Mordprozess in München Tödliche Gesellschaft

Am Tegernsee wird die Villa einer Millionärin ausgeräumt, die greise Besitzerin stirbt unter mysteriösen Umständen. Mittlerweile ist sich die Staatsanwaltschaft sicher: Es war Mord. Im Verdacht steht die Pflegerin.

Standfigur von Ludwig II. am Nordufer des Tegernsees (Archiv)
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Standfigur von Ludwig II. am Nordufer des Tegernsees (Archiv)

Aus München berichtet


Es ist der Albtraum vieler alter Menschen: Weil man hilfsbedürftig ist, lässt man einen Fremden in sein Leben, vertraut ihm - doch der vermeintliche Helfer nutzt die eigene Arglosigkeit aus.

Auch die Millionärin Barbara B. vertraute mutmaßlich der Falschen. Seit 2013 lebte die frühere Antiquitätenhändlerin in einem Pflegeheim, ihre luxuriöse Villa im oberbayerischen Kreuth am Tegernsee behielt sie jedoch. Im Sommer 2014 dann stellte die damals 93-Jährige, die von Freunden und Bekannten nur "Betty" genannt wurde, Renate W. an. Die heute 53-jährige gelernte Bürokauffrau aus dem Landkreis München war nicht nur ihre Pflegerin und Büromanagerin - sie war auch deren Gesellschafterin, vertrieb der Witwe die Langeweile.

Für die kinderlose und nach dem Tod ihres Mannes wohl zunehmend einsame alte Frau war Renate W. so etwas wie das Mädchen für alles.

Mordmotiv: Habgier

Doch folgt man der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft zum Prozessauftakt am Freitag in München, bezahlte die oberbayerische Millionärin ihr Vertrauen nicht nur mit weiten Teilen ihres Vermögens - sondern mit ihrem Leben.

Barbara B. starb im März 2016 in einer Palliativstation eines Krankenhauses. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Renate W. soll die damals 95-jährige wehrlose Frau im Klinikzimmer mit einem Kissen oder einer Decke erstickt haben.

Das angebliche Motiv: Habgier - und laut Ermittlern die Hoffnung, von ihr begangene Diebstähle im großen Stil zu vertuschen.

Renate W. im Gespräch mit ihren Anwälten
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Renate W. im Gespräch mit ihren Anwälten

Ab Ende 2015 litt Barbara B. unter einer sich rasch verschlimmernden Demenz. Renate W. soll in den folgenden Wochen mithilfe dreier Komplizen aus deren Luxus-Anwesen Kunstgegenstände und anderes Vermögen im Wert von 1,1 Millionen Euro gestohlen haben. W. soll sich dazu den Schlüssel der alten Dame angeeignet haben.

Mit dem Mord habe Renate W. verhindern wollen, dass Barbara B., die nicht ansprechbar auf der Palliativstation lag, nach einer möglichen Genesung noch einmal in ihre Villa zurückkehre, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. B. habe zuvor mehrfach geäußert, sie wolle wieder zurück nach Kreuth ziehen.

Eine Welt voll Luxus

Renate W. hatte sich ein Bett in das Krankenzimmer der 95-Jährigen stellen lassen. Sie habe gewusst, dass die Schwestern nur etwa alle zwei Stunden in das Zimmer der Patientin kamen. Gleichzeitig habe Renate W. ermöglichen wollen, weitere sich noch im Haus des Opfers befindliche Wertgegenstände zu entwenden, sagt Staatsanwältin Cathrin Rüling am ersten Prozesstag am Freitag im Landgericht München II.

Fast zwei Stunden dauert das Verlesen der Anklageschrift. Mehr als 700 mutmaßlich von W. und mehreren Komplizen entwende Gegenstände muss Rüling auflisten - darunter teure Juwelen, Heiligenfiguren, Ölgemälde, Nerze und Teppiche. Auch königliche Geschenkdosen, die alleine mehrere Zehntausend Euro wert sein sollen, sollen beiseitegeschafft worden sein.

Das Verfahren gewährt auch Einblicke in eine Welt voll Luxus: Von Wasser-, Sekt und Weingläsern für viele Tausend Euro ist da etwa die Rede.

Exhumiert und obduziert

Nach dem Tod der alten Dame, den die Staatsanwaltschaft ausschließlich Renate W. zur Last legt, sollen die Vier die Villa weiter fleißig ausgeräumt haben. Mehrfach sollen mit Kunstgegenständen vollgepackte Sprinter von deren Anwesen weggefahren sein. Deshalb hatten Nachbarn die Polizei angerufen.

Sonst wäre es möglicherweise niemals herausgekommen, dass der Tod von Barbara B. Gerichtsmedizinern zufolge kein natürlicher war. Zunächst war der Leichnam der reichen Rentnerin ganz normal bestattet worden - doch zwei Wochen nachdem die Polizei die Diebesbande festgenommen hatte, wurde ihr Körper exhumiert und obduziert. Doch erst eine zusätzliche Untersuchung machte die Ermittler stutzig. Der Befund: Frische Gitterfaser-Zerreißungen in der Lunge.

Der auf 16 Verhandlungstage festgesetzte Prozess soll nun klären, ob B. tatsächlich erstickt wurde und wer hinter der Tat steckt.

Vor dem Prozess hatte der Anwalt von Renate W. den Mordvorwurf zurückgewiesen. W. schweigt zu den Beschuldigungen, spricht jedoch über ihr Leben. "Meine Kindheit war schön", sagt sie. Die Mutter zweier Kinder litt längere Zeit unter Depressionen, nimmt auch im Gefängnis Medikamente. Während die Anklageschrift verlesen wird, wirkt sie teils regungslos, schüttelt manchmal ungläubig den Kopf. Einmal sackt sie mit geschlossenen Augen länger zusammen.

"Ein Allroundjob"

Sie habe gerne älteren Menschen geholfen, teils ehrenamtlich - teils gegen Bezahlung. "Das ist ein Allroundjob", sagt Renate W. Sie habe ihnen vorgelesen, für sie Briefe geschrieben oder Reisen gebucht.

Ein Hausmeister und der Ehemann von Renate W., die beim Ausräumen der Villa geholfen haben sollen, schweigen vor Gericht zu den Anklagepunkten. Ein ebenfalls wegen der Diebstähle beschuldigter Antiquitätenhändler (68) lässt die Vorwürfe durch seinen Anwalt bestreiten.

Bis März will das Gericht nun klären, was 2016 in der Villa und der Klinik wirklich geschah.

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