Vermeintlich faire Prostitution "Bordellkönig" steht wegen Menschenhandels vor Gericht

Jürgen Rudloff warb mit Frauenbeauftragten im Puff, nun steht er vor Gericht: In Stuttgart hat ein Prozess gegen den "Paradise"-Gründer wegen Menschenhandels und Zuhälterei begonnen.

Jürgen Rudloff
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Jürgen Rudloff


Früher tourte Jürgen Rudloff durch die Talkshows und berichtete etwa bei Sandra Maischberger stolz von seinem Mega-Puff "Paradise" in Stuttgart. In seinem Betrieb bot er Frauenbeauftragte und Weiterbildung. Doch vor dem Landgericht Stuttgart hat nun ein Prozess gegen den "Bordellkönig" begonnen - in seinen Häusern sollen Rockerklubs das Sagen gehabt haben.

Seit September sitzt Rudloff in Stuttgart in Untersuchungshaft. Angeklagt ist der 64-Jährige wegen Förderung schweren Menschenhandels, Ausbeutung von Prostituierten, Zuhälterei und Betrugs. Ihm drohen mehrere Jahre Haft. Mitangeklagt sind drei seiner Mitarbeiter, darunter sein Presse- und Marketingchef sowie der ehemalige Geschäftsführer eines Bordells.

Über Jahre hatte der Bordellchef medienwirksam ehrliche und saubere Prostitution propagiert. 2008 öffnete er sein erstes Rotlichthaus vor den Toren von Stuttgart. Es folgten weitere Großbordelle in Frankfurt, Saarbrücken und Graz. Die Idee: Er bietet die Plattform, sprich die Räume, und ein Wellnessangebot. Die Prostituierten arbeiten selbstständig. Was auf den Zimmern passiert, verhandeln sie selbst mit den Kunden.

Lesen Sie hier über Rudloffs Bordell den SPIEGEL-Text "Der perfekte Puff" (2009)

In der Anklage von Oberstaatsanwalt Peter Holzwarth klingt das anders: In den Bordellen sollen Hells Angels und United Tribuns geherrscht haben. Sie hätten dort Frauen anschaffen lassen und abkassiert. Die Frauen seien ausgebeutet worden, bis ihnen im Grunde kein eigener Verdienst mehr geblieben sei.

Anklage: Geschäfte der Rocker geduldet

Etliche Frauen sollen Tätowierungen mit den Vornamen ihrer Zuhälter tragen. Frauen, die raus wollen, würden geschlagen, bedroht. "Holen Sie mich hier raus", flüsterte laut Anklage eine der Frauen bei einer Polizeikontrolle auf der Autobahn. Ihr Zuhälter habe gedroht, ihrer Mutter etwas anzutun, deswegen sei sie zurückgekommen.

Natürlich führe nicht jede Zimmervermietung zur Ausbeutung, sagte Oberstaatsanwalt Holzwarth. Studien zeigten aber, dass auch anderswo 75 Prozent der Prostitution eben nicht sauber und fair sei. Die Beschuldigten hätten vom Vorgehen der Rocker gewusst, dies gebilligt und über Jahre Geschäfte mit ihnen gepflegt.

Die Anklage geht zurück auf eine Razzia im Rockermilieu Ende 2014. Zeitgleich wurden vier Großbordelle, zahlreiche Geschäftsräume und Wohnungen in sechs Bundesländern sowie in Österreich, Bosnien und Rumänien durchsucht.

Razzia im "Paradise" 2014
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Razzia im "Paradise" 2014

Elf Personen, die zur Tatzeit den United Tribuns oder Hells Angels zuzuordnen waren, wurden bereits angeklagt und zu Freiheitsstrafen zwischen einem und sechs Jahren verurteilt. Rudloff hatte sich laut Staatsanwaltschaft zunächst in die Schweiz abgesetzt, kehrte aber nach Stuttgart zurück.

Laut Anklage soll Rudloff in einer Art Schneeballsystem gemeinsam mit einem Mitangeklagten in betrügerischer Weise Investoren und Darlehensgeber um mehr als drei Millionen Euro geschädigt haben. Den Großteil habe er aber anderweitig verwendet, auch "für seinen eigenen Lebensbedarf".

Die Angeklagten schwiegen zu Prozessbeginn zu den Vorwürfen. Nach Angaben des Landgerichts gibt es 175 Ermittlungsordner, die Anklageschrift ist 145 Seiten stark. Die Kammer hat gut 80 Termine bis Ende März 2019 eingeplant.

Im Video: Femen gegen "Paradise" - Großbordell Saarbrücken

SPIEGEL TV

Von Roland Böhm, dpa/apr



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