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Informant nah am NSU: Auf der Spur von V-Mann "Tarif"

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Zentrale des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln: Umstrittener Dienst Zur Großansicht
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Zentrale des Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln: Umstrittener Dienst

Wie nah kam der Verfassungsschutz dem "Nationalsozialistischen Untergrund"? Die Behörde führte einen V-Mann, der Verbindungen zu Uwe Mundlos gehabt haben könnte. Doch die Akten in dem Fall wurden kurz nach dem Auffliegen der Neonazi-Zelle geschreddert.

Hamburg - Im Februar 2013 tauschten Bundesverfassungsschutz (BfV) und Bundeskriminalamt (BKA) Informationen über den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) aus. Ein ganz normaler Vorgang, wie er seit dem Auffliegen der Zelle im November 2011 immer wieder stattfindet. Am Ende des fünfseitigen Schreibens notierten die Verfassungsschützer allerdings einen bemerkenswerten Satz: Ein "Kennverhältnis" zwischen Uwe Mundlos und Michael S. könne "nicht gänzlich ausgeschlossen werden".

Mundlos lebte als Teil des NSU seit 1998 im Untergrund, Michael S. war bis mindestens 2001 als V-Mann aktiv. Hatten die Verfassungsschützer also eine Quelle dicht am untergetauchten Neonazi-Trio?

Über den Fall berichtete zuerst das MDR-Magazin "Fakt" in seiner Sendung am Dienstagabend. Die Hintergründe: Michael S. wurde von Mitte der neunziger Jahre bis mindestens 2001 beim Bundesverfassungsschutz als V-Mann "Tarif" geführt. Geld soll laut dem Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses aber noch bis 2002/2003 gezahlt worden sein. "Tarif" galt als Top-Quelle innerhalb der Behörde. Bestens vernetzt im militanten Spektrum der Neonazi-Szene.

Er war Funktionär der 'Aktion Sauberes Deutschland' (ASD), die wiederum die Strukturen zur Gründung des "Internationalen Hilfskomitees für nationale politische Verfolgte und deren Angehörige e.V." (IHV) lieferte. Ihr Ziel: "Die Schaffung einer politischen Elite, die die weißen Menschen Europas wachrütteln und ihre bevorstehende Vernichtung durch den Zionismus und Kommunismus verhindern soll."

Stress mit "Bullen" und "Gerichten" vermeiden

Auch gründete Michael S. 1994 das rechtsextremistische Pamphlet "Sonnenbanner - Nationales Sozialistisches Monatsblatt". Ein Exemplar wurde im Januar 1998 in der Jenaer Garage sichergestellt, die Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe nutzten. In der gefundenen Ausgabe findet sich ein Beitrag, der sich mit "Zellenbildung" beschäftigt, um "Stress" mit "Bullen" und "Gerichten" zu vermeiden.

Der Bundesverfassungsschutz kam zu dem Schluss: "Bemerkenswert sind die ideologischen nationalsozialistisch motivierten Artikel im 'Sonnenbanner' zu den Themen Zellenprinzip, Agieren im Untergrund, konspirativem Verhalten und elitärem Selbstverständnis - insbesondere vor dem Hintergrund, dass (vor allen Dingen) MUNDLOS diese Artikel gelesen haben durfte. Die späteren Taten des NSU weisen zumindest keinen Widerspruch zu diesen zu o. g. Verhaltensmustern auf."

Michael S. soll per Briefwechsel in engem Austausch mit Peter N. gestanden haben.Der Diplom-Chemiker gilt in der Neonaziszene als Sprengstoffexperte und "Veteran der Bewegung". Der 61-Jährige war bereits in mehrere Attentate, bei denen auch Sprengstoff zum Einsatz kam, verwickelt.

Michael S. soll im August 1996 in Worms an einer Demonstration zum Gedenken an den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß teilgenommen haben. Zu den Organisatoren zählten damals ebenfalls Top-Quellen des Inlandsgeheimdienstes. Auch Mundlos und Zschäpe sowie die mutmaßlichen NSU-Unterstützer Holger G. und Ralf Wohlleben beteiligten sich an dem illegalen Aufmarsch, bei dem mehr als 170 Personen in Gewahrsam genommen wurden.

Seit 1993 soll S. auch Kontakt zu Thorsten Heise gehabt haben, einer der bekanntesten rechtsextremen Führungsfiguren in Deutschland. Auch die mutmaßlichen NSU-Unterstützer sollen sich hilfesuchend an Heise gewandt haben: Mal sollte er angeblich gefragt werden, ob sein Anwesen den Untergetauchten als Versteck dienen könnte, dann wieder, ob seine Kontakte ins Ausland vielleicht nützlich wären.

Nicht nur Kontakte zu Thorsten Heise sind verbrieft. Michael S. suchte im Sommer 1997, vor dem Abtauchen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe, auch Unterstützung beim damaligen inneren Zirkel um das Trio in Jena. Dort fragte er an, ob Thüringer Neonazis nicht den "Saalschutz" für eine Veranstaltung in Niedersachen übernehmen könnten. Auch Kontakte mit dem Thüringer Spitzel Tino Brandt sind aktenkundig.

Die Akten wurden vernichtet

Der V-Mann-Führer von "Tarif" soll seiner Quelle sogar einmal beim Redigieren einer Ausgabe des "Sonnenbanners" geholfen haben. Hans-Christian Ströbele, der als Obmann der Grünen dem NSU-Untersuchungsausschuss angehörte, fordert daher weitere Aufklärung: "Wir hätten doch V-Leute im Ausschuss hören sollen und mehr von den V-Mann-Führern. Diese waren wohl mehr verstrickt und müssen viel mehr über das Nazi-Trio und deren Unterstützerszene gewusst haben - und damit wusste auch der Verfassungsschutz mehr."

Wenige Tage nach Auffliegen des NSU und just an dem Tag, an dem der Generalbundesanwalt die Ermittlungen übernahm, wurde die Akte "Tarif" mit anderen im Bundesamt geschreddert. Dass Lothar Lingen, der eigentlich anders heißt und für das Schreddern mitverantwortlich war, laut Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses zweimal mit "Tarif" befasst war, wirft Fragen auf. Zumal "Tarif" sich nach den Untergetauchten in der Szene erkundigen sollte.

Die Behörden kommen dennoch zu dem Schluss, dass "Tarif" wohl nicht über den NSU berichtet habe. Aussagen von BfV-Mitarbeitern und die nur teilweise rekonstruierten Dokumente sollen das belegen.

Die Linke-Mitglieder des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses verlangen nun eine vollständige Aufklärung des Falls. Sie wollen Akten anfordern und alle Verantwortlichen vernehmen, um die Rolle von "Tarif" zu untersuchen.

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