Suff und Straßengewalt Vorglühen für die Prügel-Nacht

Messerstechereien, blutige Schlägereien, Gewaltexzesse: Die Nächte in deutschen Großstädten werden gefährlicher. Die Zahl der Straßengewaltdelikte hat sich in den letzten fünf Jahren vervierfacht. Täter sind oft Jugendliche, die sich Mut antrinken - und Streit suchen.

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Hamburg - Sie hatten Wodka getrunken, waren aggressiv - und machten kurzen Prozess: Am vergangenen Wochenende überfielen in Hamburg acht Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren zwei Gymnasiasten. Dem einen rammten sie mehrmals ein Messer in den Rücken und traten auf ihn ein, dem anderen zogen sie erst eine Bierflasche über den Kopf und zerfetzten ihm dann mit dem abgeschlagenen Glas fast die Halsschlagader. Beide kamen schwer verletzt ins Krankenhaus. Der eine ist der 19-jährige Sohn von Mathias Frommann, Bezirksamtsleiter von Hamburg-Nord.

Nach seiner Einschätzung war der Angriff geplant. "Ein Zeuge hat bestätigt, dass die jungen Männer diskutierten, dabei auf ihre Opfer zeigten und sie erst dann angriffen. In der Ausführung waren sie planvoll, von Zufall kann keine Rede sein", sagt Frommann SPIEGEL ONLINE. Sowohl sein Sohn als auch dessen Freund seien von je drei bis vier Jugendlichen attackiert worden. Während je einer frontal auf eines der Opfer einschlug, malträtierten zwei weitere die Betroffenen von hinten. Im Nachhinein würde versucht werden, den Überfall als Raubdelikt zu verniedlichen. "Das war ein klarer Mordversuch", sagt Frommann.

Der mutmaßliche Haupttäter heißt Peter Z. und ist 17 Jahre alt. Er gilt als Intensivtäter. Wegen Diebstahls, Körperverletzung und anderer Taten war er bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Nun sitzt der Junge aus dem Stadtteil Billstedt in Untersuchungshaft.

42 Prozent aller Gewalttäter in Hamburg sind noch keine 21 Jahre alt. Ein Problem, mit dem sich längst nicht nur die Hansestadt herumplagt. "Es gibt bundesweit einen Anstieg bei Jugendgewaltdelikten", sagt Hamburgs Innensenator Udo Nagel. Die Zahl habe sich in den vergangenen zwölf Jahren verdoppelt: In Deutschland von 44.000 auf 88.000 Fälle, in Hamburg von 2000 auf 4000.

Die Straßengewaltdelikte haben sich zwischen 2001 und 2006 gar vervierfacht. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes gibt es besonders bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung, Sachbeschädigung an Autos, auf Straßen, Wegen oder Plätzen einen starken Anstieg.

Am schlimmsten ist es in den so genannten Brennpunkten, aber auch auf den Amüsiermeilen und in den Ausgehvierteln deutscher Großstädte. Die Straßenkriminalität wird in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern überproportional oft registriert.

Peter Z. passt perfekt ins Raster: Die Täter sind oft Jugendliche. In der aktuellen polizeilichen Kriminalstatistik liest sich das dann wie folgt: "Im Vergleich zu ihren Tatverdächtigenanteilen bei Straftaten insgesamt sind minderjährige Tatverdächtige bei Straßenkriminalität erheblich überrepräsentiert." Bezogen auf den Bevölkerungsanteil dominieren dabei laut Statistik männliche Jugendliche ab 16 Jahren.

In der Regel treffen sich die Jugendlichen an einem Ort, bringen sich mit Alkohol in entsprechende Stimmung und ziehen dann los, um Randale zu machen. Einer jener Treffpunkte in Deutschland ist die 24-Stunden-Tankstelle von Lars Schütze auf der Reeperbahn. Hier treffen sich an den Wochenenden Tausende von jungen Leuten zum sogenannten "Vorglühen" für eine unvergessliche Nacht auf St. Pauli. Schlägereien sind an der Tagesordnung.

"Jugendliche verrohen regelrecht"

Um seinen Laden zu schützen, hat Lars Schütze vor sechs Jahren Security-Personal eingestellt. Ohne deren Unterstützung kann er es sich das Wochenendgeschäft nicht mehr vorstellen. "Der allgemeine Werteverfall in unserer Gesellschaft kommt hier gut zum Ausdruck", sagt der 39-Jährige SPIEGEL ONLINE. "Meine Erfahrung zeigt: Jugendliche wollen ihre Grenzen austesten. In gewissen Bereichen kann man da von regelrechter Verrohung sprechen." Der Vorfall, bei dem die beiden Gymnasiasten hinterlistig angegriffen wurden, hätte sich seiner Meinung nach auch in jedem anderen Stadtteil zutragen können.

Wahrscheinlich in jeder anderen Großstadt Deutschlands. Auch Berlin, Köln, München und die Ruhrgebietsstädte kämpfen gegen steigende Gewalt auf der Straße und von Jugendlichen. "Vor allem in den Abendstunden ist es schlimm", sagt Jutta von Döllen, Präventionsbeamtin des Berliner Landeskriminalamtes. Die Gewalt, die von Jugendlichen ausgehe, habe nicht zugenommen, sondern sich geändert: "Früher waren sie brutal, um zu stehlen oder zu rauben. Heute spielt die Demütigung und der Machtanspruch gegenüber ihrer Opfer eine große Rolle."

Vom Alkohol enthemmt fliegen die Fäuste leichter

Die Münchner Polizei sieht einen Grund für den Anstieg im Alkoholkonsum. "Insbesondere bei den Gewaltdelikten wie gefährlicher und schwerer Körperverletzung spielt Alkohol bei der Tatausführung eine wesentliche Rolle", sagt Arno Helfrich, Leiter des Kommissariats für verhaltensorientierte Prävention und Opferschutz, SPIEGEL ONLINE. Demnach waren 36,9 Prozent der jugendlichen Tatverdächtigen stark alkoholisiert. "Vor zehn Jahren lag dieser Wert bei 26 Prozent! Die enthemmende Wirkung des Alkohols leistet hier offensichtlich ganze Arbeit."

Seit Jahren besuchen Polizeibeamte Berliner Schulen, um Präventionsarbeit zu leisten. Die großen Städte der Republik tauschen sich aus, wenn es um die Erstellung eines entsprechenden Konzepts geht. "Das Ziel ist das gleiche, der Ansatz ähnlich, nur die Konzepte unterscheiden sich", fasst es Norbert Ziebarth von der Leitstelle Jugendgewalt in der Hamburger Innenbehörde im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zusammen.

Er ist einer der Projektleiter des "Handlungskonzept gegen Jugendgewalt", mit dem Hamburg der ansteigenden Jugendgewalt entgegentreten und vor allem die Schulen zur Mithilfe für Gewaltprävention ins Boot ziehen will. In Zukunft soll die Polizei hartnäckig die Schulpflicht durchsetzen, und Lehrer müssen ab sofort Gewalttaten, schwere Diebstähle und Abziehdelikte im Klassenzimmer und auf dem Schulhof anzeigen, was bisher der pädagogischen Einschätzung unterlag. Des Weiteren wird die Anzahl der sogenannten Cop4U-Beamten aufgestockt. Das sind Polizisten, die den Schulen als Ansprechpartner zur Verfügung stellen.

"Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kann das Schuleschwänzen oft der Beginn einer kriminellen Karriere sein", sagt Ziebarth. "Mit den neuen Maßnahmen werden Kinder ab drei Jahren bis zum Ende der Jugendlichkeit betreut. Wir wollen sicherstellen, dass Kinder, die auffällig sind, dennoch einen normalen Weg einschlagen." Ein Teil der Maßnahmen seien bereits umgesetzt, andere würden es in den kommenden Wochen. Parallel zu den polizeilichen Maßnahmen will der Senat laut Konzept, unter anderem die sozialpädagogische Betreuung der Familien mit auffälligen Kindern intensivieren. Gemeinsame Fallkonferenzen sollen die Zusammenarbeit der Behörden verbessern. Innensenator Udo Nagel prophezeit, das neue Konzept werde "so schnell wie möglich eine spürbare Reduzierung" der Fallzahlen bringen.

2,5 Millionen Euro will der Senat dafür investieren. "Das ist die gleiche Summe, die der Senat für die Badeschuten an der Alster zur Verfügung stellt", sagt SPD-Politiker Frommann voller Sarkasmus. "Gerade nach den Vorfällen am Wochenende sollte man sich überlegen, ob da ein solches Konzept ausreicht." Das sage er zwar als Anhänger der Opposition - aber in erster Linie als Vater.



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