Sürücü-Prozess Die Sünde Mord

Im Prozess um den Berliner Ehrenmord hat die Ex-Freundin des Täters als Kronzeugin ausgesagt. Melek A. belastete alle drei Brüder, obwohl zwei davon ihre Mithilfe abstreiten.

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Berlin - Ein bisschen mulmig ist ihr schon, als sich die junge Zeugin vorbeugt, um ins Mikrofon zu sagen: "Wenn man jemanden liebt, glaubt man nicht, dass der so was wirklich tut." Denn darum ging es heute auch am zweiten Verhandlungstag im Mordfall um Hatun Sürücü - warum die damalige Freundin des Täters nichts gegen die Pläne ihres Ex-Freunds unternommen hat. Ayhan Sürücü hatte ihr von dem geplanten Mord an seiner "ehrlosen" Schwester bereits erzählt, noch bevor er und Melek A. ein Paar wurden. "Weil er mit jemandem reden musste", erklärt sie. Aber sie hätte das nie ernst genommen.

Der 19-Jährige hat die Tat bereits gestanden. Im Berliner Ehrenmord-Skandal wirft die Staatsanwaltschaft den beiden Brüdern Alparslan und Mutlu aber noch die Mittäterschaft an dem Mord der 23-jährigen Schwester Hatun vor. Die Aussagen der Ex-Freundin belasten die beiden Brüder, die der jüngste Bruder beim ersten Verhandlungstag mit seinem Geständnis entlastet hatte. Anders als Ayhan - der als Heranwachsender mit maximal zehn Jahren belangt werden kann - erwartet seine beiden Brüder bei einem Urteil lebenslängliche Haft.

Melek erzählt, dass der Bruder Mutlu die Aufgabe hatte, die Waffe zu besorgen. Der hätte ihren Freund auch gedrängt, das Ganze zu einem festen Zeitpunkt über die Bühne zu bringen. "Aber Ayhan hat mir gesagt, er will das spontan machen, nicht nach Mutlus Zeitplan." Ihr Freund hätte ihr danach den Mord detailliert geschildert. Der Bruder Alparslan habe Schmiere gestanden, während er, Ayhan, die Schwester auf dem Weg zur Bushaltestelle durch drei Kopfschüsse umgebracht habe.

Das Mädchen mit dem dunkelblonden Haar und Kapuzenpulli weint, dann wieder hört man sie seufzen oder schlucken. Sie redet langsam und denkt lange nach. Es ist eine Gratwanderung, die sie durchmacht. Einerseits will sie sich selber nicht als Komplizin belasten, andererseits scheint sie genug zu wissen, um die beiden älteren Brüder als Mittäter zu belasten. "Jetzt bist du also ein richtiger Killer" soll Alparslan neben ihr in der U-Bahn voller Respekt zu seinem Bruder gesagt haben. "Er denkt, das ist keine Sünde, weil sie nicht gläubig gelebt hat", antwortet sie, als sie nach Ayhans Gemütslage nach dem Mord gefragt wird. "Er hat mir gesagt, dass er in der Nacht danach so gut geschlafen hat, wie schon lange nicht mehr."

Ayhan habe sich als jüngster Sohn verpflichtet gefühlt, seinen Vater nicht zu enttäuschen, erzählt Melek. "Er hat zu mir gesagt: 'Wenn du wüsstest, was ich weiß, dann würdest du mich verstehen.'" Melek behauptet allerdings, dass sie nicht wüsste, worum es dabei geht. "Ich wollte es nicht wissen", nuschelt sie verschämt.

Man merkt deutlich, wie unwohl Melek dabei ist, die bisherigen Aussagen der Brüder zu widerlegen. Links von ihr, hinter dickem Glas, sitzen die drei. Der Ex-Freund und Täter Ayhan sitzt auf Meleks Höhe und gestikuliert regelmäßig, während sie ihre Aussage macht. Weil sie Angst vor ihm und seinen Brüdern hat, ist sie als Kronzeugin in einem Zeugenschutzprogramm untergebracht. Nach Ablauf des Prozesses wird sie vermutlich eine neue Identität brauchen. Ob ihr vorher klar gewesen sei, was auf sie zukommt, wenn sie zur Polizei geht, fragt sie der Richter. Sie denkt lange nach, bevor sie leise antwortet. "Nein", das habe sie nicht gewusst. "Aber ich bin Muslimin, und es ist im Islam eine Sünde, jemanden zu töten."



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