivera, berühmter, aber auch umstrittener Moderator des konservativen Senders Fox News, erklärte in einer Talkshow, was seiner Meinung nach zum Tod des 17-Jährigen entscheidend beigetragen hat: sein Kapuzenpullover, auf Englisch hoodie genannt. Der selbsternannte Nachbarschaftswächter George Zimmerman hatte Trayvon Martin vergangenen Monat erschossen, als der mit Eistee und Süßigkeiten auf dem Rückweg zur Wohnung der Freundin seines Vaters war.

Der Tod des Jugendlichen und die Tatsache, dass der Täter zunächst unbehelligt blieb, hat in den USA eine heftige Debatte ausgelöst. Es geht um die laxen US-Waffengesetze und das sogenannte Notwehrgesetz, das es Bürgern Floridas erlaubt, "Gewalt mit Gewalt zu begegnen, inklusive tödlicher Gewalt" - sofern sie sich bedroht "fühlen". Es geht um alltäglichen Rassismus und um die Frage, ob bewaffnete Privatleute die Straßen einer Stadt wirklich sicherer machen. US-Präsident Obama kommentierte den Fall am Freitag mit den Worten: "Wenn ich einen Sohn hätte, würde er aussehen wie Trayvon." Man müsse die Umstände des Todes nun genauer untersuchen, und auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Der Fall rührt an gleich zwei zentrale Konfliktfelder der US-Innenpolitik: das Waffenrecht und die Frage des latenten Rassismus in Teilen der Gesellschaft.

"Geben Sie uns keinen Dresscode, geben Sie uns Gerechtigkeit"

Nach Riveras Lesart dagegen ist George Zimmerman zwar ein gefährlicher Mann, der vor Gericht gehört. Für das Bedrohungsgefühl aber, das den Mann womöglich zum Schießen verleitet habe, sei nicht zuletzt Trayvon Martins Sweatshirt verantwortlich: "Du willst ein Möchtegern-Gangsta sein? Dann werden die Leute dich als Bedrohung wahrnehmen. Das passiert dann eben. Es ist eine sofortige Reflexhandlung", so Rivera in der Talkshow "Fox and Friends". Gerade schwarze Eltern und solche lateinamerikanischer Abstammung beschwöre er, "ihre Kinder nicht mit Hoodies raus auf die Straße zu lassen". Seinem eigenen Sohn, der selbst dunkle Haut habe, sage er das Gleiche. Rivera ist zum fünften Mal verheiratet und hat fünf Kinder.

Nach der Sendung brach ein Sturm der Entrüstung über den Starmoderator herein. Auf seiner Facebook-Fanseite haben sich inzwischen fast 1200 Kommentare angesammelt, viele davon höchst kritisch. "Wenn ich am frühen Morgen meinen Hund ausführe und dabei ein Sweatshirt mit Kapuze trage, bedeutet das, dass ich unmittelbar als Gangster klassifiziert werde?", fragt ein Kommentator. "Falsch ist falsch", kommentiert eine Frau, "ich nehme an, wenn Frauen vergewaltigt werden, rechtfertigen wir das ab jetzt damit, dass sie etwas anderes hätten anziehen sollen. Bitte! Geben Sie uns keinen Dresscode an, geben Sie uns Gerechtigkeit."

"Mein eigener Sohn schämt sich für mich"

Internetnutzer fanden unterdessen Bilder, auf denen Geraldo Rivera selbst Kapuze trägt, auf einem sitzt neben ihm der erzkonservative TV-Moderator Bill O'Reilly, ebenfalls mit Hoodie. Anderswo werden Fotos von anderen verdächtigen Personen mit Kapuze gesammelt - Mark Zuckerberg, Justin Bieber, Obi Wan Kenobi. Ein findiger Besucher der Fox- News-Seite fand dort ein Merchandising-Produkt, das ihn verblüffte: Ein Kapuzenpulli mit Fox-Logo. Kurz darauf war das gefährliche Sweatshirt aus dem Web-Shop verschwunden. Rivera selbst teilte via Twitter mit: "Mein eigener Sohn hat mir gerade geschrieben, um mir zu sagen, dass er sich für meine Position in Sachen Hoodies schämt." Er sei jedoch "immer noch der Meinung, dass Eltern alles tun müssen, um die Sicherheit ihrer Kinder sicherzustellen."

Die Solidaritätsdemonstration, bei der Tausende New Yorker am vergangenen Mittwoch Gerechtigkeit für Trayvon Martin forderten, fand schon vor Riveras seltsamen Bekleidungsempfehlungen statt. Doch ihr Titel war prophetisch gewählt: "Million Hoodie March".

Während Rivera und andere bei Fox Vermutungen darüber anstellen, welche Art von Kleidung Martin hätte retten können, gibt es durchaus handfeste Ansatzpunkte dazu, wie man die Gefahr solcher Taten senken könnte. Fast eine halbe Million Menschen hat in Florida beispielsweise eine Waffenlizenz. Darunter sind, wie die Zeitung "Sun-Sentinel" 2007 herausfand, 1400 verurteilte Straftäter. Einer der Waffenbesitzer ist Zimmerman, der Martin mit einer 9-mm-Pistole erschoss, die er legal mitführte.

Über Zimmerman haben die Medien mehr Suspektes herausgefunden als die Polizei. So sei er bekannt dafür gewesen, mutmaßlichen Übeltätern hinterherzujagen, er soll allein im vergangenen Jahr fast 50-mal den Polizeinotruf angerufen haben. 2005 sei er nach einer Prügelei festgenommen worden. Eine Ex-Freundin habe ihn als gewalttätig bezeichnet.

Auch kurz bevor er Martin erschoss, telefonierte Zimmerman mit der Polizei. Die Aufzeichnung des Gespräches, enthielt offenbar auch ein rassistisches Schimpfwort. "These fucking coons", scheint Zimmerman da zu sagen. "Coon" gilt in den USA als Beschimpfung für Schwarze.

Eine sogenannte Grand Jury soll am 10. April klären, ob die Beweise gegen Zimmerman ausreichen, um Anklage zu erheben. Im Internet unterzeichneten rund 1,5 Millionen Menschen eine Petition, in der die Strafverfolgung des Täters gefordert wird.

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Henry_Rearden 24.03.2012
1. Kapuze
Ein Kapuzenpulli mit weitem Schnitt kann tatsächlich sehr bedrohlich wirken. Wieso sonst ist dieses Kleidungsstück bei halbstarken Jugendlichen so beliebt? Die Kapuze macht das Gesicht breiter und der dicke Stoff macht den Körper stämmiger. Da werden niedrigste Instinkte angesprochen. Man stelle sich drei Jugendliche nachts im U-Bahnhof mit weiten Hosen und dicken Kapuzenpullis vor, die einem entgegenschlendern. Und dann stelle man sich diesselbe Gruppe die einem mit engen Hochwasserhosen und ausgewaschenen zu kleinen T-Shirts mit Blinki-Winki-Motiv mit staksigem Gang entgegenhasten vor. Was wirkt bedrohlicher? Einem Kind kann man sicher keine Schuld zuschieben, wenn es vielleicht auf Grund dieser Umstände umgebracht wird. Aber einer Gesellschaft die diese Ghettogangsterkultur gutheißt sehr wohl.
Blackb3ard 24.03.2012
2.
Zitat von sysopAPDer tragische Tod eines schwarzen Teenagers hat in den USA eine erneute Debatte über Waffen- und sogenannte Notwehrgesetze ausgelöst. Ein sehr prominenter TV-Moderator hat eine andere Erklärung für den Tod von Trayvon Martin: Der Junge hätte keinen Kapuzenpulli tragen sollen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,823531,00.html
Was sagte Rivera: Er sei jedoch "immer noch der Meinung, dass Eltern alles tun müssen, um die Sicherheit ihrer Kinder sicherzustellen." Das tut man bestimt nicht, indem man ihnen bestimmte Dresscodes verbietet, sondern indem man ihnen Toleranz beibringt. Ohne den latenten Rassismus im Kopf des Täters hätte er bestimmt nicht wegen seines Hoodies sterben müssen.
2wwk 24.03.2012
3. Gefaerbter Beitrag
Zitat von sysopAPDer tragische Tod eines schwarzen Teenagers hat in den USA eine erneute Debatte über Waffen- und sogenannte Notwehrgesetze ausgelöst. Ein sehr prominenter TV-Moderator hat eine andere Erklärung für den Tod von Trayvon Martin: Der Junge hätte keinen Kapuzenpulli tragen sollen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,823531,00.html
ja, der linke Moderator (die gibt es auch bei FoxNews) hat gesagt, dass die Kleidung "ein Grund" gewesen sein kann. .... im dunklen sind alle Katzen grau .... er hat besonders darauf hingewiesen, dass bei Raubueberfaellen, fast immer "hoodies" getragen werden und das diese Kleidung bei dem Taeter, Angst verursacht haben koennte (siehe auch die Anrufe des Taeters bei der Polizei), gerade als der Jugendliche auf den Schiesser zugegangen ist. Man sollte auch wissen, das es in dieser Gegend viele Einbruchdiebstaehle gibt .... Geraldo, hat ganz klar die Tat verurteilt aber nur gesagt .... im dunklen draussen ist es gefaehrlich und den Eltern halt geraten die Gefahr fuer ihre Kinder zu reduzieren. ... es gibt keine Entschuldigung fuer die Tat, aber vielleicht Erklaerungen .... die Linke Presse nennt den Taeter jetzt "white Latino" .. so der Versuch mal wieder den Weissen Rassismus hineinzutragen obwohl der Taeter eine ander Minderheit war, muss mal wieder Rassismus herauskommen .... dieser angebliche Rassismus Begriff ist bisher in keiner Form nachgewiesen, aber wird natuerlich nicht mehr zu beseitigen sein. ... ist genau was die Linken hoeren wollen und wird deshalb als "angeblich gesagt" weiterleben! ... wie gesagt ein sehr gefaerbter Beitrag ....
Demokratischer_Beobachter 24.03.2012
4. Wie man sich kleidet, ...
... so wird man von seinen Mitmenschen wahrgenommen, und das weiß JEDER, nicht zuletzt der schwarze Halbstarke, der den "Gangsta-Style" imitiert, ebenso der linke oder rechte Skinhead, natürlich auch der betont seriös gewandete Geschäftsmann oder das Mädchen, das darüber starke sexuelle Signale aussendet, indem es seine Reize betont, oder das Muttersöhnchen, das über sein Äußeres schon von weitem als "Opfer" erkennbar wird. Eine "Mitschuld" hat keiner von ihnen, wenn an ihnen Gewalt verübt wird. Aber für seine "Außenwirkung" trägt jeder selbst die Verantwortung.
Paddie 24.03.2012
5. Dresscode
Zitat von sysopAPDer tragische Tod eines schwarzen Teenagers hat in den USA eine erneute Debatte über Waffen- und sogenannte Notwehrgesetze ausgelöst. Ein sehr prominenter TV-Moderator hat eine andere Erklärung für den Tod von Trayvon Martin: Der Junge hätte keinen Kapuzenpulli tragen sollen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,823531,00.html
Soll jetzt die Kleidung allen ernstes als Grund für Notwehr herhalten?Abgesehen davon reden wir hier von einem Teenager und keinem 40jährigen. Mit der gleichen "Logik" könnte man auch einem Vergewaltigungsopfer den zu kurzen Rock vorhalten...
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