Tragödie bei Tetra-Pak-Erben: Die Geschichte von Eva und Hans

Von Simone Utler

Tetra-Pak-Erbe Hans Kristian Rausing und seine Frau besaßen ein riesiges Vermögen, verkehrten in Londons High Society, waren generöse Wohltäter - und kämpften mit Drogenproblemen. Nun ist die 48-jährige Eva Rausing tot. Zerbrach sie an der Ziellosigkeit ihres Lebens?

Gattin eines Tetra-Pak-Erben: Der Tod der Eva Rausing Fotos
AP/ The Picture Library

London - Eine schlichte, aber geniale Idee ist es, die das Leben der Familie Rausing seit Generationen bestimmt: die Idee, flüssige Lebensmittel wie Milch oder Saft in Kartons zu füllen, sie damit lagerfähig und haltbar zu machen. Es bescherte dem Erfinder des Tetra Pak und seinen Nachkommen ein Milliardenvermögen, aber alles andere als eine sorgenfreie Existenz.

Eva Rausing, die nun mit nur 48 Jahren in London starb, und ihr Mann Hans Kristian Rausing, 49, machten schon vor Jahren Schlagzeilen wegen Drogenmissbrauchs. Der Enkel des Tetra-Pak-Firmengründers und die Tochter eines Pepsi-Managers wohnten im exklusivsten Viertel der englischen Hauptstadt. In dem eleganten, weiß verputzten Haus im Cadogan Place 62, mit zwei Säulen am Portal, wurde die Leiche Eva Rausings gefunden, länger als eine Woche soll ihr Mann laut einem Bericht des "London Evening Standard" mit der Toten dort gelebt haben.

Dem Bericht zufolge wurde der 49-Jährige am Montag von der Polizei aufgegriffen, als er orientierungslos mit dem Auto durch die Stadt fuhr. Hans Kristian Rausing befindet sich zur Behandlung in einem Krankenhaus, gegen ihn wird Medienberichten zufolge wegen Drogenbesitzes ermittelt.

Woran Eva Rausing starb, ist noch unklar, das endgültige Obduktionsergebnis steht noch aus.

Jugend im beschaulichen Schweden

Die Familie Rausing stammt aus Schweden, Hans Kristians Großvater Ruben hat in den vierziger und fünfziger Jahren das Tetra Pak entwickelt, die Kartonverpackung, die Milch auch ohne Kühlschrank frisch halten soll. Die Söhne bauten das Unternehmen aus. Das Vermögen der Familie wird laut "Sunday Times" auf 5,4 Milliarden Euro geschätzt.

Hans Kristian Rausing wuchs zusammen mit seinen beiden älteren Schwestern in der beschaulichen Universitätsstadt Lund auf. Die Familie führte ein bescheidenes Leben. "Meine jüngeren Geschwister und ich hatten immer genauso viel Taschengeld wie jeder andere, wir gingen auf normale Schulen", sagte Lisbet Rausing, die Älteste, einmal in einem Interview.

Als die Kinder Teenager waren, verließ die Familie Schweden und zog aus steuerlichen Gründen nach England. Hans Rausing senior verkaufte später seine Hälfte des Karton-Imperiums an seinen Bruder Gad. Dessen drei Kinder führen heute das Unternehmen mit inzwischen über 20.000 Mitarbeitern in mehr als 150 Ländern.

Die beiden älteren Schwestern machten ihren Weg: Lisbet ist promovierte Anthropologin, Sigrid Eigentümerin eines Magazins und eines Verlags. Hans Kristian hingegen scheint seine Bestimmung nie gefunden zu haben. Medien berichten von einem "haltlosen Phlegmatiker", einem Mann, der über keine besonderen Talente verfüge und darunter gelitten habe, im Schatten seines Großvaters und seines Vaters aufgewachsen zu sein. Er reiste durch Indien, wo er in Kontakt mit Drogen kam, über eine Ausbildung ist nichts zu lesen. Er selbst bezeichnete sich in der Vergangenheit gern als Finanzier.

Eva Rausing wurde als Eva Kemeny in den USA geboren. Ihr Vater war Geschäftsführer bei Pepsi und ist sehr wohlhabend. Die Familie lebt auf einer abgelegenen Insel im US-Bundesstaat South Carolina.

Über ihre Zeit an der Universität von Kalifornien wird Eva Rausing später schreiben: "Der Anfang war witzig, der Schluss nicht so sehr." Zwischenzeitlich verließ sie die Uni und kehrte erst Jahre später zurück. "Ich hatte Glück, dass ich von einer liebevollen Familie unterstützt wurde - auch wenn ich das damals so nicht gesehen habe", zitiert der "Telegraph" aus den Online-Einträgen. Sie habe sich dann aber zusammengerissen, sei ein "braves und bisschen langweiliges Mädchen" geworden, habe ihren Abschluss gemacht - und anschließend geheiratet.

Sie lernte Rausing während einer Entziehungskur kennen.

Jahre später schreibt sie auf ihrer MySpace-Seite: "Ich bin erstaunlicherweise noch immer mit einem sehr netten, geduldigen und treuen Mann verheiratet. Ich bin sehr glücklich, dass er bei mir geblieben ist - nicht viele hätten das getan."

"Den falschen Weg eingeschlagen"

Der kräftige Mann, der auf älteren Bildern meist mit Vollbart zu sehen ist, und die schlanke Blondine führten ein Leben, wie es üblich ist in ihren Kreisen. Sie pendelten zwischen der Stadtvilla in London, einem 65-Millionen-Euro-Anwesen auf Barbados und einem Apartment auf dem Luxus-Kreuzfahrtschiff "The World". Sie besuchten die Oper, Polospiele und VIP-Partys.

Ihre vier Kinder, die inzwischen im Teenageralter sind, schickten sie auf eine Privatschule in Sussex. Sie werde oft beschuldigt, eine schlechte Mutter zu sein, schrieb Eva Rausing laut "Telegraph" auf ihrer MySpace-Seite. Aber sie liebe ihre Kinder. "So sehr, dass ich mich fast schon ein wenig von ihnen distanzieren muss, sonst schmerzt es zu sehr."

Einen Job hat sie nicht. "Ich arbeite nicht", schreibt sie dem "Telegraph" zufolge. "Dabei sollte ich das wahrscheinlich tun. Oder mir zumindest mal Gedanken darüber machen, wie ich meine Zeit sinnvoll nutzen könnte, um mein Leben zu bereichern."

Medienberichten zufolge gehörten Entgleisungen auf Partys ebenso zum Leben der Rausings wie Aufenthalte in Suchtkliniken. 2008 nahm Eva mehrere Päckchen Drogen in ihrer Handtasche zu einem Fest in der US-Botschaft in London mit. Die Besucher wurden wie üblich von Sicherheitskräften durchsucht, die Drogen entdeckt. Im Townhouse des Paares fand die Polizei daraufhin Kokain, Heroin - und Crack, das vor allem von Süchtigen konsumiert wird, die teuren Stoff nicht finanzieren können.

Das Paar musste sich vor Gericht verantworten, doch die Justiz zeigte sich gnädig: Die Eheleute gestanden, wurden verwarnt und mussten zum Entzug. Eva Rausing sagte damals laut "Guardian", sie habe einen schlimmen Fehler begangen, den sie sehr bedauere: "Ich habe im Laufe des Lebens den falschen Weg eingeschlagen."

Im selben Jahr soll Hans Kristian Rausing nach einem Autounfall Fahrerflucht begangen haben und aus einem Fenster seines Hauses geflohen sein, als die Polizei ihn suchte. Diese gab jedoch an, Rausing sei zu diesem Zeitpunkt gar nicht zu Hause gewesen. Britische Boulevard-Blätter schrieben damals vom "Fluch der Tetra-Pak-Dynastie".

Rückzug aus der High Society

Auch wenn sie selbst ihren Drogenkonsum anscheinend nicht in den Griff bekamen - oder gerade deswegen - unterstützten die Rausings jahrelang Suchthilfeeinrichtungen. Unter anderem brachten sich beide in der Mentor Foundation ein, die jungen Menschen mit Drogenproblemen hilft, und spendeten enorme Beträge.

Besonders Hans Kristian Rausing steht in dem Ruf eines Menschenfreundes und Kulturförderers. Er ließ dem Royal Opera House eine große Spende zukommen und unterstützte die Prince's Foundation, deren Schirmherr Prinz Charles ist. Dieser würdigte Rausing für sein Engagement in der Drogenhilfe einst als "ganz besonderen Philantropen".

In den vergangenen Jahren wurde es ruhiger um das Ehepaar. Die beiden mieden laut "Independent" größere soziale Events. Nachbarn berichteten dem "Telegraph", sie hätten die Rausings selten zu Gesicht bekommen. Manchmal hätten sie den Eindruck gehabt, lediglich das Hausmädchen sei da gewesen. Als am Montag die Polizei vor dem Anwesen stand, dachte eine Bedienstete der Nachbarn, es habe einen Einbruch gegeben.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. So ist es ja oft
marypastor 11.07.2012
Zitat von sysopAP/ The Picture LibraryTetra-Pak-Erbe Hans Kristian Rausing und seine Frau besaßen ein riesiges Vermögen, verkehrten in Londons High-Society, waren generöse Wohltäter - und kämpften mit Drogenproblemen. Nun ist die 48-jährige Eva Rausing tot. Warum ging ihr Leben kaputt? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,843868,00.html
in grossen Unternehmerfamilien: die erste Generation baut auf, die zweite versucht es weiter zu fuehren, die dritte geht unter. Siehe auch: die Buddenbrooks.
2. Allerdings...
Jasro 11.07.2012
Zitat von marypastorin grossen Unternehmerfamilien: die erste Generation baut auf, die zweite versucht es weiter zu fuehren, die dritte geht unter. Siehe auch: die Buddenbrooks.
...bei Familie Schlecker ging das schneller.
3. Traurig.
handknauf 11.07.2012
Es muss furchtbar sein, ein Leben zu führen in dem es nichts zu genießen und nichts zum auskosten gibt, weil man alles besitzen kann.
4.
Rainer Helmbrecht 11.07.2012
Zitat von sysopAP/ The Picture LibraryTetra-Pak-Erbe Hans Kristian Rausing und seine Frau besaßen ein riesiges Vermögen, verkehrten in Londons High-Society, waren generöse Wohltäter - und kämpften mit Drogenproblemen. Nun ist die 48-jährige Eva Rausing tot. Warum ging ihr Leben kaputt? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,843868,00.html
Was mir dabei auffällt ist, dass die beiden Süchtigen mehrmals in Behandlung waren und Geld wohl keine Rolle spielte. So, dass ich da mehr an Scharlatane und Abzocker als Behandler von Suchtkranken vermute. Wenn man nun noch daran denkt, dass Staat und Behörden Unsummen ausgeben, dann frage ich mich, ob es wirklich keine Behandlungsmöglichkeiten gibt, oder ob da Geld verblödelt wird. Im TV wurde das erste Altersheim für Suchtkranke vorgestellt, gibt es da irgendwelche Möglichkeiten die Sucht auch noch im Alter zu Behandeln, oder werden da nur Übersprunghandlungen befriedigt? MfG. Rainer
5.
the great sparky 11.07.2012
Zitat von Rainer HelmbrechtWas mir dabei auffällt ist, dass die beiden Süchtigen mehrmals in Behandlung waren und Geld wohl keine Rolle spielte. So, dass ich da mehr an Scharlatane und Abzocker als Behandler von Suchtkranken vermute. Wenn man nun noch daran denkt, dass Staat und Behörden Unsummen ausgeben, dann frage ich mich, ob es wirklich keine Behandlungsmöglichkeiten gibt, oder ob da Geld verblödelt wird. Im TV wurde das erste Altersheim für Suchtkranke vorgestellt, gibt es da irgendwelche Möglichkeiten die Sucht auch noch im Alter zu Behandeln, oder werden da nur Übersprunghandlungen befriedigt? MfG. Rainer
ja, nee klar. mal wieder die zeitgemäße suche nach "schuldigen" - da muss es doch jemanden geben, um meine eigene fehlleistung zu kaschieren. die sog. scharlatane/abzocker haben den beiden bestimmt nicht die spritze oder die pfeife gereicht - und geld allein macht einen entzug noch nicht erfolgreich, da muss man als betroffener auch seinen teil zu beitragen. aber eigenverantwortung gibts heutzutage wohl nicht mehr - wenn was nicht klappt wird sich schon ein schuldiger finden.
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