Terror-Knast Paddington Green Guantanamo light

Mit den Rucksackbombern haben britische Fahnder erstmals Terroristen lebend gefasst, die nun in einem Hochsicherheitsgefängnis verhört werden. Agiert wird unter extremen Zeitdruck, die Behörden fürchten weitere Anschläge. Schon wird diskutiert, wie weit man bei Terror-Verdächtigen gehen darf.

Aus London berichtet


Station Paddington Green: Gesetzliche Grenzen nicht überschreiten
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Station Paddington Green: Gesetzliche Grenzen nicht überschreiten

London - Von außen sieht die Polizeistation Paddington Green aus wie jede andere Behörde in London oder irgendwo auf der Welt. Die einstmals weiße Fassade des tristen Komplexes mitten in der Themsemetropole ist schon leicht grau geworden. Aus dem schmucklosen dreigeschossigen Grundgebäude ragen zwei große Bürotürme heraus. Hinter den Lammellen an den Fenstern in den oberen Geschossen schimmert nachts Neonlicht. In den unteren Etagen hindert schwarze Folie jeden Interessierten daran, genauer hinein zu sehen. Videokameras zeichnen jede Bewegung auf, Wachposten sind rund um die Uhr auf Streife.

Seit vergangenem Freitag schaut ganz England auf die Polizeistation am Westway, gleich neben der U-Bahnstation Edgware Road. Vor der mittlerweile weiträumigen Absperrung rund um das Gebäude haben sich TV-Teams aufgebaut, die im Halbstundentakt live auf Sendung gehen. Sie sollen berichten, was tief unter der Polizeistation vor sich geht. Dort sitzen seit dem Freitagnachmittag vier der Männer ein, die am 21. Juli versucht haben, mit Bomben in ihren Rucksäcken Angst und Terror in London zu verbreiten. Daneben hat die Polizei noch sieben andere Verdächtige in Paddington Green untergebracht.

Die Vernehmungen der Verdächtigen laufen unter extremen Zeitdruck. Möglichst schnell müssen die Fahnder herausfinden, ob es hinter den Rucksackbombern eine Art Mastermind gibt. Vor allem aber wollen sie wissen, ob es noch weitere Teams von Bombenlegern gibt, die sich für eine kommende Attacke vorbereiten. Kein Wunder also, dass die Polizei kaum ein Mittel ungenutzt lassen will, um möglichst genaue und wahrheitsgemäße Aussagen aus den Verdächtigen heraus zu bekommen. Wieder einmal lebt dabei die Diskussion auf, wie weit man bei Verdächtigen gehen darf, die unter Umständen Kenntnisse von weiteren Anschlägen haben. Die britische Polizei betont, dass sie die gesetzlichen Grenzen nicht überschreitet.

Wie weit darf die Polizei gehen?

Gleichwohl geraten die Fahnder in diesen Tagen unter Druck. Schon jetzt fragen die ersten Boulevard-Zeitungen mit leichtem Spott, warum die Verdächtigen in Großbritannien noch nicht ausgesagt haben. Besonders die schnellen Aussagen des in Italien gefassten Rucksackbombers Osman Hussein alias Hamdi Adus Issac nähren den Verdacht, dass man die in England einsitzenden Verdächtigen vielleicht nicht hart genug angeht. Daneben mahnten seriöse Zeitungen wie der "Economist" schon vor Tagen, die britischen Behörden dürften trotz der terroristischen Bedrohung die Menschen- und Bürgerrechte nicht aus den Augen verlieren.

Gerade wegen der strengen Geheimhaltung ranken sich um die Zustände im Terror-Zentrum von Paddington Green Gerüchte. Bisher haben nur wenige Zivilisten den Komplex tief im Keller des Polizeikomplexes gesehen. Nur die Anwälte von einigen Terror-Verdächtigen hatten hier die seltene Gelegenheit in das Gefängnis zu schauen, das in den Zeitungen in Bezug auf das US-Terror-Lager auf Kuba gern als das "britische Guantanamo" beschrieben wird. Sie beschreiben ein Verhörzentrum, das in solcher Form bisher nur aus den Zentralen der Bösewichte in James Bond-Filmen zu sehen war. Glaubt man den Berichten, existiert tief im Londoner Untergrund zumindest eine Light-Version von Guantanamo.

Hochsicherheitsrakt in Guantanamo: Komplett künstliche Welt
AP

Hochsicherheitsrakt in Guantanamo: Komplett künstliche Welt

Eine ganze Keller-Etage haben die Planer der Station für besonders gefährliche Terroristen eingerichtet. Diese ist durch mehrere Sicherheitsschleusen und Kontrollen von der normalen Polizeistation komplett abgetrennt. Für alle Eventualitäten wurde vorgesorgt: Bei Stromausfällen steht jederzeit ein Notstromgenerator zur Verfügung. Auch die Sauerstoffversorgung kann zur Not aus künstlichen Reserven geregelt werden. Im Terror-Keller soll für jeden der Verdächtigen der Eindruck einer komplett künstlichen Welt entstehen, aus der es für die Inhaftierten keinen Ausweg gibt. So wollen die Fahnder die mutmaßlichen Terroristen unter Druck setzen und möglichst schnell Aussagen aus ihnen herausbekommen.

Neonlicht 24 Stunden lang

Auch die Kellerzellen sollen den Verdächtigen keinerlei Möglichkeit zur Ablenkung gestatten. Getäfelt mit exakt gleichgroßen weißen Kacheln steht den Gefangenen in dem zehn Quadratmeter großen Raum eine harte Betonpritsche mit dünner Auflage zur Verfügung. Zwei Videokameras und ein Beamter vor der Tür überwachen jederzeit alle Bewegungen der Verdächtigen. Von Beginn der Inhaftierung an müssen diese weiße Anzüge wie die Beamten der Spurensicherung tragen. Ausgänge im Hof bei Tageslicht sind nur bei Kooperation mit den Vernehmungsbeamten gestattet. Tag und Nacht müssen die Verdächtigen mit Vernehmungen rechnen, die meist nur durch 15-minütige Pausen unterbrochen werden.

Zellen in Guantanamo: Neonlichtbeleuchtung rund um die Uhr
AP

Zellen in Guantanamo: Neonlichtbeleuchtung rund um die Uhr

Die Polizei betont, alle muslimischen Gefangenen bekämen in ihrer Zelle auf Wunsch einen Koran und einen Gebetsteppich. Ehemalige Gefangene berichteten nach ihrer Freilassung, dass grelle Neonlicht in den Zellen bleibe 24 Stunden am Tag eingeschaltet. Andere vermuteten, dass die Polizei an der Belüftung der Zellen manipuliere und die Temperaturen absichtlich extrem heiß oder kalt einstelle. Diese Taktik ist aus den Verhörzentren der CIA bekannt. Die britische Polizei weist alle Vorwürfe der indirekten Folter zurück. Allerdings verweigerten die Behörden auch kritischen Politikern stets den Zugang zu dem geheimen Zentrum.

Entscheidend werden die Taktiken bei den Verhören selbst sein. Experten gehen davon aus, dass die Polizei die Verdächtigen stets mit zwei Beamten befragen wird. Einer davon wird vermutlich selbst Muslim sein und versuchen, das Vertrauen der Verdächtigen zu gewinnen. Mit Bildern und Videos der verheerenden Wirkungen der Bomben vom 7. Juli könnte das Team besonders bei den gescheiterten Bombern versuchen, Gefühle zu provozieren. Klappt dies nicht, schaltet sich der andere Beamte nach dem Prinzip good cop vs. bad cop ein und beginnt den Verdächtigen mit Vorhalten und Beschuldigungen unter Druck zu setzen. So sollen wichtige Informationen aus den mutmaßlichen Terroristen herausgepresst werden.

Perfides Spiel mit Essen und Schlaf

Wie weit die Beamten bei den Befragungen gehen, bleibt ein Geheimnis der Beteiligten. Körperliche Misshandlungen sind jedoch eher unwahrscheinlich, da diese - anders als in Guantanamo - bei späteren Gerichtsverhandlungen öffentlich würden. Neben drohenden Strafverfahren gegen die beteiligten Polizei- oder Geheimdienstbeamten wäre damit auch die Verwertbarkeit von Aussagen gefährden. Zu gut wissen auch alle Terror-Fahnder zudem, dass die allgegenwärtige Videokamera jede Handlung aufzeichnet. Auch wenn die Protokolle der Geheimhaltung unterliegen, kann sich jeder hier an die dramatischen Veröffentlichung der Bilder aus Abu Ghureib erinnern.

Durchaus erlaubt sind allerdings perfide Taktiken beim Umgang mit den Verdächtigen. Schlafentzug durch häufige Zellenkontrollen in der Nacht gehört zum Potential der Terror-Fahnder, ebenfalls die Kontrolle von Essen je nach Kooperation. Da stets dieselben Beamten für die Vernehmungen zuständig sind, entsteht über die Zeit ein vertrautes Verhältnis. Genau über dies soll später Druck ausgeübt werden, um die Rucksackbomber zu Aussagen zu bewegen. Bei den Verhören können zudem andere Beamte in einem Kontrollraum jederzeit Anweisungen geben, was die beiden Vernehmungsbeamten tun sollen. Dazu sind in der Zentrale Psychologen, Geheimdienstler und Verhörspezialisten versammelt.

Bisher jedoch haben alle Maßnahmen noch keine Früchte getragen, zumindest hat die Polizei noch keinerlei Informationen zur Kooperation der vier Hauptverdächtigen veröffentlicht. Sie wird sich jedoch in den kommenden Tagen mit der Präsentation von Ergebnissen zurückhalten, um die weiteren Ermittlungen nicht zu gefährden. Die Diskussion um die Behandlung der Gefangenen wird jedoch in der Öffentlichkeit weitergehen. Sagen diese nicht schnell aus, werden die zumindest die britische Boulevardpresse schnell eine härtere Gangart fordern. Die Polizei muss aufpassen, dass sie in diesem Spiel nicht zum Getriebenen wird. Eine Folterzentrale mitten in London würde weitere Anschläge eher befördern als verhindern.

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