Organisierte Kriminalität Wie die Callcenter-Mafia Millionen Euro erbeutet

Sie geben sich am Telefon als Polizisten, Staatsanwälte, Richter aus und zocken vor allem Senioren ab. Wie systematisch die türkische Callcenter-Mafia ihr kriminelles Geschäft betreibt, beschreibt eine LKA-Analyse.

Betagter Mann am Telefon
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Betagter Mann am Telefon

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Die Gewehrkugeln verfehlten die Streifenbeamten nur knapp. Ohne Vorwarnung eröffnete der 90-Jährige das Feuer, als zwei Polizisten Anfang Februar vor seinem Haus in einem Örtchen im Taunus auftauchten. Warum der Senior schoss? Betrüger der sogenannten Callcenter-Mafia hatten ihn zuvor so massiv unter Druck gesetzt und dermaßen verwirrt, dass er völlig verängstigt war.

Die Kriminellen hatten sich am Telefon als Polizisten ausgegeben und dem Mann eingeredet, eine Einbrecherbande sei in der Nachbarschaft unterwegs, er müsse sein Vermögen schnell in Sicherheit bringen. Mehrere Tausend Euro legte der Senior wie befohlen vor seiner Haustür ab und wählte den Notruf. Als die Betrüger während eines weiteren Telefonats mitbekamen, dass echte Polizisten eingetroffen waren, drängten sie den Mann zur Schussabgabe: Die Einbrecher stünden jetzt vor seiner Tür, sagten sie, er müsse sich mit seiner Waffe verteidigen. In Panik drückte der Rentner ab. Ein beinahe tödliches Verwirrspiel.

Die perfide Manipulation des Mannes hat Methode, wie aus einer internen Analyse des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts (LKA) hervorgeht. In dem "Auswerteprojekt 'Falsche Amtsträger'" haben sich die Beamten jetzt erstmals intensiv mit dem Phänomen des Callcenter-Betrugs befasst, bei dem Anrufer sich als Polizisten, Staatsanwälte oder Richter ausgeben und gezielt versuchen, Senioren um ihr Vermögen zu bringen. Dazu werteten sie 9000 Fälle aus NRW aus dem Jahr 2017 aus. Der 30-seitige Abschlussbericht des LKA liegt dem SPIEGEL vor. Demnach ist die Zahl der Fälle in den vergangenen Jahren "deutlich angestiegen", die Aufklärungsquote verharrt hingegen bei desaströsen 1,6 Prozent. Das Risiko, erwischt und zur Rechenschaft gezogen zu werden, ist verschwindend gering.

Betrüger täuschen falsche Telefonnummern vor

Zumal die Täter arbeitsteilig vorgehen. Sogenannte Keiler telefonieren aus Callcentern im türkischen Izmir oder Antalya Listen mit Nummern von Senioren ab, die sie vorher gekauft haben. Adresshändler gelangen an diese Daten häufig mit Gewinnspielen oder Preisausschreiben. Die Keiler geben sich als Beamte aus und versuchen den Angerufenen weiszumachen, dass ihr Vermögen in Gefahr sei.

Im Video: Die Tricks der türkischen Callcenter-Mafia

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Häufig erfinden sie Geschichten von Diebesbanden, die angeblich in der Nachbarschaft ihr Unwesen trieben. In einigen Fällen lockten sie mit falschen Notrufen sogar echte Polizisten in die Umgebung ihres potenziellen Opfers, um ihre Legende glaubhafter zu machen.

Aus demselben Grund erzeugen sie über ein technisches Verfahren, das Call-ID-Spoofing, Telefonnummern, die der Notrufnummer 110 ähneln. Diese künstlich erzeugten Nummern erscheinen dann bei den Opfern im Display und sollen die Glaubwürdigkeit der Täter erhöhen. Zu diesem Zweck werden auch Telefonkonferenzen mit anderen vermeintlichen Amtsträgern organisiert oder die Gespräche an angebliche Vorgesetzte übergeben.

Sind die Angerufenen hinreichend verängstigt und irritiert, kommen die sogenannten Abholer ins Spiel. Sie nehmen das Geld oder die Wertgegenstände in Empfang, die vermeintlich in Sicherheit gebracht werden sollen. Während die Keiler laut LKA vor allem türkische Staatsbürger sind oder einen entsprechenden Migrationshintergrund haben, treten als Abholer überwiegend Deutsche auf. Sie hätten die "risikoreichste Aufgabe und sind austauschbar", konstatieren die Kriminalisten. Sie bekämen als Lohn bis zu zehn Prozent der erbeuteten Summe. Die Abholer übergeben das Geld demnach an Kuriere oder sogenannte Finanzagenten, die es wiederum ins Ausland schaffen. (Lesen Sie hier unsere Recherche über einen türkischen Callcenter-Paten.)

BKA schätzt Gesamtschaden auf dreistelligen Millionenbetrag

Allein in Nordrhein-Westfalen erbeuteten die falschen Polizisten im vergangenen Jahr nachweislich mehr als sieben Millionen Euro. Das ist aber wohl nur ein Bruchteil der tatsächlichen Schadenssumme, denn das Dunkelfeld nicht angezeigter Taten ist groß. Häufig schweigen die Opfer aus Scham oder Angst.

Zum Vergleich: In Bayern entstanden nach Auskunft des Münchner LKA im Jahr 2017 rund elf Millionen Euro Schaden. Die jährliche Gesamtbeute der "falschen Polizisten" schätzt das Bundeskriminalamt (BKA) auf einen dreistelligen Millionenbetrag, das Geschäft boomt. Dabei dürfte die Schadenssumme die von altbekannten Telefonbetrügereien wie dem Enkeltrick bei Weitem übersteigen.

Der Analyse des Düsseldorfer LKA zufolge sind drei von vier Opfern weiblich, häufig um die 80 Jahre alt. Die Kriminalbeamten vermuten, dass hier auch Demenzerkrankungen eine Rolle spielen könnten. Die Täter, jedenfalls die 156 identifizierten des vergangenen Jahres, sind nach Erkenntnissen des LKA vorher schon wegen Drogen-, Gewalt- und Betrugsdelikten auffällig geworden. Bislang Unbescholtene versuchen sich kaum einmal in diesem schmutzigen Geschäft.

Ermittler arbeiten oft nebeneinander her

Die Kriminalisten konnten mehrere Tätergruppierungen identifizieren, die für die meisten der betrügerischen Anrufe in Deutschland verantwortlich sein sollen:

Die Ermittlungen gegen "falsche Polizisten" gestalten sich jedoch schwierig. Schnell stoßen die Beamten an rechtliche und politische Hürden. Die Drahtzieher sitzen in der Türkei, Rechtshilfeersuchen über Justizbehörden sind häufig kompliziert und langwierig. Wenn überhaupt, erwischen die Behörden die Abholer der Beute, die meist wenig wissen und schnell ersetzt sind.

Doch die Probleme in der Strafverfolgung von Callcenter-Betrügern sind auch hausgemacht. So beklagt das nordrhein-westfälische LKA in seinem Papier, dass es an zentralen Ermittlungen fehle. In vielen Dienststellen bundesweit arbeiteten Kriminalisten nebeneinander her, ohne dass sie voneinander erführen. Im Klartext: Überall im Land ermitteln Beamte gegen dieselben Täter - oft ohne dass sie voneinander wissen und sich abstimmen können. Effizient ist das nicht.

Bundesländer sehen das BKA in der Pflicht

Aufgrund der fehlenden Koordinierung im föderalen Polizei- und Justizsystem würden Zusammenhänge häufig nicht erkannt, bemängelt das LKA. Währenddessen "verfestigen und vergrößern sich die Täterstrukturen in der Türkei". Wenn Erkenntnisse endlich zentral zusammengefasst und ausgewertet würden, ließe sich nicht nur die Aufklärungsquote steigern, man komme womöglich auch besser an die Hintermänner der Organisationen heran, hoffen die Beamten aus NRW. Andere Landeskriminalämter teilen diese Einschätzung - und sehen das BKA in der Pflicht.

Auf Anfrage verweist das BKA auf seine Bemühungen um einen verbesserten Informationsaustausch mit der Türkei. Man unterstütze die Landesdienststellen bei deren Ermittlungen. "Darüber hinaus wurden gezielte Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung weiterer Straftaten umgesetzt", teilt das BKA schriftlich mit.

Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte das Problem der vielen Parallelermittlungen gegen "falsche Polizisten" übrigens schon vor fast vier Jahren angesprochen. Gelöst wurde es bis heute nicht.


Zusammengefasst: Eine interner Bericht des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen analysiert Betrugsfälle, bei denen sich Anrufer als Polizisten, Staatsanwälte oder Richter ausgeben, um Senioren um ihr Vermögen zu bringen. Die Auswertung von 9000 Fällen aus dem vergangenen Jahr identifiziert erstmals Tätergruppen: Rocker der Hells Angels etwa oder Mitglieder einer polizeibekannten Großfamilie. Allein in NRW wurden 2017 mit der Masche mindestens sieben Millionen Euro erbeutet, bundesweit wohl ein dreistelliger Millionenbetrag. Ermittler arbeiten oft nebeneinander her, ohne Informationen auszutauschen. Auch deshalb ist das Risiko für die Täter gering: Die Aufklärungsquote liegt bei gerade einmal 1,6 Prozent.

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