Terrorrazzia in London Der Fehlschlag von Forest Gate

250 Beamte hatte die Polizei zu einem Haus im Osten Londons geschickt, die Stadt war in Aufruhr - wegen einer Bombe, die es nicht gab. Der größte Terroreinsatz seit den Anschlägen im Juli 2005 ist ein Debakel: Laut "Guardian" waren die Informationen, die zu der Razzia führten, ungeprüft und falsch.


London - Bislang sei der Einsatz vom vorigen Freitag als kompletter Fehlschlag zu werten, berichtet die britische Zeitung. Die Fahnder hatten mehrfach ein Haus in Forest Gate im Osten Londons durchsucht, in dem sie eine Bombe vermuteten - ohne Erfolg. Die Ermittler hätten weder einen Sprengsatz noch entsprechende Materialien gefunden, berichtet die Zeitung. Die beiden Bewohner, denen terroristische Aktivitäten vorgeworfen werden, beteuern seit Tagen ihre Unschuld. Einer der Männer wurde bei dem Einsatz angeschossen. Wie es dazu kam, ist noch unklar.

Laut "Guardian" stammen die Aussagen, die zu der Razzia führten, von einem Informanten der Polizei. Der Mann habe schon seit Wochen immer wieder Informationen über mutmaßliche islamistische Aktivitäten in London beschafft. Die Polizei habe die jüngsten Informationen dann an den britischen Inlandsgeheimdienst MI5 weitergegeben, und gemeinsam hätten die beiden Stellen den Einsatz dann beschlossen. Zeit für eine gründlichere Prüfung der Angaben habe es nicht gegeben, zitiert das Blatt einen anonymen Geheimdienstler. "Wenn die Informationen zutreffend gewesen wären, wäre die Bevölkerung in ernster Gefahr gewesen. Wir konnten das nicht klären, bevor wir das Haus gestürmt haben." Das Risiko sei einfach zu groß gewesen. Erst im Nachhinein habe sich die Information des Zuträgers als falsch herausgestellt.

Bisherigen Angaben zufolge waren die Fahnder bei der Durchsuchung des Hauses auf der Suche nach einer sogenannten schmutzigen chemischen Bombe. Dabei handelt es sich um einen Sprengsatz, der mit giftigen Substanzen versetzt ist. Eine Stellungnahme der Polizei, warum Ermittler auf einen der Verdächtigen geschossen haben, gibt es bislang nicht. Laut "Guardian" befasst sich die unabhängige Beschwerdestelle der Polizei mit dem Vorfall.

An dem Einsatz waren mehr als 250 Polizisten beteiligt, einige davon in Schutzanzügen. Zeitungen hatten unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet, möglicherweise stehe ein Anschlag unmittelbar bevor. Ziele könnten das U-Bahn-Netz oder gut besuchte Pubs sein, in denen Fans während der Fußball-WM Spiele im Fernsehen verfolgen. Es handelte sich um eine der größten Razzien seit den Selbstmordanschlägen auf das Londoner Nahverkehrssystem, bei denen 52 Personen ums Leben kamen.

ffr



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