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Neonazi-Krimi aus Dortmund: Wie realistisch war der "Tatort"?

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"Tatort"-Szene: Rechtes Zentrum von Westdeutschland Zur Großansicht
ARD

"Tatort"-Szene: Rechtes Zentrum von Westdeutschland

Neonazis tragen lange Haare, Staatsanwälte werben Informanten für den Verfassungsschutz, Polizisten kooperieren mit der rechten Szene: Hatte der "Tatort" aus Dortmund einen wahren Kern? Der Faktencheck.

Bevor der Schauspieler Jörg Hartmann die Rolle als "Tatort"-Kommissar Peter Faber übernahm, studierte er intensiv die Polizeiarbeit. So echt wie möglich wollte Hartmann als TV-Ermittler sein, "politisch unkorrekt, wund, porös", wie er SPIEGEL ONLINE damals sagte. Und über weite Strecken gelingt dieses Streben nach Authentizität auch in dem neuesten Dortmunder Fall.

Die Neonazi-Szene, in der die Geschichte spielt, wird bestimmt von schmalen, smarten Typen. Vorbei sind die Zeiten, in denen bullige Rechtsextremisten Springerstiefel tragen und kahlrasierte Köpfe haben mussten. In der Tat wird das Dortmunder Milieu seit Jahren dominiert von ebensolchen Kerlen. Sie tragen Kapuzenpullover, schwarze Baseball-Kappen, Palästinensertücher und Sonnenbrillen, manche haben Abitur und studieren mitunter.

Dennis Giemsch heißt deren Anführer, er hat das Modell der "Autonomen Nationalisten" im östlichen Ruhrgebiet populär gemacht. Sein Alter Ego Kai Fischer stirbt zu Beginn der jüngsten "Tatort"-Ausgabe. Giemsch betrieb lange Zeit einen einschlägigen Versandhandel, inzwischen sitzt der Informatikstudent für die extremistische Partei "Die Rechte" im Dortmunder Stadtrat. Ähnlich wie im Film ist ihm der Schulterschluss mit den Proll-Neonazis um Siegfried Borchardt, genannt "SS-Siggi", gelungen.

Dortmund gilt seit geraumer Zeit als rechtes Zentrum im Westen der Republik. "Gerade in Dortmund haben wir uns oft gewundert, wie es sein kann, dass wir solche Dinge tun wie körperliche Angriffe auf Antifaschisten, ohne dass es Konsequenzen gegeben hat. Dass wir entweder gar nicht festgenommen wurden, es gar nicht zur Anzeige kam", sagte ein Aussteiger einmal dem WDR. Vor einigen Wochen suspendierte der Polizeipräsident einen seiner Beamten, weil der einer rechten Gruppierung angehören und die Verfassung ablehnen soll.

Unrealistisch wird der "Tatort" allerdings, als es um das Anwerben von V-Leuten in der rechten Szene geht. Im Film versucht der zuständige Staatsanwalt auf Anweisung des Verfassungsschutzes und vorbei an der Polizei, Informanten zu gewinnen. Völliger Humbug: Das Führen von Quellen in kriminellen Szenen ist eine Aufgabe, die ausschließlich Polizei und Nachrichtendienste wahrnehmen (und beherrschen). Die Staatsanwaltschaften kommen höchstens in einem konkreten Ermittlungsverfahren ins Spiel, wenn es darum geht, einem Informanten Anonymität auch vor Gericht zuzusichern.

Ein weltfremder Evergreen diverser "Tatort"-Ausgaben ist auch der Umstand, dass Staatsanwälte die Polizisten behandeln, als seien sie deren unmittelbare Vorgesetzte. So auch in dieser Dortmunder Folge, in der Ermittler Daniel Kossik direkt vom Vertreter der Justiz in einen Zwangsurlaub geschickt wird. Dramaturgisch mag das sinnvoll sein, realistisch ist es ganz und gar nicht.

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insgesamt 58 Beiträge
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1. Endlich
randhesse 11.01.2015
Endlich mal wieder ein Tatort, der seine Story ernst nimmt, und sich nicht bloß von Kalauer zu Kalauer hangelt. Obwohl ich über einige Situationen dennoch laut gelacht habe. Rundum Gelungen, nachdem die ersten Folgen um "Faber und Team" noch eher so "Naja" waren, mausert sich Do. langsam zum "Freu mich drauf"- Team.
2. Nette, unglaubwürdige Reminiszens...
vaikl 11.01.2015
...an die guten, alten Erik-Ode-Kommissar/Der Alte-Serienkrimis war der Obdachlose in der (Hochofen-)Ruine, der das entscheidende Handy zufällig unter seiner Matratze bunkerte. Wenn ich mich richtig erinnere, kam das in den o.g. Serien so ähnlich in jeder fünften Folge vor;-) Ansonsten muss ich als Dortmunder konstatieren, dass der Drehbuch-Autor diesmal allein durchs Abschreiben und Zusammenkleben von Nazi-relevanten Artikeln aus der Lokalpresse zu einer Art Würfelstory einen echt lockeren Job hatte. Der Themenbereich BvB/Nazis wäre allerdings noch ausbaufähig gewesen...
3. Ups, der Tatort war sogar richtig böse...
narit 11.01.2015
und als Dortmunderin weiß ich, wovon ich spreche. Man konnte Personen definitiv zuordnen und endlich war sogar mal die Polizei gar nicht mehr unschuldig. Naja, es ist ein Film, nicht mehr und nicht weniger, aber ich finde, es wurde sich wirklich Mühe gegeben mit den Dortmunder Verhältnissen. Sonst müsste man eine über 20 Jahre dauernde Dokumentation der Dortmunder Naziszene drehen - und wer will das schon zugeben?
4. Es ist auch völliger Humbug,...
kölsche jung 11.01.2015
...dass eine hochschwangere Frau in einer Kinderbetreuungseinrichtung arbeitet. Üblicherweise ist dies aufgrund von Infektionsgefahr nicht der Fall, schwangere Erzieherinnen gehen relativ früh in den vorgezogenen Mutterschutz.
5.
rainer82 11.01.2015
Die brutale Macht der rechtsextremen Szene wurde sehr realistisch dargestellt. Das ist deutscher Alltag anno 2015! Und die schweigende Mehrheit sieht nur zu und tut nichts dagegen.
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