Sturz einer Legende Pop-Produzent Phil Spector des Mordes schuldig gesprochen

Der Schuldspruch kam im zweiten Anlauf: Ein US-Gericht hat jetzt den früheren Musikproduzenten Phil Spector wegen Mordes verurteilt. Demnach hat der Künstler im Februar 2003 die Ex-Schauspielerin Lana Clarkson erschossen. Seine Karriere war da schon längst in Exzess und Exzentrik verendet.

Von , New York


Los Angeles - Das Ende ist kurz und kläglich. Nur wenige Zuschauer und Reporter sitzen noch in den Bänken, als die Geschworenen schließlich mit einem Urteil zurückkehren: "Schuldig." Der Angeklagte, 69, sein Haar in fettigen Strähnen herabhängend, starrt stoisch-stumm vor sich hin, seine 40 Jahre jüngere Ehefrau schluchzt. Handschellen klicken. Dann ist alles vorbei.

So trist endete an diesem Montag in Raum 9-313, einem fensterlosen Gerichtssaal des Clara Shortridge Foltz Criminal Justice Centers in Los Angeles, die einst größte Legende der Popszene. Im zweiten Anlauf sprach eine Jury Phil Spector, den seinerzeit erfolgreichsten Plattenproduzenten der Welt, des "Mordes mit bedingtem Vorsatz" an der B-Movie-Actrice Lana Clarkson schuldig. Ihm drohen nun 18 Jahre Haft. In seinem Alter und mit seinem schlechten Gesundheitszustand heißt das vielleicht lebenslang.

Was für ein Absturz. Spectors üppig-symphonische Tontechnik ("Wall of Sound") prägte die Rock- und Popmusik der sechziger und siebziger Jahre. Megahits tragen seinen Stempel: "Spanish Harlem", "Da Doo Ron Ron", "On Broadway", "Unchained Melody", "River Deep, Mountain High". Er arrangierte das letzte Album der Beatles, produzierte John Lennon, Tina Turner, die Rolling Stones. Sein Hit "You've Lost That Lovin' Feeling" von 1965 ist bis heute der meistgespielte Song im US-Radio. "Rolling Stone" zählte ihn noch 2004 zu den "100 großartigsten Künstlern aller Zeiten".

Doch wie so oft endete eine Mega-Karriere im Exzess. Spector wurde zum Trinker und Waffennarr, verbarrikadierte sich in einem burgartigen Gemäuer am Stadtrand. Am Ende stand er die meiste Zeit unter Psychopharmaka. In einem Interview kurz vor dem Mord bezeichnete er sich als "ziemlich gestört".

Bizarres Horrorfilm-Szenario

Das bizarre Horrorfilm-Szenario dieses Mordes überraschte da kaum mehr. In der Nacht des 3. Februar 2003 gabelte Spector im "House of Blues", einem Nightclub am Sunset Strip, die ausrangierte Schauspielerin Clarkson auf. Spector brachte sie auf sein "Castle Pyrenées". Um kurz nach fünf Uhr früh bekam die Polizei von dort einen Notruf: Clarkson, 40, war tot - Revolverschuss in den Mund. Die Beamten fanden die Leiche in einen Sessel gesackt, den Kopf nach hinten verdreht, den Unterkiefer weggeschossen - groteske Bilder, die im Gerichtssaal auf die Wand projiziert wurden.

Der erste Prozess platzte dennoch: Die Geschworenen konnten sich auf kein Urteil einigen - zwei Juroren verweigerten sich dem Schuldspruch. Auch diesmal brauchten sie - nach dem fünfmonatigen zweiten Durchlauf - 27 Stunden, auf neun Tage verteilt. Schließlich stand es fest: Clarkson verübte nicht Selbstmord, wie die Verteidigung behauptete, sondern wurde vom wutentbrannten Spector erschossen, nachdem sie seine Avancen abgelehnt hatte.

Doch anders als beim ersten Mal war das jetzige Urteil den meisten Zeitungen hier nur noch winzige Storys wert - und viele TV-Sender brachten nicht mal einen separaten Bericht. Stattdessen beherrschte die Befreiung des US-Kapitäns Richard Phillips aus somalischer Piratenhand weiter alle Medien.

"Ich möchte den vielen Frauen Anerkennung zollen, die ausgesagt und ein Bild von Phil Spector gezeichnet haben", sagte Bezirksstaatsanwalt Steve Cooley. Die Anklage fuhr ein halbes Dutzend Zeuginnen auf, die alle ihre brisanten Erfahrungen mit Spector gemacht hatten. Sie porträtierten ihn als jähzornig, beschrieben im Detail, wie er oft betrunken mit seinen Waffen herumfuchtelte.

Revolver zwischen die Augen gedrückt

"Er drückte mir den Revolver zwischen die Augen und sagte: 'Wenn du versuchst, mich zu verlassen, werde ich dich töten'", sagte zum Beispiel die Kellnerin Melissa Grosvenor in dem Verfahren aus.

Richter Fidler - gewarnt von den Erfahrungen aus dem ersten Prozess - gab den Geschworenen diesmal die Option, Spector zur Not auch nur wegen Totschlags zu verurteilen. Sie nutzten diese Option nicht. Trotzdem fiel es ihnen schwer: Ihre Sprecherin, die ihren Namen nicht nennen wollte, brach in Tränen aus, als sie auf einer anschließenden Pressekonferenz von den "schmerzlichen" Beratungen berichtete. "Wir reden von einem anderen Menschen", sagte sie. "Wir alle haben Leute, die wir lieben."

Die Anklagevertretung und der kahlköpfige Richter Larry Paul Fidler, der schon den ersten Prozess geleitet hatte, waren weniger sentimental. Fidler lehnte einen Antrag der Verteidigung ab, Spector - der die ganze Zeit gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freiem Fuß gewesen war - erst bei der späteren Strafmaßverkündung einzukerkern. Der Verurteilte wurde sofort abgeführt und konnte seiner jungen Frau Rachelle, die er während des ersten Verfahrens geehelicht hatte, nur noch einen raschen Blick zuwerfen.

Spector war sowieso nur noch ein Schatten seiner selbst. Er wirkte gebrechlich und greis. Sein frackähnliches Gewand war mit einem Anstecker geschmückt: "Barack Obama Rocks!" Er sprach nur ein einziges Wort - als er gefragt wurde, ob er mit dem Termin der Strafverkündung einverstanden war: "Yes."

"Ich glaube, ich habe jemanden umgebracht."

Es waren nicht zuletzt auch Spectors eigene Worte, die am Ende sein Schicksal besiegelten. Als er unmittelbar nach dem tödlichen Schuss mit einem Revolver in der Hand aus dem Tor seiner Villa taumelte, sagte er nach Darstellung seines Chauffeurs: "Ich glaube, ich habe jemanden umgebracht." Die Verteidigung versuchte vergeblich, die Aussage dieses Chauffeurs, eines brasilianischen Einwanderers, als unglaubwürdig zu diskreditieren - ebenso wie sie sich umsonst bemühte, Lana Clarkson als suizidgefährdetes Flittchen darzustellen.

Die gruseligen Details der Mordnacht, beim ersten Prozess noch Schlagzeilenfutter, schienen diesmal fast surreal-abgeschmackt: die Bilder von Spectors Burgvilla, dekoriert in pseudo-barockem Mega-Kitsch, die prallvolle Waffenkammer neben dem Schlafzimmer, das Etui mit den "Hallo Wach"-Pillen und Viagra.

Oder die grausigen Tatort-Fotos von Clarkson: Minirock hochgerutscht, Beine verdreht, die untere Hälfte ihres Gesichts nur noch eine blutige Masse. Vor jedem dieser Bilder gab die Staatsanwaltschaft ein kurzes Warnsignal zur ersten Reihe, damit Clarksons Mutter Donna, die dort saß, die Augen abwenden konnte.

Spector verschliss eine ganze Armee an Staranwälten. Robert Shapiro, einst Mitglied des "Dream Teams" von O. J. Simpson, dem Spector beim ersten Handschlag schon eine Million Dollar zahlte. Leslie Abramson, berühmt geworden als Verteidigerin der mordenden Millionärssöhne Erik und Kyle Menendez. Der frühere Mafia-Syndikus Bruce Cutler.

Es half nichts. Am Ende behielt die Anklage das letzte Wort. Staatsanwalt Alan Jackson beschrieb die Tat so: "Eine Frau, Alkohol, ein Verlust von Kontrolle, und Phil Spector greift nach der Waffe. Klick." Es war auch das letzte Wort über ein Genie, das zum Mörder mutierte.



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