Tessin-Prozess Als zwei Buben zu Bestien wurden

Ihre Tat war von unvorstellbarer Grausamkeit: Die 17 Jahre alten Schüler Felix D. und Torben B. metzelten im mecklenburgischen Tessin ein Ehepaar nieder. Dafür müssen sie nun jahrelang ins Gefängnis. Doch warum sie mordeten, bleibt auch nach dem Urteil unklar.


Schwerin - Neun Jahre und sechs Monate Jugendhaft - das ist die Strafe für die beiden 17-Jährigen, die Anfang des Jahres mit unglaublicher Brutalität ein ihnen bekanntes Ehepaar erstochen haben. Sie metzelten es regelrecht nieder, laut Staatsanwaltschaft "mit einer Vielzahl von Messerstichen in Rumpf und Kopf".

Heute hat das Landgericht Schwerin sein Urteil gefällt: Die Kammer sah es als erwiesen an, dass Felix D. und Torben B. das Ehepaar ermordeten, die Tat also geplant hatten. Obwohl der Jugendprozess nicht öffentlich war, drangen immer wieder Details zur Tat aus dem Saal. Nur eine Frage wurde nie befriedigend beantwortet: Warum?

Nahezu lückenlos rekonstruiert ist der Ablauf der Tat. Am 13. Januar gegen 22 Uhr klingeln Felix und Torben im westmecklenburgischen Tessin an der Haustür der Familie E. Als der 46-jährige Vater die Tür öffnet, fordern sie ihn auf, sich hinzuknien. Doch der Mann wehrt sich. Da stechen die beiden mit mitgebrachten Küchenmessern auf ihn ein. In der ersten Etage fällt ihnen die 41 Jahre alte Ehefrau zum Opfer - mehr als 60 Messerstiche zählt die Obduktion später. Nur der 16-jährige Sohn Florian kann sich in einem Zimmer verbarrikadieren und die Polizei anrufen.

Die Täter zeigen der von ihnen zuvor als Geisel genommenen 15-jährigen Eyleen die blutüberströmten Eheleute. Vor ihren Augen stechen sie erneut auf die sterbende Frau ein. Als die Polizei eintrifft, fliehen sie mit dem Mädchen im Auto des getöteten Ehepaares. Nach einem Unfall und rund einstündigen Verhandlungen mit der Polizei geben die beiden auf.

Die Bluttat von Tessin schockiert ganz Deutschland. Besonders grausam erscheint sie, weil sie sich in einem 200-Seelen-Dorf abspielte, die Täter ihre Opfer kannten und bei Freunden und an ihrem Gymnasium im nahe gelegenen Boizenburg als unauffällig, fleißig und höflich galten.

Mögliche Auslöser der Tat

In den Vernehmungen sagen Felix und Torben, sie hätten ein Auto stehlen wollen, um damit nach Japan zu fahren und ein neues Leben zu beginnen - angeblich als Ninja-Kämpfer. Doch schnell geraten Computerspiele als mögliche Auslöser der Tat ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass die beiden vor der Tat den Film "Final Fantasy VII" gesehen haben.

Die Auswirkung von Videospielen und Horrorfilmen wird zu einem Kernpunkt im Prozess. Die Verteidigung sieht darin eine Begründung für die Tat - die Anklage sträubt sich von Anfang an dagegen. Der Verteidiger von Felix fordert, den erheblichen Anteil von Videospielen und Horrorfilmen, die vor allem Felix konsumiert habe, in dem Urteil angemessen zu berücksichtigen. Diese Frage sei auch von allgemeinem Interesse, sagt Anwalt Johann Schwenn. Die Tat sei nicht geplant gewesen, sondern aus dem Ruder gelaufen.

Die Staatsanwaltschaft hingegen misst Gewaltvideos und Computerspielen keine tragende Rolle zu. Das bestätigen auch die Sachverständigen. Ihrem Urteil zufolge können die Angeklagten sehr wohl zwischen Fantasie und Realität unterscheiden, seien sogar überdurchschnittlich intelligent. Die Psychiater befinden beide für voll schuldfähig.

Außerdem geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Jugendlichen die Tat mehrere Wochen vorher geplant und ihre Opfer bewusst ausgewählt haben. Sie sollten wenig Gegenwehr leisten und leicht zu überwältigen sein. Felix habe die Opfer ausgewählt, heißt es. Es waren die Eltern seines Freundes Florian, einem Förderschüler aus dem Dorf, mit dem er zusammen Videospiele gespielt hatte.

Doch das Bild wird während des Prozesses noch düsterer. Laut Staatsanwaltschaft sei es einem der Angeklagten auch darum gegangen, auszuprobieren, wie es sich anfühlt, einen Menschen zu töten. Auch vom Wunsch nach Machtausübung ist die Rede.

In dieses Bild passen die Aussagen des Vaters von Felix D. Er spricht zum Auftakt des Prozesses im "Zeit Magazin Leben" erstmals öffentlich über seinen Sohn und Hintergründe zur Tat. Während Felix zunächst fast ein Musterknabe zu sein schien, spielten in seinem doch auch immer Minderwertigkeitsgefühle eine Rolle. Felix flüchtete sich zunehmend in eine virtuelle Welt. In Computerspielen und Gewaltfilmen entdeckte er neue Vorbilder und eiferte den gnadenlosen Kämpfern nach.

In seinem Tagebuch und anderen Aufzeichnungen aus den vergangenen zwei Jahren finden die Eltern finstere Gedanken und Tötungsfantasien. Seine 15-jährige Schwester berichtete von einem dieser furchtbaren Hirngespinste: "Seine ganze Klasse sollte sich in eine Reihe aufstellen und durch Kopfschuss hingerichtet werden."

Heute ist Felix wegen Doppelmordes verurteilt worden.

jdl/AP



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