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Szenekontakte der Terrorzelle: Blut, Ehre, Hass

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Der weltweite Neonazi-Verbund "Blood & Honour" ist seit elf Jahren verboten, jetzt rückt er dennoch ins Visier der Ermittler. Einige Anhänger sollen Kontakt zur Zwickauer Terrorzelle gehabt haben.

Thomas G.: "Der war immer voller Hass" Fotos

Hamburg - Nur wenige Monate lebten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund, da rückten die verbliebenen Mitglieder der "Kameradschaft Jena" zusammen und beschlossen, ihnen zu helfen. Davon sind die Ermittler bislang überzeugt. Ralf Wohlleben soll demnach André K. aufgetragen haben, gefälschte Pässe für die abgetauchten Kameraden zu besorgen - und dieser habe angeblich eingewilligt. Mit knapp 4000 D-Mark, die auf Rechtsrock-Konzerten für das Trio gesammelt worden waren, soll der Neonazi damals losgezogen sein.

In der rechtsextremen Szene verbreitete André K., er habe die Papiere besorgt, doch sie seien ihm aus dem Auto gestohlen worden. Ralf Wohlleben, zwischenzeitlich NPD-Funktionär und derzeit als mutmaßlicher Unterstützer der Terrorzelle in Untersuchungshaft, soll sehr wütend gewesen sein, erinnern sich Kameraden. "Niemand hat ihm diese Geschichte damals abgekauft", sagt einer von ihnen. "Wir gingen alle davon aus, dass André K. mit dem Geld seine Schulden beglichen hat." Knapp zwei Jahre lang soll Wohlleben nach dem Vorfall kein Wort mit seinem Freund gesprochen haben.

Hendrik Lippold, K.s Anwalt, bestätigt die Existenz dieser Gerüchte. Es gebe in der Szene "Verdächtigungen wegen Untreue", dahinter stecke eine "Blood & Honour"-Gruppe aus Gera - offiziell aber gibt es "Blood & Honour" nicht mehr. Der weltweit agierende Neonazi-Verbund wurde 2000 in Deutschland verboten, ebenso deren Jugendorganisation "White Youth". Doch noch immer verbreitet er seine nationalsozialistische Ideologie, in erster Linie über rechtsextreme Bands. Untergruppierungen gibt es weiterhin in vielen europäischen Ländern, in den USA und Australien. Seine Herstellung und Verbreitung von Tonträgern mit rechtsextremistischen Inhalten gilt als extrem straff organisiert.

Der Name "Blood & Honour" erinnert an die Fahrtenmesser der Hitler-Jugend, in die der Schriftzug "Blut und Ehre" eingraviert war, und an die Nürnberger Rassengesetze, die offiziell als "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" bezeichnet wurden. Vor dem Verbot gab es in der deutschen "Blood & Honour"-Szene heftige Streitereien. Die einen wollten mit dem Label in erster Linie Geschäfte machen, die anderen wollten es zur politischen Kampforganisation ausbauen - allen voran Johannes K. und Hannes F., die wegen Fortführung der verbotenen Naziorganisation vom Landgericht Halle 2008 verurteilt wurden.

Die Nachfolgeorganisation nennt sich "28" (die Initialen der Organisation, B und H, sind die zweiten und achten Buchstaben im Alphabet), die militante Absplitterung von "Blood & Honour" nennt sich "Combat 18". Sie soll vor allem in England und Skandinavien aktiv sein. "Combat 18"-Mitglieder verübten im April 1999 einen Anschlag auf eine Londoner Schwulenbar. Anhänger der militanten Gruppe gibt es Experten zufolge auch in Deutschland.

Intensive Verbindung zu "Blood & Honour"

"'Blood & Honour' als international agierendes Neonazi-Netzwerk ist trotz Verbots in Deutschland weiter aktiv", sagt Katharina König vom "Jenaer Aktionsbündnis gegen Rechts" und Thüringer Landtagsabgeordnete der Linken. "Dafür sprechen sowohl personelle Überschneidungen in freien Kameradschaften und NPD als auch die in Thüringen stattfindenden Rechtsrockfestivals, zu welchen nicht nur europäische Neonazigruppen anreisen, sondern auch dem 'Blood & Honour'-Umfeld zuzurechnende Bands auftreten."

In den vergangenen Jahren gab es zudem auch immer wieder Hinweise darauf, dass "Blood & Honour" im Verborgenen fortbesteht. So kopierte die "Daten-Antifa" 2008 mehr als 30.000 Datensätze des weltweit größten Neonazi-Netzwerkes und fand ausreichend Beweise dafür, dass deutsche Neonazis "Blood & Honour"-Konzerte organisieren. Auch wurden sogenannte Red-Watch-Listen sichergestellt: Namen, Adressen und Informationen ihrer politischen Gegner.

Experten zufolge verfolgten besonders die Thüringer Neonazis immer einen "radikalen Kurs", um ihre Weltanschauung zu verbreiten - und sollen dafür ihre Verbindung zu "Blood & Honour" genutzt haben. Die mutmaßlich rechtsextremen Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sollen Ende der neunziger Jahre mit dem Netzwerk Konzerte veranstaltet haben. Aus alter Verbundenheit soll es noch 2008 eine geheime Veranstaltung gegeben haben, bei der für das Trio gesammelt worden sei, sagt ein Szenekenner. Oft werden Nazikonzerte als Geburtstagsfeiern getarnt, so angeblich auch das damalige.

Mehrere Jahre lang fand unter Wohllebens und André K.s Ägide das "Fest der Völker - Für ein Europa der Vaterländer" statt, eine Art braunes Musikfestival, zu dem bis zu 1500 Neonazis aus ganz Europa anreisten, unter anderem Thomas Ölund, schwedischer Sektionschef von "Blood & Honour". Szenekenner ordnen die Veranstaltung, die bislang in Jena, Altenburg und Pößneck stattfand, intern als "Blood & Honour"-Konzert ein.

Mitorganisator war auch Thomas G. aus Meuselwitz bei Altenburg. Nachdem Ralf Wohlleben als mutmaßlicher Unterstützer gilt und wie die beiden Neonazis Holger G. und André E. derzeit in Untersuchungshaft sitzt, stellt sich die Frage: War auch Thomas G. bekannt, dass sich die drei mutmaßlichen Terroristen nicht ins Ausland abgesetzt, sondern in Sachsen eingerichtet hatten? SPIEGEL ONLINE ist es nicht gelungen, ihn für eine Stellungnahme zu erreichen.

Thomas "Ace" G. - bundesweit bekannter Neonazi

Der 32-Jährige zählt zu den bekanntesten Neonazis Thüringens und umtriebigsten Aktivisten der Freien Kameradschaftsszene. So soll er das "Freie Netz" mitgegründet haben, einen Zusammenschluss militanter Kameradschaften aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, die sich innerhalb kürzester Zeit zusammenrufen lassen. Und er baute die Zwickauer Neonazi-Szene auf, indem er seinen Freund Daniel P. von Altenburg nach Sachsen schickte, um Mitglieder zu rekrutieren.

Thomas G., genannt "Ace", war - wie die Zwickauer Terrorzelle - aktiv im "Thüringer Heimatschutz" und pflegte enge Verbindungen zur NPD. Sein Strafregister ist lang. Seit 1998 wurde gegen ihn wegen Volksverhetzung und Verstoß gegen das Versammlungsgesetz ermittelt. Das Amtsgericht Altenburg verurteilte ihn mehrfach zu Jugendstrafen, die zu Bewährungsstrafen ausgesetzt wurden. Bis ihn das Landgericht Gera schließlich wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilte.

Thomas G. nutzte die Zeit im Gefängnis. Im Mai 2002 gründete er aus der Justizvollzugsanstalt Gräfentonna heraus mit seinem Gesinnungsgenossen Marco Z. einen "Kameradschaftsbund für Thüringer POWs". Die Abkürzung steht für "Prisoner of War" (Kriegsgefangener). So werden inhaftierte Neonazis in der Szene genannt. Laut Thüringer Verfassungsschutzbericht von 2003 stand auf der Agenda der Organisation unter anderem die Bildung eines Gefangenen-Netzwerks.

Nach seinem Gefängnisaufenthalt organisierte Thomas G. mehrere rechtsextreme Demonstrationen, eine im Mai 2005 unter dem Motto "Gegen Kriegstreiberei und Fremdverwaltung unterdrückter Völker" im sächsischen Delitzsch. Dort lebte damals Maik S., der Szenekennern zufolge Kontakt zu den mutmaßlich rechtsextremen Terroristen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gehabt haben könnte. Bis heute gehört Maik S., genannt Michi, zu den führenden Neonazis in der Gegend um Leipzig.

"Voller Hass"

Thomas G. gilt in der Szene als "Macher". Einer, der organisiert, Pläne schmiedet - und sie möglichst zeitnah umsetzt. "Der war immer so unglaublich voller Hass", sagt ein ehemaliger Kamerad, "da hat man lieber gespurt als verhandelt".

Im August 2005 meldete Thomas G. einen Marsch in Altenburg an, um einem Neonazi zu huldigen, der beim Kleben von Rudolf-Heß-Plakaten von einem Polizisten angeschossen worden war. Auch organisierte Thomas G. den "5. Thüringentag der nationalen Jugend" am 20. Mai 2006 in Altenburg.

Thomas G., gelernter Maler und umgeschulter Klempner, ist Vater einer Tochter und seit 2008 verheiratet. Eine zeitlang wohnte er in der Röthaer Straße 22-24 im sächsischen Borna. Unter dieser Adresse findet man ein 10.000 Quadratmeter großes Grundstück, auf dem Ludwig L., der der Holocaust-Leugner-Szene nahe steht, eine Gedenkstätte für die "deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges" errichten wollte.

Bevor es dazu kam, verstarb L. und die NPD nutzte das Gelände, um ihren Wahlkampf vorzubereiten - was unter anderem von Interesse sein könnte, sollte es einen weiteren Anlauf für ein Parteiverbot geben. An der Einweihung der geplanten Neonazi-Stätte im März 2007 nahmen Mitglieder der NPD-Landtagsfraktion und des Landesvorstandes teil. Im August 2008 wurde auf dem Grundstück der Geburtstag des Ritterkreuzträgers Hajo Herrmann gefeiert - samt Fahnenappell, bei dem uniformierte Mitglieder des damaligen "Freien Netzes Leipzig" stramm standen. Ebenfalls anwesend: der damalige NPD-Chef Udo Voigt, der 2007 beim "Tag der Ehre" in Budapest vor "Blood & Honour"-Anhängern auftrat.

Thomas G. arbeitete seit 2008 auf dem Gelände der Nazi-Gedenkstätte als Hausmeister und wohnte dort gemeinsam mit Tony K. Der zog 2009 in den Bornaer Stadtrat - für die NPD.

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1. Kein Wunder
edna_krababbel 03.12.2011
Es würde mich nicht wundern, wenn Thomas gerlach alias Ace auch ein Gehaltsempfänger des VS gewesen wäre. Jeder, der sich ein wenig für die Naziszene in Sachsen interessiert, dem ist Ace wohl bekannt. Der Wahnsinn ist doch aber, dass diese Typen in Sachsen schalten und walten können, während der sächsische Staat Antifaschisten verfolgt und Extremismusklauseln gegen die Zivilgesellschaft erlässt... Was ist denn da los? Wie sehr Thomas Gerlach in die Gesellschaft integriert ist, sieht man auch daran, dass der Teammanager der SG Leipzig-Leutzsch, dem Nachfolger von Chemie Leipzig, ihm bedenkenlos ein Interview gibt, obwohl ihm bekannt war, wer Thomas ACE Gerlach ist. http://lucka-supporters.blogspot.com/2011/10/im-gesprach-jamal-engel-vorstand-sg.html?zx=3378158d02162bac Ich bezweifel, dass die sächsischen Behörden irgendetwas aufklären werden. Weil das hätten sie schon längst tun können.
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