Missbrauch in Telford "Ausbeutung der Schwächsten unserer Gesellschaft"

Im englischen Telford sollen jahrzehntelang Mädchen sexuell ausgebeutet worden sein. Das genaue Ausmaß ist unklar, inzwischen haben sich weitere mutmaßliche Opfer an die Polizei gewandt - und an eine Politikerin.

Telford (Archiv)
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Telford (Archiv)


Politik und Öffentlichkeit sind alarmiert - seit der "Sunday Mirror" über einen Missbrauchsskandal in der mittelenglischen Stadt Telford berichtet hat. Die britische Regierung kündigte eine unabhängige Untersuchung der Fälle an.

Die konservative Abgeordnete Lucy Allan aus dem Wahlkreis in den Midlands sagte am Wochenende der BBC, "viele junge Mädchen" hätten sich in den vergangenen Tagen bei ihr gemeldet und von Übergriffen berichtet. Ihr E-Mail-Postfach sei "überflutet worden" mit solchen Schilderungen.

Die Zeitung "Sunday Mirror" hatte am vorvergangenen Wochenende berichtet, in Telford seien seit den Achtzigerjahren bis zu tausend Mädchen - darunter auch Elfjährige - und Jugendliche von Banden vergewaltigt, geschlagen und für Sex verkauft worden. Einige der Opfer seien sogar ermordet worden.

Polizeichef nennt Berichte "sensationsheischend"

Das Medium hat eigenen Angaben zufolge 18 Monate lang recherchiert. Demnach hätten organisierte Gruppen vorwiegend asiatischer Männer weiße, verletzliche Jugendliche vor allem aus prekären Verhältnissen im Visier gehabt.

Die Zeitung warf der Polizei und den zuständigen Behörden vor, Hinweisen auf den Missbrauchsskandal nicht nachgegangen zu sein. Einige der missbrauchten Minderjährigen seien als "Prostituierte" abgestempelt worden. In dem Bericht des "Sunday Mirror" kamen Opfer zu Wort, die von Gruppenvergewaltigungen, erzwungenen Abtreibungen und Drohungen berichteten.

Der für die Grafschaft Shropshire und damit auch Telford zuständige Polizeichef Tom Harding bezeichnete das berichtete Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der vergangenen Woche als "sensationsheischend". Er glaube nicht, dass Telford "schlimmer ist als irgendein anderer Ort in England oder Wales", sagte er der BBC. Die Polizei in Telford und die örtlichen Behörden gingen von etwa 46 jungen Menschen aus, die entweder sexuell ausgebeutet worden seien oder Gefahr liefen, Opfer zu werden.

"Schrecklicher Fall von Ausbeutung"

Die nun eingeleitete Untersuchung soll laut Innenministerium klären, wie die Behörden die Opfer hätten schützen können. Es gehe auch um "Lektionen für die Zukunft", sagte eine Ministeriumssprecherin. Es handle sich um einen "absolut schrecklichen Fall von Ausbeutung der schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft". Premierministerin Theresa May sprach von einem "schrecklichen Fall", der sie schockiere.

Die Abgeordnete Allan sagte, sie habe bereits 2016 nach ersten Berichten auf Ermittlungen gedrungen. Doch die örtlichen Behörden hätten damals gesagt, es gebe keinen Handlungsbedarf.

Telfords stellvertretender Polizeipräsident Martin Evans sagte der BBC am Wochenende, er sei erfreut, dass "eine kleine Anzahl an Opfern" das Vertrauen gehabt habe, sich zu melden. Sie würden nun angemessen unterstützt. Evans rief weitere mögliche Opfer oder Zeugen auf, sich bei der Polizei zu melden.

Seit 2016 habe eine Ermittlungseinheit zu sexuellem Missbrauch von Kindern 56 Menschen festgenommen, sagte Evans. Es sei zu 29 Anklagen gekommen, einige Ermittlungen würden noch andauern.

Ähnliche Fälle in mehreren englischen Städten

2012 waren sieben Männer eines Zuhälterrings in Telford zu teils langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Dutzende Mädchen seien zwischen 2007 und 2009 möglicherweise Opfer der Bande geworden, hieß es von Ermittlern.

In Großbritannien wurden in den zurückliegenden Jahren Fälle sexueller Ausbeutung in großem Stil aufgedeckt. In Rotherham waren Ermittlungen zufolge mindestens 1400 Kinder zwischen 1997 und 2013 sexuell ausgebeutet worden. Fast alle Mitglieder des Netzwerks hatten pakistanische Wurzeln, waren aber in Großbritannien geboren. Die Mädchen und Frauen erhielten Alkohol, Cannabis, Kokain und andere Drogen und wurden danach von älteren Männern missbraucht.

Eine weitere Bande flog vor wenigen Jahren in Rochdale auf. Sie hatte Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren vermittelt. 2017 wurden 18 Mitglieder eines Missbrauchsrings in Newcastle verurteilt.

wit/dpa/AFP



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