Suchtmediziner über Crystal "Gefährlicher als Kokain, Speed oder Ecstasy"

Mit der Droge Crystal wurden 2012 mehr Menschen erstmals erwischt als mit Heroin. Im Interview spricht der Suchtmediziner Roland Härtel-Petri über die verheerende Wirkung der vermeintlichen Partydroge, steigende Patientenzahlen und vernichtete Existenzen.

Beschlagnahmtes Crystal: "Es geht direkt ins Gehirn"
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Beschlagnahmtes Crystal: "Es geht direkt ins Gehirn"


Berlin - Eine Droge ist auf dem Vormarsch: 2012 registrierten die Behörden laut dem aktuellen Drogenbericht mehr Erstkonsumenten von kristallinem Methamphetamin - kurz auch Crystal oder Meth - als jemals zuvor. Wurden 2011 noch 1693 solcher Fälle bekannt, waren es im vergangenen Jahr schon 2556 - eine Steigerung um 51 Prozent. Damit wurden mehr Personen als Erstkonsumenten mit Crystal erwischt als mit Heroin. Auch die beschlagnahmte Menge stieg deutlich um 88 Prozent auf insgesamt 75 Kilogramm an. Insgesamt wurde in mehr als 3500 Fällen Crystal sichergestellt.

Organisationen wie das Meth Project in den USA bekämpfen die Droge seit Jahren. Auch hierzulande steigt die Zahl der Menschen, die sich wegen Crystal-Abhängigkeit in Behandlung begeben. Manche von ihnen landen bei Robert Härtel-Petri. Der Mediziner beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit der Droge.

SPIEGEL ONLINE: Herr Härtel-Petri, wie gefährlich ist Crystal Meth?

Härtel-Petri: Es ist gefährlicher als andere Stimulanzien wie Kokain, Speed oder Ecstasy.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Härtel-Petri: Weil es so schnell abhängig macht. Crystal Meth wird meist geschnupft oder geraucht. Es geht direkt ins Gehirn, wo es im Unterschied zu anderen Drogen sofort maximale Wirkung erzielt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell werden Konsumenten abhängig?

Härtel-Petri: Dazu gibt es keine ordentlichen Studien. Ich kann nur meine Patienten zitieren: Sie sagen, es geht ganz schnell - wenn sie ehrlich seien, hätten sie schon nach dem ersten Mal nicht mehr aufhören wollen. Sie gewöhnen sich ganz schnell an die Dosis und konsumieren immer mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Crystal nehmen Abhängige?

Härtel-Petri: Wir haben Patienten, die ein bis zwei Gramm am Tag brauchten. Das ist die tausendfache Dosis dessen, was ein Soldat im Zweiten Weltkrieg bekommen hat als Kaffeeersatz.

SPIEGEL ONLINE: Betroffene berichten von unglaublichen Glücksgefühlen, wenn sie die Droge genommen haben.

Härtel-Petri: Das stimmt. Patienten schildern uns immer wieder, dass auf Crystal ganz banale Dinge Spaß machen. Stundenlang Schrauben zu sortieren, eine Wand zu streichen oder pedantisch mit der Zahnbürste die Kacheln am Waschbecken zu putzen. Die Leute machen das mit hoher Energie, fast perfektionistisch.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn die Wirkung nachlässt?

Härtel-Petri: Dann ist der Absturz umso krasser. Gar nichts macht mehr Freude. Die Leute sind völlig gefühllos, reizbar, unmotiviert, zappelig und ablenkbar. Sie entwickeln gewalttätige Psychosen, fühlen sich verfolgt und wehren sich gegen eigentlich freundliche Helfer. Manche haben Suizidgedanken.

SPIEGEL ONLINE: Ist Crystal Meth eine Partydroge?

Härtel-Petri: Schon lange nicht mehr. In der ersten Welle Ende der neunziger Jahre haben tatsächlich fast nur Leute aus der Technoszene Crystal genommen. Mittlerweile kommen die Patienten aus allen gesellschaftlichen Schichten. Viele nehmen die Droge zur Leistungssteigerung, etwa in handwerklichen Berufen, um Überstunden machen zu können und Akkordzuschläge zu kassieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind das junge Leute?

Härtel-Petri: Ja, meistens sind die Patienten unter 30. Aber die Vorstellung, es seien die 18- oder 19-Jährigen, die auf Partys Crystal Meth konsumieren, ist falsch. Es sind Leute, die im Leben stehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen sind betroffen? Der Drogenbericht erfasst ja nur die erstmals ertappten Konsumenten.

Härtel-Petri: Uns fehlen Zahlen. Die einzigen verlässlichen Daten gibt es im Suchtbericht 2012 der Sächsischen Landesstelle für Suchtfragen. Dort wird ein dramatischer Zuwachs an Behandlungsfällen konstatiert - fast 50 Prozent Steigerung im Vergleich zu 2011.

SPIEGEL ONLINE: Ist Crystal Meth ein deutschlandweites Problem?

Härtel-Petri: Ich bin noch 2011 davon ausgegangen, dass es auf Sachsen, Thüringen und Bayern begrenzt ist - wegen der Nähe zu Tschechien, wo Crystal billig zu bekommen ist. Patienten aus anderen Städten berichteten, die Droge sei dort sehr viel teurer als hier, mehr als hundert Euro pro Gramm. Wir beobachten allerdings einen Preisverfall. Das wird den Probierkonsum steigern.

SPIEGEL ONLINE: Wie leicht kommen Abhängige an die Droge?

Härtel-Petri: Das hängt sehr stark davon ab, wo man lebt. Zum Glück ist es in vielen Großstädten noch nicht einfach zu bekommen. Aber bei einem Berlin-Besuch habe ich erfahren, dass dort Leute in der Disco-Warteschlange angesprochen werden, ob sie Ecstasy, Speed oder Crystal haben wollen. Vor 2009 brauchte man noch spezielle Kontakte, um an das Zeug ranzukommen. Das ist jetzt offenbar nicht mehr so.

SPIEGEL ONLINE: Drastische Bilder ausgemergelter Leute mit strähnigen Haaren, geröteten Augen, ausgefallenen Zähnen und offenen Wunden im Gesicht prägen die öffentliche Wahrnehmung von Crystal-Konsum. Ist das ein Zerrbild?

Härtel-Petri: Die Bilder aus den USA sind abgegriffen, aber sie spiegeln durchaus die dortige Realität. In Deutschland ist das Gesundheits- und Hilfssystem allerdings besser, deshalb kommt es bei uns meistens nicht so weit. Aber auch hier sehen wir Menschen, die stark abmagern, die mit Pickeln übersät sind, die sich das Gesicht aufgekratzt oder an den Armen verletzt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie verläuft der Entzug?

Härtel-Petri: Es gibt eine Crash-Phase, in der der versäumte Schlaf nachgeholt wird. Manche Patienten schlafen dann 24 Stunden, andere drei Tage am Stück. Danach ist ihre ganze Emotionalität gestört, sie sind quasi unfähig, Gefühle wie Empathie, Fürsorge oder Freude zu empfinden. Das müssen die Patienten erst wieder erlernen. Ihnen fehlt auch der Antrieb, sich für alltägliche Dinge aufzurappeln - Briefe schreiben, Akten sortieren, sich beim Arbeitsamt melden, zur Arbeit gehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihre Patienten durch Crystal ihr komplettes Leben verloren?

Härtel-Petri: Manche ja. Viele konsumieren in der Tat noch, wenn die Familie sich entfremdet hat, wenn der Führerschein weg ist, wenn der Job verloren ist. Die verwahrlosen völlig, kriegen sozial nichts mehr auf die Reihe, schaffen es nicht mal mehr, Hartz IV zu beantragen und leben auf Kosten der Eltern. Aber einige begeben sich auch früh in Behandlung, weil sie merken, dass sie den eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Ansprüchen?

Härtel-Petri: Kein Vater zu sein, der sein Kind verprügelt. Keine Mutter zu sein, die ihr Kind die ganze Zeit anschreit. Im Job wieder zurechtzukommen. In der frühen Konsumphase gibt es durchaus noch ein Problembewusstsein: Wer reingerutscht ist, weil er mehr Spaß haben wollte, will oft aus demselben Motiv aufhören.

Die Fragen stellte Benjamin Schulz



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insgesamt 129 Beiträge
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Seite 1
grauegans 25.04.2013
1.
Zitat von sysopDPAMit der Droge Crystal wurden 2012 mehr Menschen erstmals erwischt als mit Heroin. Im Interview spricht der Suchtmediziner Roland Härtel-Petri über die verheerende Wirkung der vermeintlichen Partydroge, steigende Patientenzahlen und vernichtete Existenzen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/suchtmediziner-roland-haertel-petri-im-interview-ueber-droge-crystal-a-896529.html
seit wann ist XTC nun wirklich gefährlich? der vergleich hinkt etwas.
hermes69 25.04.2013
2. Wie hirntot
muss man denn eigtl. sein um sowas zu probieren?
Whitejack 25.04.2013
3.
Zitat von grauegansseit wann ist XTC nun wirklich gefährlich? der vergleich hinkt etwas.
XTC ist bekannt für nachweisbare Gehirnschäden bereits ab dem ersten Konsum. Da es allerdings nur begrenzt süchtig macht, bleibt es meist eine Partydroge und wird nicht regelmäßig konsumiert. Insofern ist der Vergleich in der Tat nur bedingt gerechtfertigt. Heroin ist der bessere Vergleichspartner.
udolein 25.04.2013
4. Ich würde alle Suchtmittel freigeben
Abgabestellen für diese Mittel könnten die die Apotheken sein. Man würde hiermit einen großen Sumpf austrocknen. Die Kriminalitätsstatistik würde sich deutlich reduzieren.
crigs 25.04.2013
5. Wirkt
"Breaking Bad" trägt Früchte. Mit Jammern wird dieses Problem nicht gelöst. Europa braucht eine ADP (Anti-Drogen-Polizei).
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