"Tatort"-Faktencheck Wie verwahrlost ist Kiel-Gaarden?

Im Kiel-"Tatort" wird ein vorbestrafter Pädophiler erschlagen. Dass er regelmäßig "Party mit Kindern" machte, interessierte offenbar niemanden im Brennpunktviertel Gaarden. Ein realistisches Bild sozialer Missstände?

Teenager im Kiel-"Tatort": Klischee oder Wahrheit?
ARD

Teenager im Kiel-"Tatort": Klischee oder Wahrheit?

Von


Mord im Kieler Stadtteil Gaarden: Mit einem Hammer erschlagen liegt der bekanntermaßen pädophile Sexualstraftäter Onno Steinhaus in seiner völlig verwahrlosten Wohnung. Die befindet sich in einem Block, der von Menschen bewohnt wird, die Klischees vom "sozialen Brennpunkt" abdecken: übergewichtige Muttis mit Hunden und hochtätowierte Säufer, die bei der Kleidung gern auf Hemden verzichten.

Der tote Kinderschänder bewirtete die Jugendlichen regelmäßig in seiner Absteige, füllte sie mit Alkohol ab. Liegt es da nicht nahe, dass er sich auch an ihnen vergriff? Wenn das so wäre, könnte der Alte Opfer eines Rachemordes geworden sein.

Die Jugendlichen haben nur eine Konkurrenz, wenn es um Mitverdächtige geht: den Getto-Sheriff in Uniform. Tatsächlich, so erfahren wir, ist auch der ein Opfer, wurde einst vom späteren Mordopfer missbraucht. Einen Rächer aber hat das nicht aus ihm gemacht, weil er auch Jahre nach dem Missbrauch noch positive Gefühle für seinen Peiniger hegt. So weit, so deprimierend - aber ist das alles auch realistisch?

Pädophilie-"Tatort" aus Kiel
Deutsche Brennpunkte: Kinder und Armut

Drehort Gaarden Ost: Knapp 20.000 Einwohner hat dieser Stadtbezirk, der zu den ärmsten im Norden zählt. Die statistisch erfassbaren Kennzahlen des Stadtteils spiegeln einen sozialen Albtraum wider, wie die letzten, 2013 veröffentlichten Sozialraumdaten aus Kiel dokumentieren:

  • Arbeitslosenquote: 17,9 Prozent
  • Altersarmutsquote: 21 Prozent
  • Kinderarmutsquote: 60,2 Prozent
  • Haushalte mit Grundsicherung: 41 Prozent
  • Sozialgeldempfänger: 58,4 Prozent
  • Quote verhaltensauffälliger Schüler: 40,6 Prozent
  • Quote Kinder/Jugendliche mit Migrationshintergrund: 64,5 Prozent.

Dazu kommt eine deutliche Überalterung des Stadtteils, wenig Kinder, viele davon werden von Alleinerziehenden betreut. Keine Frage: Gaarden ist ein hartes Pflaster. Einen niedrigen Wert misst die Stadtstatistik nur bei der Zahngesundheit von 31,3 Prozent - weniger gesunde Kindergebisse gibt es nirgendwo in Kiel.

Es ist ein Blick in eine deutsche Realität, die öffentlich selten thematisiert wird. Aber Gaarden gibt es natürlich überall: Viertel von Mittelstadt-Größe, die mit ähnlichen, wenn nicht sogar schlimmeren Kennzahlen zu beschreiben sind, findet man im Ruhrgebiet wie in Mannheim, in Berlin wie Cottbus.

Wie arm ist arm?

In Berlin bezogen Ende 2013 satte 19,4 Prozent aller Bürger Leistungen zur sozialen Mindestsicherung (Quelle: Statistisches Bundesamt). Neben Versorgungsleistungen zählen dazu auch Aufstockungen für Einkommensschwache.

Insgesamt gelten 15,5 Prozent aller Deutschen als armutsgefährdet, überproportional betroffen sind dabei Familien mit Kindern. Dazu der Deutsche Kinderschutzbund: "In Deutschland leben über 2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut. Dies entspricht etwa 19,4 Prozent aller Personen unter 18 Jahren."

Die Bundeszentrale für politische Bildung relativiert: "Armut und Kinderarmut sind relativ. In Deutschland leiden arme Kinder in der Regel weder Hunger noch Durst, haben ein eigenes Bett und gehen zur Schule. Hier zeigt sich Armut in anderen Formen: als eingeschränkte materielle Grundversorgung, in verminderten Bildungschancen, schlechterer Gesundheit und geringerer sozialer Teilhabe."

Doch was heißt "eingeschränkt" oder "vermindert" hier konkret?

Als Armutsgefährdet gilt in Deutschland derjenige, dessen Einkommen unterhalb von 856 Euro im Monat liegt, arm ist man offiziell ab 571 Euro abwärts. Macht knapp 19 Euro Netto am Tag, inklusive aller Lebenshaltungskosten: Auch "relative Armut" ist ein relativer Begriff. Für zu viele Menschen ist es ein täglicher Albtraum.

Fotostrecke

11  Bilder
Borowski-"Tatort": Der Kampf der Straße
Keiner kümmert sich?

Besonders erschüttert ist Ermittler Borowski von einer Nachbarin, die offenbar davon wusste, dass der getötete Pädophile "Party mit Kindern" machte und nichts unternahm. Das Mordopfer zeigte seinen minderjährigen Gästen Pornos, füllte sie mit Alkohol ab, niemand hinderte ihn. Das orientiert sich an einem echten Fall aus Berlin: Auch da endete die Tragödie mit der Ermordung des Pädophilen durch eines seiner kindlichen Opfer. So schwer das zu glauben ist, spiegelt der "Tatort" hier also Realität - wenn auch eine extreme Facette.

Fraglich ist, ob der reale Fall auf Kiel übertragbar ist. Solche Formen totaler sozialer Verwahrlosung sind keine Seltenheiten - sie sind aber stark abhängig von den Milieus, in denen Menschen leben. Eine kiezhafte Siedlung, in der sich Nachbarn in die Fenster schauen und in einem überschaubaren Wohnumfeld treffen, ist für so einen Fall eine weniger glaubhafte Kulisse als eine Satellitensiedlung, in der soziale Isolation häufiger ist.

Sexueller Missbrauch von Minderjährigen wird häufig angezeigt. Die Polizeiliche Kriminalstatistik des BKA weist für 2013 unfassbare 14.610 Fälle aus, in denen ermittelt wurde. Man geht darüber hinaus von einer erheblichen Dunkelziffer aus. Und die ist in einkommensschwächeren Milieus möglicherweise größer als in anderen (siehe unten).

Ambivalente Gefühle: Opfer mit Tätersympathien?

Dass der kernige "Platzhirsch"-Polizist Rausch sich am Ende als Opfer erweist, das den Täter noch immer ein wenig liebt, irritiert. Es ist aber tatsächlich ein bekanntes Muster: Die meisten Täter, die Kinder missbrauchen, sind vertraute Erwachsene, zu denen die Kinder eine emotionale Verbindung haben - Verwandte, gute Freunde der Familie und andere Vertrauenspersonen. Die Gefühle der Opfer sind entsprechend ambivalent. Oft schaffen sie es erst im Erwachsenenalter, den Missbrauch als erlittenes Verbrechen zu thematisieren.

Und auch hier spielen wieder die Milieus eine Rolle. 51,5 Prozent aller Opfer sexuellen Missbrauchs, die sich zwischen Sommer 2010 und 2011 bei der von der Bundesregierung geschaffenen Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs gemeldet hatten, hatten Fach- oder allgemeines Abitur. Die Abiturquote in der Gesamtbevölkerung ist nur halb so hoch.

Das heißt natürlich nicht, dass Missbrauch in gebildeten Schichten häufiger wäre - er wird in einkommensschwachen Milieus nur seltener angezeigt: je niedriger der Grad der schulischen Qualifizierung, desto geringer die Meldequote.

Es mag also eine Korrelation zwischen relativer Armut und dem Vorgehen gegen Missbrauch geben. Man kann das auch als eine Facette des Grundproblems verstehen, das der "Tatort" sehr gut beschreibt: Armut geht mit Vernachlässigung der Bedürfnisse Heranwachsender einher - in vielerlei Beziehung.

Dem Krimi gelingt damit die Thematisierung wichtiger Fragen. Wie stringent, logisch oder glaubhaft er ansonsten war, steht auf einem ganz anderen Blatt.



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
h.klinge-klinge 29.03.2015
1.
Also ich persönlich würde mich nicht als im Kopf verwahrlosten Menschen sehen und schaue trotzdem Tatort. Immerhin scheint dass ja aber ein Thema zu sein was auch nicht Tatortgucker anspricht...
Spieegel 29.03.2015
2.
Ich glaube, das hängt ein wenig vom Betrachtungswinkel ab. Ich persönlich finde Gaarden schön und vor allem lebendig, dort spielt sich das Leben ab. Klar, es hat auch seine eindeutigen Schattenseiten, aber die gehören ebenso zu Gaarden. Ich habe mir auch den Tatort angesehen, weil es sich um Gaarden drehte. Im Film haben sie im wahrsten Sinne des Wortes die hässlichsten Häuser von Gaarden gezeigt (Kieler Straße), mausgrau und heruntergekommen.
Job Killer 29.03.2015
3. schön bunt in Gaarden
Ich hab' den Kieler Tatort nicht gesehen. Kamen auch verrußte Fassaden ins Bild? Dort brennt's nämlich andauernd. Aktuell gibt's mehr Fälle als "normalerweise", und die Polizei hat's schwer, weil's offenbar viele verschiedene Täter sind, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Die Mieten in Gaarden drücken den Mietspiegel übrigens ganz ordentlich.
miruwa 29.03.2015
4. Heftig, heftig
In Berlin ist es also ganz schön rot. Während es in Tübingen wohl eher orange ist? Da würd ich dann schon lieber wohnen. Passt besser zu meiner Wohnzimmereinrichtung. Worum gehts in dieser netten Grafik nochmal?
horsteddy 30.03.2015
5. Klischee
So stellen sich die Mittelschichtfuzzies die Viertel der Armen vor. Absolute Kluschees mit einem "Borowski", der wie Falschgeld durch den Krimi stapft und mit halber Lunge flüstert, dass ich den verdammten Fernseher voll aufdrehen muss.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.