Von Julia Jüttner, Jena
Die Rollenverteilung des Trios war klar definiert: Uwe Böhnhardt war der Militante, Uwe Mundlos der Intellektuelle, Beate Zschäpe die Mitläuferin. Als eine von wenigen Frauen in diesen Runden, so erinnern sich die damaligen Weggefährten, hielt sie sich im Hintergrund, zeigte sich weder politisch aktiv noch engagiert, sondern hörte zu und flirtete mit den Funktionären. Einige sagen ihr mehrere Affären in der rechten Szene nach.
Die Beziehung zu Mundlos und Böhnhardt beschreiben die meisten als klassische Ménage à trois, mit der sich die Männer arrangiert hätten. "Mal war sie mit dem zugange, mal mit dem anderen", sagt einer, "später hat sie sich wohl für Mundlos entschieden."
Mundlos, der Gebildete
Mundlos, Sohn eines Professors, hörte Musik von AC/DC und Udo Lindenberg, kümmerte sich um seinen behinderten Bruder, der im Rollstuhl sitzt, und schob ihn regelmäßig durch die Plattenbausiedlung, in der sie aufwuchsen. Eine Nachbarin erinnert sich an Mundlos' gute Manieren.
Zum Zeitpunkt seines Verschwindens holte er im Ilmenau-Kolleg das Abitur nach. Auf seinem Schreibtisch stand ein Porträt: Auf die Frage eines Mitschülers, wer der Mann darauf sei, sagte Mundlos: "Rudolf Heß. Selbstgezeichnet!"
In der Klasse gerierte er sich als Einzelgänger, sein einziger Freund auf dem Schulhof war einer aus dem Jahrgang über ihm. Eine Art Vorzeige-Nazi und Kampfsportler mit kurz geschorenen Haaren, von dem ein Klassenkamerad sagt, er habe Mundlos rekrutiert und stark beeinflusst. "Das war einer der Menschen, vor denen ich wirklich so etwas wie Angst hatte. Das gab es nicht oft, ich war selber mehr als ein Jahrzehnt lang Kampfsportler."
Die Lehrerin beschreibt den Professorensohn als "extrem höflich". Er sei ein guter Schüler gewesen, hatte naturwissenschaftliche Leistungskurse belegt, wollte studieren. Alkohol oder Drogen seien kein Thema gewesen.
Zweimal sei Mundlos auf dem Schulhof von einem Mann abgeholt worden, der eine SA-ähnliche Uniform getragen habe. Er selbst habe sich grundsätzlich schwarz gekleidet. Einem Mitschüler erzählte er kurz vor seinem Verschwinden, er habe Ärger und wolle nach Dänemark abhauen.
Er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert, sagt Markus Heinz*, der gemeinsam mit ihm Straftaten begangen hat. "Der saß lieber in der zweiten Reihe und machte nur mit, wenn man ihn überredete."
Böhnhardt, der Militante
Böhnhardt dagegen sei introvertiert und ein militanter Waffennarr gewesen, unkontrolliert und zu allem bereit. Es habe ihn Beherrschung gekostet, bei den Kameradschaftsabenden - bei denen es regelmäßig zu Polizeikontrollen kam - die Waffe daheim zu lassen.
Für die ehemaligen Kameraden steht fest, wer bei der Mordserie in den vergangenen Jahren "den Finger am Abzug hatte". "Aus nächster Nähe einen Menschen zu erschießen, das kann nicht jeder", sagt Hansen. Böhnhardt hätte man den tödlichen Raubzug schon damals zugetraut, aber den anderen? "Vielleicht verroht man in der Illegalität so dermaßen, dass man wie in einem Horrorfilm on tour geht." Bei dem Überfall auf die Heilbronner Polizisten im April 2007 müssen zwei geschossen haben, denn laut Ermittlern wurden die im Streifenwagen sitzenden Beamten zeitgleich angegriffen und in den Kopf geschossen.
Die rechte Szene in Ostthüringen sei damals "sehr militant und gewalttätig" gewesen, sagt Katharina König, Sprecherin für Jugendpolitik und Antifa der Fraktion Die Linke im Thüringer Landtag. Sie kennt die Neonazi-Szene in der Region seit den Neunzigern. "Das Alltagsleben damals war bedroht, wenn man sich als 'Andersdenkender' zu erkennen gegeben hat", so König. Neonazis seien mit Waffen, Schreckschusspistolen und Baseballschlägern durch die Stadt marschiert. "Das Gewaltpotential war sehr hoch."
Zschäpe, die Mitläuferin
Zschäpe fällt in den Erzählungen der Platz im Hintergrund zu. "Die hat höchstens mal im Auto gewartet", vermutet einer. Anders als Mundlos und Böhnhardt bekannte sie sich optisch nicht zu ihrer Gesinnung. Während die Männer schwarze Bomberjacken, Springerstiefel trugen, dazu gern auch mal ein Hakenkreuz, verweigerte sich Zschäpe der damaligen Neonazi-Uniform.
Einmal soll sie einer jungen Frau im Streit den Arm gebrochen haben. "Ja, die Beate konnte eher Sport als Verhandeln, sie ist alles andere als eine Intellektuelle", sagt Wittig. Gegen die 36-Jährige wird wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, wegen Mordes, versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung ermittelt. Sie wolle nur aussagen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert werde, berichtet "Bild am Sonntag".
Dass das Trio mehr als 13 Jahre lang - auch wenn es Unterstützer hatte - im Wesentlichen auf sich allein gestellt war und unter "sicher absonderlichen Bedingungen" durchgehalten hat, ringt ihren Kameraden von einst einen gewissen Respekt ab. "Es spricht dafür, dass sie als Gruppe sehr integer waren", sagt Ex-"Heimatschützer" Hansen. "Fragt sich nur, warum dann eine überlebt hat."
*Name von der Redaktion geändert
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