Serienmord in Südrussland: "Und dann habe ich ihnen ins Gesicht geschossen"

Von Claudia Thaler, Moskau

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Inessa Tarwerdijewa bei der Nachstellung einer Tat: "Ein nettes Paar"

Im südrussischen Rostow am Don hat ein Ehepaar jahrelang gemordet, ihm fielen wohl 30 Menschen zum Opfer. Die zwei Töchter soll es zu Komplizinnen gemacht haben. "Ich bin eben von Natur aus eine Gangsterin", sagte die Frau bei der Vernehmung.

Nichts deutete darauf hin, dass die ehemalige Kindergärtnerin Inessa Tarwerdijewa zur Serienmörderin werden könnte. Die 46-jährige Frau, platinblonde Haare, blaue Augen, hatte im südrussischen Rostow am Don ihr zweites Liebesglück gefunden: den zehn Jahre jüngeren Zahnarzt Roman Podkopajew. Der pummelige Podkopajew war allem Anschein nach ein guter Vater für Inessas Tochter Wiktoria aus erster Ehe, heute 25. Die Tochter Anastassija, heute 13, machte den Familientraum perfekt.

"Ein nettes Paar", sagt ein ehemaliger Arbeitskollege aus der Zahnarztpraxis. "Es ist unfassbar, dass Roman so ein Verbrechen begehen konnte."

Jetzt ist Roman tot, gestorben im Schusswechsel mit der Polizei. Die Tochter Wiktoria liegt schwer verwundet im Krankenhaus der Millionenstadt am Delta des Don. Inessa, die ehemalige Kindergärtnerin, sitzt in Untersuchungshaft.

Sie und ihr toter Mann sollen in den vergangenen sechs Jahren 30 Menschen ermordet und dabei ihre Töchter zu Komplizinnen gemacht haben, auch die 13-jährige Anastassija. "Alle waren aktiv an den Verbrechen beteiligt", bestätigt Wladimir Markin, der Sprecher des Staatlichen Ermittlungskomitees, eine Art russisches FBI. Weil Anastassija noch nicht 14 ist, blieb bei ihr eine Anklage aus.

"Ich hasse alle Polizisten"

Der Fall erschüttert nicht nur die Einwohner von Rostow, die so stolz auf ihre Stadt sind und schon dabei waren zu vergessen, dass sie vor Jahrzehnten schon einmal Schauplatz einer fürchterlichen Serie von mehr als 50 Morden gewesen war. Erst 1990 wurde Andrej Tschikatilo, die "Bestie von Rostow" festgenommen.

Die neue Mordserie in der Donmetropole wirft auch ein Schlaglicht auf Russlands marodes Justizsystem und die Krise von Polizei und Strafverfolgern. Immer wieder werden Bestechungsfälle bekannt, immer wieder kommen spektakuläre Justizirrtümer ans Licht. So auch jetzt: Der 26-jährige Alexej Serjenko saß fälschlicherweise für einen Mord ein, den eigentlich Inessas Familie begangen hatte.

Den ersten Mord beging Inessa wohl im Juli 2007, als Roman sie anstiftete, ihren Ex-Mann, einen Polizisten, zu erschießen. Heute gibt Inessa gelassen ihr Motiv zu Protokoll: "Ich hasse alle Polizisten." Dann brachten Inessa und ihr Mann offenbar zwei Teenager um. Erschossen und mit herausgerissenen Augäpfeln fanden Polizisten die beiden Mädchen am Waldrand. Die Killer-Familie wollte an die Waffen des Onkels herankommen, um für weitere Verbrechen besser gerüstet zu sein.

Aus demselben Grund erstach die Sippe einen Jäger, der gerade auf dem Weg in sein Revier war. 2012 ermordeten sie den Taxifahrer Wadim Loschkow, mit den Tätern verschwand auch sein Tageseinkommen.

2009 sorgte der brutale Mord an Dmitrij Tschudakow, Polizist des Sonderkommandos, und an dessen Frau Irina und seinen zwei Kindern für einen landesweiten Aufschrei. An einer Raststätte außerhalb von Rostow fand ein Spaziergänger die Eltern und den sechsjährigen Sascha in ihrem schwarzen Auto vor. Die elfjährige Weronika lag mit 37 Messerstichen tot in einer Blutlache. Von Dmitrijs Laptop, dem Bargeld für den Sommerurlaub und Irinas Kamera fehlte jede Spur, genauso wie von dem Täter.

Eine zwei Monate andauernde Suche brachte keine stichhaltigen Beweise. Die Polizisten wurden ungeduldig. Um endlich einen Erfolg vorweisen zu können, verhafteten sie im August 2009 Alexej Serjenko, den Mann, der die Ermordeten entdeckt hatte. Serjenko saß fast zwei Jahre in Einzelhaft in einem russischen Gefängnis, bis Kriminalisten aus St. Petersburg seine Unschuld beweisen konnten. "Die Kinder hat aber Roman ermordet", sagt Inessa heute.

Liebesbotschaft auf dem Mordmesser

Auf das Konto der Familie gehen mindestens 18 weitere Morde. In zwölf weiteren Fällen untersucht die Staatsanwaltschaft noch, angeblich soll die Familie schon seit 2003 die Region terrorisieren. Wenn Geld, Waffen und Munition knapp waren, ging sie wieder auf die Jagd. Als die Polizei das Haus der Familie nach Beweisen absuchte, stellten sie die Ausbeute der jahrelangen Raubzüge sicher. Darunter auch Kleinigkeiten wie Wodka, einen Grill, Schokolade, zuletzt auch ein Grillhähnchen.

"Ich bin eben von Natur aus eine Gangsterin", gestand Inessa seelenruhig den Polizisten. Diese fanden auch eine weitere Mordwaffe: ein Messer mit der Inschrift "Für meine schöne Amazone", ein Geschenk Romans an seine Frau.

Wie die Killer-Familie jahrelang unbehelligt in Rostow morden konnte, darüber rätselt die Staatsanwaltschaft noch immer. Im Verdacht stehen weitere Familienmitglieder: So soll der Schwager Sergej Sinelnik, ebenfalls ein Polizeibeamter, eine schützende Hand über Roman und Inessa gehalten haben. Er soll dem Ehepaar beim Verschwindenlassen der Beweise geholfen und vor Ermittlungen gewarnt haben.

Doch letztlich konnte er sie nicht vor der Festnahme bewahren: Bei einer Verkehrskontrolle machten sich Roman und Wiktoria verdächtig, es kam zu dem Schusswechsel, bei dem Roman starb und die ältere Tochter schwer verwundet wurde. Die Polizisten verhafteten Inessa und Anastassija später in ihrem Haus am Stadtrand von Rostow.

Videos, die Polizisten bei der Vernehmung aufgenommen haben, sind nun im staatlichen Sender "Erster Kanal" ausgestrahlt worden. Auf einem gesteht Inessa den Polizisten ein Detail nach dem anderen. Zu sehen sind mehrere Tatorte. Selten senkt sie ihren Blick, mit Handschellen ist sie an einen der Ermittler gekettet. Mit einer Schreckschusspistole demonstriert sie, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann Roman die Opfer zuerst bedroht und schließlich aus nächster Nähe erschossen hat. Ohne Gefühlsregung erklärt sie: "Hier haben wir gestanden. Und dann habe ich ihm ins Gesicht geschossen."

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