Urteil im Spaghettimonster-Prozess Ausgenudelt

Darf die Spaghettimonster-Kirche auf Schildern für ihre Gottesdienste werben? Nein, hat nun ein Gericht entschieden. Der kuriose Fall wirkt wie ein Satire-Coup - dabei geht es um eine sehr ernste Frage.

DPA

Sie treffen sich jeden Freitag um zehn Uhr. Dann feiern die Angehörigen der "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" im brandenburgischen Templin ihren Gottesdienst, natürlich nach angemessenem Zeremoniell: Piratenkappen als Kopfbedeckung sind die Regel, alternativ akzeptieren die Gläubigen auch Nudelsiebe.

Als wäre all das nicht schon kurios genug, haben die selbsternannten Pastafaris auch Hinweisschilder an allen vier Ortseingängen in Templin angebracht: Darauf weisen sie wie andere Glaubensgemeinschaften auf ihre Gottesdienstzeiten hin. Der Brandenburger Landesbetrieb Straßenwesen wehrte sich jedoch gegen diese Schilder, der Fall landete vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) - und das hat nun entschieden: Die Schilder müssen weg.

Die Pastafaris geben vor, an die Existenz eines Ungetüms mit Nudel-Tentakeln und Frikadellen-Augen zu glauben. Tatsächlich richtet sich die von Rüdiger Weida als "Bruder Spaghettus" angeführte Gruppe aber gegen die Bevorzugung großer Religionsgemeinschaften im öffentlichen Leben. Bei dem Schilderstreit geht es im Grunde also um sehr wichtige Fragen: Wie ernst gemeint ist die Religionsfreiheit in Deutschland - und genießen im säkularen Staat alle Glaubensgemeinschaften die gleichen Rechte?

Diese Fragen beantworteten die Richter in Frankfurt (Oder) nicht. Sie entschieden allerdings am Mittwoch, dass die "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" auch künftig in Brandenburg nicht mit eigenen Schildern am Straßenrand für seine "Nudelmesse" werben darf.

Konkret geht es in dem Streit um die Frage, ob der Verein vor zwei Jahren mit dem Landesbetrieb Straßenwesen in Gegenwart des Templiner Bürgermeisters die dauerhafte Installierung der Schilder vereinbart hat. Die Behördenvertreter bestreiten dies, dazu sagte in der vergangenen Woche der Anwalt der Spaghettimonster-Kirche, Winfried Rath: "Da wird von Seiten der Behörde bewusst gelogen."

Hintergrund
    Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters (FSM) wurde 2005 vom US-Physiker Bobby Henderson gegründet, er wollte damit vor allem den zunehmenden Einfluss des Kreationismus auf den Schulunterricht kritisieren. Inzwischen hat die satirische Religionsgemeinschaft weltweit Anhänger, sogenannte Pastafari. Als Gottheit wird das Spaghettimonster verehrt, Piraten gelten als die ursprünglichen Pastafari. Mehr Informationen gibt es hier.

In Deutschland kämpft die Spaghettimonster-Kirche seit Langem um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft, bislang allerdings erfolglos. So untersagte das Verwaltungsgericht Potsdam dem deutschen Nudelchef Weida im November, auf dem Foto seines Personalausweises eine Piratenkopfbedeckung zu tragen.

Der 64-Jährige hatte sich auf die im Grundgesetz vorgeschriebene Gleichbehandlung von Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften berufen. Das Gericht befand jedoch, dass der Spaghettimonster-Kirche ein eigener weltanschaulicher Erklärungsansatz fehle. Es sah vielmehr eine "parodistisch-kritische Auseinandersetzung" mit als intolerant und dogmatisch empfundenen Lehrmeinungen.

Andere Spaghettimonster-Fans haben es zumindest etwa in Österreich geschafft, auf offiziellen Papieren mit einem Nudelsieb auf dem Kopf abgebildet zu sein. In Deutschland sind Kopfbedeckungen auf Passbildern grundsätzlich nicht gestattet - es sei denn, die Passbehörde lässt aus religiösen Gründen eine Ausnahme zu.

In Neuseeland ist die Bewegung seit vergangenem Dezember als Religionsgemeinschaft anerkannt und darf daher kirchliche Trauungen durchführen. Da die Pastafaris auch Lesben und Schwule verheiraten und Neuseeland jede kirchliche Trauung automatisch staatlich anerkennt, haben die Nudeljünger indirekt die Homo-Ehe in dem Inselstaat eingeführt.

Für die satirische Religionsgemeinschaft ist das ein großer Erfolg, denn sie setzt sich seit Jahren für die Rechte von Homosexuellen ein - angeblich wegen einer Vision: 2011 habe das Spaghettimonster einer Gläubigen namens Katie mitgeteilt, "dass Homosexuelle schwul oder lesbisch sind, weil es sie mit seinem nudeligen Anhängsel berührt hat", teilte der Verein mit: "Und weil Schwule und Lesben von ihm auserwählt wurden, ist es in seinen Augen (Fleischbällchen) eine Abscheulichkeit, ihnen das Recht auf Ehe zu verweigern."

Auf einen Erfolg wie in Neuseeland setzen auch die deutschen Pastafaris, daher ist ein Ende des juristischen Kleinkriegs zwischen Bruder Spaghettus und den Behörden in Brandenburg trotz des jetzigen Urteils nicht in Sicht. Schon nach der gescheiterten zivilrechtlichen Einigung vor einer Woche hatten die Nudelgläubigen für den Fall einer juristischen Niederlage angekündigt, die nächste Instanz zu bemühen - das sei dank vieler Spenden möglich.

Auf ihrer Webseite schrieb der Verein: "Was wir tun, wird gebraucht. Wir versprechen euch, wir werden nicht damit aufhören."

Im Video: Beim Gottesdienst der Religions-Satiriker

The Brick Testament

mxw/dpa

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