"Tatort"-Faktencheck Wie realistisch ist ein Wiedersehen nach so vielen Jahren?

14 Jahre lang war der Junge verschwunden - dann fand ihn seine Mutter zufällig wieder. Der Dortmunder "Tatort" widmete sich einer großen Angst vieler Eltern. Wie oft kommen solche Fälle wirklich vor?

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Als Kleinkind entführt: Jonas Stiehler (Patrick Mölleken, 2.v.l.) im "Tatort" aus Dortmund
WDR/ Wolfgang Ennenbach

Als Kleinkind entführt: Jonas Stiehler (Patrick Mölleken, 2.v.l.) im "Tatort" aus Dortmund


Das eigene Kind verschwindet und wird Opfer eines Verbrechens - diese Angst vieler Eltern thematisiert der Dortmunder "Tatort" "Hundstage". Ausgangspunkt der Handlung: Eva Dehlens (Maren Eggert) glaubt, ihren seit 14 Jahren vermissten Sohn Timmi auf der Straße zu erkennen.

Wie sich am Ende zeigt, hatte sie recht. Ihr Sohn wurde als Kleinkind im Park von einer anderen Frau entführt und unter dem Namen Jonas aufgezogen. Die Suche nach Tommi - unter der Leitung von Hauptkommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) - hatte die Polizei 14 Jahre zuvor erfolglos aufgegeben.

Wie realistisch ist der Fall? Der Faktencheck.

Wie viele Kinder werden in Deutschland vermisst?

Laut Bundeskriminalamt (BKA) waren zum Stichtag 1. Januar dieses Jahres 1178 vermisste Kinder bis 13 Jahre erfasst. Dazu kommen noch einmal rund 8000 Jugendliche. In dieser Statistik sind alle ungeklärten Fälle seit 1951 erfasst.

Wie viele Kinder tauchen wieder auf?

Jeden Tag werden nach Angaben des BKA im Schnitt 20 Kinder als vermisst gemeldet. Nur bei wenigen könne der Verbleib jedoch auch nach längerer Zeit nicht geklärt werden.

Das zeigt auch eine Datenauswertung aus dem September 2015. Demnach wurden im gesamten Jahr 2014 mehr als 7000 Kinder als vermisst registriert. Bis zum 24. September 2015 waren mehr als 97 Prozent dieser Fälle aufgeklärt:

Geht man noch weiter in der Zeit zurück, steigt die Aufklärungsquote auf annähernd hundert Prozent. So waren im September 2015 99,7 Prozent der Vermisstenfälle aus dem Jahr 2012 gelöst:

Als aufgeklärt gelten auch Vermisstenfälle mit einem tragischen Ende. Diese Einzelfälle bewegen die Öffentlichkeit besonders stark. Zuletzt etwa das Verschwinden zweier kleiner Jungen: Monatelang suchte die Polizei im vergangenen Jahr nach Elias aus Potsdam, wochenlang nach dem Flüchtlingsjungen Mohamed, der vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales entführt wurde - am Ende fanden die Ermittler die Leichen der Kinder. Ein 32-Jähriger gestand, sie beide getötet zu haben.

Die Fälle, in denen Kinder nur noch tot gefunden werden, sind glücklicherweise die Ausnahme.

Laut den Ermittlern sind Liebeskummer oder Probleme in der Schule häufige Anlässe dafür, dass Kinder abhauen und als vermisst gemeldet werden. In anderen Fällen sind die Eltern selbst verantwortlich: Bei einem Streit ums Sorgerecht kommt es immer wieder vor, dass ein Elternteil mit dem Kind flieht - manchmal auch ins Ausland, wo die deutschen Behörden keinen Zugriff haben.

Solange eine Gefahr "im polizeilichen Sinne" für das Kind nicht ausgeschlossen werden kann, bleiben diese Minderjährigen als ungelöster Fall in der Statistik. In der Regel gehe es ihnen jedoch gut, schreibt das BKA.

Dass ein Kind jahrelang verschwunden bleibt, kommt selten vor. Für die Eltern kann gerade die Ungewissheit extrem belastend sein. Im "Tatort" gibt die Mutter die Hoffnung nie auf - so wie in der Realität etwa die Eltern der seit Mai 2013 vermissten Maria aus Freiburg oder der 2007 verschwundenen Maddie McCann aus Großbritannien. Auch die Polizei sucht jahrzehntelang weiter. Erst nach 30 Jahren wird in Deutschland die Fahndung offiziell eingestellt.

Hitze-"Tatort" aus Dortmund

Gab es für den "Tatort"-Fall eine reale Vorlage?

Ein vergleichbarer Fall in Deutschland ist nicht bekannt, wie auch der Sprecher der Initiative Vermisste Kinder sagt. Zumal die Wendung, dass die Mutter ihren 14 Jahre lang vermissten Sohn auf der Straße trifft, sehr unwahrscheinlich ist.

Es gab aber international schon häufiger Fälle, in denen Kinder nach langer Zeit wieder aufgetaucht sind. Weltweit sorgte das Schicksal von Natascha Kampusch für Aufsehen. Die Österreicherin war im Alter von zehn Jahren verschleppt und acht Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten worden. 2006 gelang ihr im Alter von 18 Jahren die Flucht.

Dem "Tatort" noch näher kommen zwei Fälle aus Südafrika und der USA. Die Amerikanerin Carlina White war im Alter von 19 Tagen aus einem Krankenhaus in New York entführt worden. Sie fand 2011 nach 24 Jahren durch einen DNA-Test ihre leibliche Mutter wieder.

Auch die Südafrikanerin Zephany Nurse verschwand kurz nach ihrer Geburt aus dem Krankenhaus. Sie fand ihre leiblichen Eltern nach 17 Jahren - weil sie sich in der Schule durch Zufall mit ihrer eigenen Schwester angefreundet hatte. Ein DNA-Test brachte auch in diesem Fall Klarheit - genau wie im "Tatort".

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
nexus32 01.02.2016
1. Brillant
Wieder mal ein brillanter Tatort aus Dortmund. Glückwunsch zu diesem Highlight. Ich wünsche mir mehr davon.
annibertazeh 01.02.2016
2. Faktencheck zu TV-Krimis ....
.... sind albern. Was an einem Krimi wirklich von Bedeutung ist, ist doch keinesfalls eine Nähe zu einem realen Ereignis, sondern ob die Geschichte spannend erzählt und gut dargestellt ist. Ich warte auf den spannenden Film über die unberechtigte Aneignung einer Streichholzschachtel. Den schau' ich dann ganz gewiss an.
jjcamera 01.02.2016
3. Psychomacken
Eine Filmstory wird nicht dadurch besser, dass sie mit der Realität übereinstimmt. Wenn ein Film möglichst real sein soll, ist er fast immer auch langweilig, so wie dieser Tatort: Von ihrem Beruf angekotzte Ermittler mit Psycho-Dauerschaden, Alkoholsucht und Einsamkeitssyndrom, die sich gegenseitig nicht leiden können, stolpern durch einen Fall, der sich letztendlich ohne ihr Zutun - sie verbringen zu viel Zeit mit ihren eigenen Macken - löst. Von den seelischen Schäden, die der Verlust eines Kindes bei den Eltern auslöst, war hier nicht die Rede, oder ich hab' da 'was verpennt.
kritik2016 01.02.2016
4.
Leider nicht gut zum Aufhänger des Beitrags recherchiert: Mel Dehlens ist die Schwester, nicht die Mutter. Und der Junge heisst nicht Timmi, sondern Tommi.
savobemu 01.02.2016
5. Faktencheck zum Artikel
Mel Dehlens (Sinje Irslinger) war eher die Tochter, oder? Und hieß der Sohn nicht Tommi? Wo wir schon beim Fakten checken sind...
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