Terrorprozess Schlussstrich unter das Massaker von Madrid

Endlich Aufklärung, Gewissheit - und Ruhe für die 191 Toten. Das erwartet Spanien von dem spektakulären Prozess, der die Anschläge vom 11. März 2004 aufrollt. Der erste Tag zeigte, wie zäh das bisher größte Verfahren gegen Islamisten in Europa werden dürfte.

Von , Madrid


Polizisten patrouillieren mit Schäferhunden, die unter parkenden Autos und in U-Bahn-Eingängen nach Sprengstoff schnüffeln. Hubschrauber überfliegen die wichtigsten Verwaltungsgebäude. Der Innenminister hat die Antiterroreinheiten in Alarm versetzt.

Angeklagter Rabei Osman Sayed Ahmed (vorne) mit Mitangeklagten im Gerichtssaal: "Ich will, dass sie mich gut sehen"
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Angeklagter Rabei Osman Sayed Ahmed (vorne) mit Mitangeklagten im Gerichtssaal: "Ich will, dass sie mich gut sehen"

Der Anlass: In Madrid hat heute das Hauptverfahren im Prozess gegen die Zugattentäter vom 11. März 2004 begonnen. Für das bisher größte Verfahren in Europa gegen radikale Islamisten wurde eigens ein turnhallenartiger Klinkerbau auf dem ehemaligen Messegelände der Casa de Campo eingerichtet. Den 29 Angeklagten wird der Terroranschlag mit 191 Toten und fast 2000 Verletzten zur Last gelegt.

Anschlagsopfer, ihre Anwälte, die Pflichtverteidiger der Angeklagten, an die 150 Journalisten aus aller Welt - sie alle drängen durch die enge Sicherheitsschleuse am Eingang. Schließlich schafft ein fensterloser Bus der Guardia Civil die Beschuldigten herbei, die in verschiedenen Haftanstalten einsitzen. Sie müssen der Verhandlung in einem panzerverglasten Käfig folgen.

Als die Männer - die meisten Marokkaner - auf ihre Plätze geführt werden, bleibt im Saal nur noch Pilar Manjón stehen. Ihren 20-jährigen Sohn David hat sie bei den Anschlägen vor drei Jahren verloren. Jetzt fixiert sie die Täter. Einen nach dem anderen. "Ich will, dass sie mich gut sehen", sagt die Vorsitzende einer Opfervereinigung, "in den kommenden Monaten werde ich ihr schlimmster Albtraum sein."

Mit einer halben Stunde Verspätung eröffnet Gerichtspräsident Javier Gómez Bermúdez, 44, die erste Sitzung. Hinter dem Richtertisch in dem mit hellem Holz verkleideten Raum sind die Untersuchungsakten in 241 weissen Ordnern aufgebaut.

40 von 38.656 Jahren Haft muss er wohl verbüßen

Als erster soll Rabei Osman Sayed Ahmed, 35, aussagen, bekannt als "Mohammed der Ägypter". Ihn halten die Ermittler für den Ideologen der Attentäter. Im Juni 2004 war er in Mailand verhaftet worden - nachdem die Polizei Gespräche abgefangen hatte, in denen sich der Mann mit dem schwarzen Bart rühmte: "Die ganze Operation in Madrid war meine Idee."

Italienische Richter hatten ihn Ende des vergangenen Jahres zu zehn Jahren Haft wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation verurteilt und jetzt vorübergehend für den Prozess nach Spanien überstellt. Hier erwartet ihn eine Verurteilung über die astronomische Summe von 38.656 Jahren Haft, von denen er jedoch nur die zugelassene Höchstzeit von 40 Jahren verbüßen müsste.

"Ich erkenne keinen der Anklagepunkte an", sagt Osman auf arabisch gleich zu Beginn. "Mit allem Respekt vor dem Präsidenten und den Richtern, ich werde auf keine Fragen antworten." Bekleidet mit einem hellen Anorak und grauem zopfgestrickten Pullover über Jeans, hört er sich anschließend über dicke Kopfhörer für die Übersetzung ganz ruhig von der Angeklagtenbank aus die Fragen an, die während einer Stunde verlesen wurden. Die Tonübertragung in die Panzerglaskabine versagt, so lehnt sich der Ägypter entspannt in seinem Sessel zurück. Manchmal scheint er zu lächeln, wenn auch nur mit den Augen.

Die Staatsanwältin Olga Sánchez liest von ihrem Laptop in Frageform quasi einen Abriss der Ermittlungen vor, die Richter Juan del Olmo vom Nationalen Gerichtshof geleitet hatte.

"Die Märtyrer sind meine allerliebsten Freunde"

In Gerichtskreisen wird der "Ägypter" als das Hirn hinter den Attacken auf die Vorortzüge angesehen. In den abgehörten Telefonaten und Gesprächen mit Vertrauten in seiner Mailänder Wohnung hatte er sich gerühmt: Sein "Projekt" in Madrid habe ihm "viel Nachforschen und viel Geduld" abverlangt. Er habe zweieinhalb Jahre dafür gebraucht. "Diejenigen, die als Märtyrer gestorben sind, sind meine allerliebsten Freunde", sagte der Ägypter.

Allerdings könnte er Befehlen eines höher stehenden intellektuellen Autors aus Quaida-Kreisen gehorcht haben. Denn aus den in Mailand abgehörten Konversationen geht hervor, dass Osman als geistigen Führer den saudiarabischen Iman Salman al Aouda konsultierte, einen Freund Bin Ladens.

In seiner Heimat hatte der 1971 im ägyptischen Gharbia geborene Angeklagte den obligatorischen dreijährigen Militärdienst geleistet und danach, so wird vermutet, zwei weitere Jahre als Freiwilliger in der Sprengstoff-Einheit in Port Said gedient. Die Ermittler nehmen auch an, dass er in den neunziger Jahren Mitglied der zum Quaida-Netzwerk gehörenden terroristischen Organisation "Dschihadia Islamica Ägyptens" geworden ist. Die spanische Polizei glaubt, dass er deswegen in seiner Heimat im Hochsicherheitsgefängnis von Abu Za Abal einsaß.

Nach der Staatsanwältin stellen die Anwälte von 22 Nebenklägern Fragen in den Raum, auf die er nicht reagiert. Hat er mit anderen Terrororganisationen zusammengearbeitet? Welche Beziehungen unterhält er zur Quaida? Warum wollte er sich am Okzident rächen? Eisernes Schweigen.

Deshalb lässt der das Verfahren mit Entschlossenheit leitende Gerichtspräsident schließlich das Protokoll der Aussagen verlesen, die Osman im Dezember 2004 vor dem Untersuchungsrichter del Olmo gemacht hat, als er vom Mailänder Gericht zum Verhör nach Madrid überstellt worden war.

Nach Spanien sei er im Juli 2001 aus Deutschland gekommen, wo er in einem Asylantenheim in Lebach gelebt hatte. Er habe Arbeit gesucht, weil die Regierung des Konservativen José María Aznar damals Ausländern Papiere gab. Im engsten Kreis und ohne sich ins Heiratsregister einer Moschee einzutragen, hatte er eine junge Tunesierin zur Frau genommen. Nur selten arbeitete er als Maler auf dem Bau.

Während seiner Madrider Zeit, so werfen ihm die Ermittler vor, begann der Ägypter, die europäischen Zellen der Quaida zu koordinieren. Schon 2002 waren seine Umtriebe "als Führer einer mit der Quaida verbunden Gruppe" dem Untersuchungsrichter Baltasar Garzón aufgefallen. Der ließ ihn überwachen und seine Telefone abhören. Sein unzertrennlicher Freund, mit dem er zusammen betete und oft ein Landhaus bei Chinchón nahe Madrid besuchte – dort wurden am 10. März 2004 die Bombentaschen für die Anschläge gepackt –, war Serhane Ben Abdelmajid Fakhet, genannt der Tunesier. Osman behauptete, Serhane sei nichts weiter als sein Spanischlehrer gewesen. Dass er auch mit dessen Schwager Mustafa Maimouni verkehrte, der später als einer der Führer der Salafia Dschihadia wegen der Anschläge von Casablanca 2003 verurteilt wurde, leugnete er.

Videokonferenz mit geistlichem Führer in Saudi-Arabien

Seit Februar 2003, als er seine tunesische Frau zurückließ und nach Paris zog, habe er spanischen Boden nicht mehr betreten. Im Dezember 2003 sei er nach Mailand gezogen. Dort hatte ihn die Polizei nach den Madrider Attentaten auf Hinweis der spanischen Kollegen lokalisiert, die seine Handynummer in den digitalen Adressbüchern einiger Verdächtiger fanden.

Aus abgehörten Gesprächen schließen die Fahnder, dass er zuletzt am 4. März Kontakt zu den Attentätern hatte. Osman wollte jedoch seine Stimme auf den Bändern nicht erkennen. Ein Zeuge sagte überdies aus, ihn in den Tagen vor dem Anschlag noch einmal in dem Haus gesehen zu haben, wo der Sprengstoff mit den Handy-Zündern für die Anschläge hergerichtet wurde.

Den Kontakt zur Qaida und zu seinen fundamentalistischen Brüdern hielt der Ägypter über Internet. Noch im Mai 2004 wurde eine Videokonferenz mit seinem geistlichen Führer in Saudi-Arabien von den Fahndern registriert. Auf der Festplatte eines Notebooks waren Photos von Systemen zur Bombenauslösung durch Handys, daneben Bilder von Folterungen in Abu Ghureib und Videos von den Köpfungen Entführter aus dem Irak. Osman behauptete gegenüber dem Untersuchungsrichter, er verstehe nicht mehr von Informatik als ein Zehnjähriger. Der Computer habe ihm überdies nicht gehört und sei von allen Besuchern in der Mailänder Wohnung benutzt worden.

Plötzlich bricht der Angeklagte doch noch sein Schweigen

Heute im Gerichtssaal wartet Rabei Osman dann nach einer Beratung mit seinem Strafverteidiger kurz vor der Mittagsunterbrechung mit einem Überraschungscoup auf. Plötzlich kündigt er an, die Fragen seines Rechtsbeistands am Nachmittag beantworten.

Ab vier Uhr kommt dann die Stunde des bisher so ruhigen, gelassenen Manns. Der sonst so freundliche Gerichtspräsident Gómez Bermúdez sieht sich mehrfach genötigt, die Einlassungen von Rabei Osmans Anwalts als "impertinent" oder "nicht sinnvoll" abzuweisen.

Rabei Osman gibt zu Protokoll, er verurteile "bedingungslos", "klar" und "absolut" die Anschläge vom 11 März 2004 in Madrid, die ihm als Haupttäter zur Last gelegt werden. Er habe nichts damit zu tun, sagt er. "Ich hatte keinerlei Verbindung zu islamistischen Organisationen in Ägypten." Mit Sprengstoff könne er nicht umgehen. Ebenso verdamme er die Attentate von London und New York. "Der Islam ist eine Religion des Friedens", sagt er. Er bekennt sich zum muslimischen Glauben. Doch übe er seine Religion "normal" aus, jeder Extremismus liege ihm fern.

Der Prozess wird zäh, das steht fest

Der erste Verhandlungstag von Madrid lässt schon die gewaltigen Schwierigkeiten aufscheinen, die auf das Gericht warten. Der stets elegant gekleidete Gerichtspräsident Gómez Bermúdez hofft dennoch, bis zum Juni die Befragungen der Angeklagten, der mehr als 600 Zeugen und der Gutachter abschließen zu können. Das Urteil könnte er dann bis Oktober geschrieben haben.

Den Angeklagten die Taten hieb- und stichfest nachzuweisen, könnte auch an den folgenden Verhandlungstagen - drei pro Woche - kompliziert werden. Osmans Anwalt gab etwa an, die Beweise gegen seinen Klienten seien unter Verletzung der Grundrechte zustande gekommen. Auch der Sprecher der Pflichtverteidiger, Eduardo García Pena, zweifelt an den Ermittlungen. Er und seine Kollegen überlegen, das Verfahren anzufechten.

Immerhin noch fast ein Drittel der Bürger glaubt nach Umfragen an eine Verschwörungstheorie, die die konservative Volkspartei verbreitet (die während der Attentate an der Regierung war): Nicht radikale Islamisten, sondern die baskische Terrororganisation Eta habe den Anschlag in Auftrag gegeben.

Doch laut der gestern veröffentlichten Umfrage vertrauen fast 60 Prozent der Spanier auf eine Lösung durch die Justiz. Die Richter sollen endlich dieses kontroverse Kapitel der jüngsten Vergangenheit ihres Landes abschließen.



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