Ausschreitungen in Flüchtlingsunterkunft Die Krawallnacht von Suhl

Eisenstangen und Steine als Waffen: In Thüringen ist ein Streit unter Bewohnern eines Flüchtlingsheims eskaliert - offenbar weil Asylbewerber den Koran verunglimpft sahen. Ministerpräsident Ramelow fordert nun nach Ethnien getrennte Unterkünfte.


In der Tür zum Büro des Sicherheitsdienstes klafft ein riesiges Loch, Fensterscheiben sind eingeschlagen, auf dem Boden liegen Trümmer verstreut. Fotos dokumentieren das Ausmaß der Zerstörung nach heftigen Ausschreitungen in einer Flüchtlingsunterkunft im südthüringischen Suhl.

Die Bilanz: mindestens 16 Verletzte, darunter sechs Polizisten. Sieben beschädigte Polizeifahrzeuge, weitere kaputte Autos und ein "völlig zertrümmerter Eingangsbereich der Flüchtlingsunterkunft", wie ein Polizeisprecher mitteilt.

Was war passiert? Auslöser der Krawalle war laut Polizei am Mittwochabend ein Streit unter Heimbewohnern "wegen Glaubensfragen". Konkret: Ein Asylbewerber wurde von etwa 20 anderen attackiert, weil er nach derzeitigem Stand der Ermittlungen unflätig mit dem Koran umgegangen sein soll.

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Suhl: Heftige Ausschreitungen in Flüchtlingsunterkunft
Bei dem Gewaltausbruch sei eine "rote Linie massiv überschritten" worden, sagte Landesmigrationsminister Dieter Lauinger. Bei einem Besuch in der Erstaufnahmeeinrichtung sprach der Grünen-Politiker von einem "religiösen Streit, der eskaliert ist" und von "Lynchjustiz". Ein Flüchtling habe Seiten aus dem Koran in einer Toilette heruntergespült. Muslimische Mitbewohner hätten darauf heftig reagiert und versucht, den Mann zu lynchen.

Der Angegriffene konnte sich in die Zentrale des privaten Wachdienstes in der Einrichtung flüchten. Die aufgebrachte Menge versuchte, mit Gewalt in den Raum einzudringen. Als die Polizei eintraf, eskalierte die Lage. Die Wut der Bewohner habe sich gegen die Beamten gerichtet. Etwa 50 Asylbewerber bewarfen demnach die Polizisten mit Steinen und gingen mit Eisenstangen auf sie los. Weitere 50 sollen zugeschaut haben.

Angegriffener Flüchtling in Schutzgewahrsam

Reporter der Zeitung "Freies Wort" berichteten, dass auch Journalisten mit Eisenstangen attackiert wurden. Heimbewohner sollen zudem ein Feuer in der Unterkunft gelegt haben. Augenzeugen, die rings um das Gebäude leben, berichteten von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen". Fensterscheiben seien eingeschlagen, Möbel aus dem Fenster geworfen worden. Erst mitten in der Nacht, nach rund vier Stunden Krawallen, beruhigte sich die Lage wieder.

Die Polizei war nach Angaben der Landeseinsatzzentrale zunächst nur mit Suhler Beamten vor Ort, die wegen der großen Zahl der Angreifer aber überfordert waren. Sie mussten sich zurückziehen und auf Einheiten aus Erfurt warten. Gegen Mitternacht waren in der Nähe des Heims Zelte zur Versorgung von Verletzten aufgebaut worden. Insgesamt waren 125 Polizeibeamte im Einsatz. Der Rettungsdienst sei mit neun Notärzten und 90 Sanitätern vor Ort gewesen, berichtete der MDR.

Der angegriffene Asylbewerber wurde nach Angaben des Innenministeriums zur eigenen Sicherheit in Schutzgewahrsam genommen. Ob es Festnahmen gab, konnte ein Polizeisprecher nicht sagen.

Die Beamten ermitteln nun wegen Körperverletzung und Landfriedensbruchs. Die Untersuchungen würden zunächst gegen unbekannt geführt, sagte der Chef der Landespolizeiinspektion Suhl, Wolfgang Nicolai. Für die Ermittlungen würden auch Videoaufnahmen von Polizei und Anwohnern genutzt.

Ramelow will getrennte Unterkünfte

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sprach sich bei MDR Info für getrennte Flüchtlingsunterkünfte für verschiedene Ethnien aus. Nur so ließen sich Gewaltausbrüche wie dieser verhindern. Um den Druck abzubauen, seien in den vergangenen Tagen Flüchtlinge in drei Ausweichquartieren untergebracht worden.

Wenn Menschen auf engstem Raum zusammen lebten, werde das nie konfliktfrei gehen, sagte Migrationsminister Lauinger. Die Konsequenz sei zu versuchen, die Konflikte zu minimieren.

Die Unterkunft in Suhl ist eine Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Eisenberg. Derzeit leben laut Staatskanzlei etwa 1500 Menschen in dem Heim, das eigentlich nur für 1200 Flüchtlinge Platz hat. Die Nachrichtenagentur dpa gibt die Zahl mit 1800 an.

Diese Überbelegung halte er für verantwortungslos, sagte Oberbürgermeister Jens Triebel. Der parteilose Kommunalpolitiker forderte die rot-rot-grüne Landesregierung zum Einschreiten auf. "Wir müssen runter von dieser Zahl."

Triebel bezeichnete es als inakzeptabel, dass Flüchtlinge bis zu zwei Stunden an der Essensausgabe anstehen müssten. Zudem sei es unerträglich, dass rechte Gruppierungen schon jetzt mit einem Demonstrationsaufruf versuchten, die Vorfälle in dem Heim für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Bereits vor einigen Wochen hatten sich Bewohner dort eine Prügelei geliefert, bei der acht Menschen verletzt wurden. Wegen Platzmangels sollten die Flüchtlinge damals auf dem Gang schlafen. Der Flüchtlingsrat forderte in diesem Zusammenhang von der Landesregierung eine weitere Erstaufnahmestelle.

wit/dpa/AFP



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